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Die kommende antinationale Revolution

NEW HAVEN – Während der letzten Jahrhunderte hat die Welt eine Folge intellektueller Revolutionen gegen unterschiedliche Formen der Unterdrückung erlebt. Diese Revolutionen laufen in den Köpfen der Menschen ab und verbreiten sich – letztlich in den größten Teil der Welt – nicht durch Krieg (der in der Regel mehrere Ursachen umfasst), sondern durch Sprache und Kommunikationstechnologie. Irgendwann dann sind die Ideen, die sie propagieren – anders als die Ursachen von Kriegen – nicht mehr kontrovers.

Ich glaube, dass die nächste derartige Revolution, voraussichtlich irgendwann im Laufe des 21. Jahrhunderts, die wirtschaftlichen Implikationen des Nationalstaats in Frage stellen wird. Sie wird sich auf die Ungerechtigkeit konzentrieren, die aus der Tatsache herrührt, dass einige Menschen, komplett aus Zufall, in armen und andere in reichen Ländern geboren werden. Da immer mehr Menschen für multinationale Unternehmen arbeiten und mehr Menschen aus anderen Ländern kennen lernen, wird das unser Empfinden von Gerechtigkeit beeinflussen.

Erdogan

Whither Turkey?

Sinan Ülgen engages the views of Carl Bildt, Dani Rodrik, Marietje Schaake, and others on the future of one of the world’s most strategically important countries in the aftermath of July’s failed coup.

Dies ist keinesfalls ohne Beispiel. In seinem Buch 1688: The First Modern Revolution argumentiert der Historiker Steven Pincus überzeugend, dass man die sogenannte Glorreiche Revolution am besten nicht unter dem Aspekt des Sturzes eines katholischen Königs durch Parlamentarier in England betrachten solle, sondern als Beginn einer weltweiten Revolution im Bereich der Gerechtigkeit. Man solle dabei nicht an die Schlachtfelder denken, sondern an die Kaffeehäuser mit kostenlosen, gemeinsam gelesenen Zeitungen, die zu etwa dieser Zeit populär wurden – Orte komplexer Kommunikation. Die Glorreiche Revolution markierte, und zwar bereits während sie sich ereignete, eindeutig den Beginn einer weltweiten Anerkennung der Legitimität von Gruppen, die die von einem starken König geforderte „ideologische Einheit“ nicht teilen.

Thomas Paines Pamphlet Common Sense, bei seiner Veröffentlichung im Januar 1776 ein enormer Bestseller in den dreizehn nordamerikanischen Kolonien, markierte eine weitere derartige Revolution, die nicht mit dem Revolutionskrieg gegen Großbritannien, der später im selben Jahr begann (und mehrere Ursachen hatte), identisch war. Die Reichweite von Common Sense lässt sich nicht messen, denn es wurde nicht bloß verkauft, sondern auch in Kirchen und auf Versammlungen laut vorgelesen. Die Idee, dass Erbmonarchen den übrigen von uns in irgendeiner Weise spirituell überlegen wären, wurde darin entschieden abgelehnt. Heute stimmt dem der größte Teil der Welt, einschließlich Großbritanniens, zu.

Dasselbe ließe sich über die Abschaffung der Sklaverei sagen, die überwiegend nicht durch Krieg erreicht wurde, sondern durch ein zunehmendes öffentliches Bewusstsein ihrer Grausamkeit und Ungerechtigkeit. Die Aufstände des Jahres 1848 überall in Europa waren im Wesentlichen ein Protest gegen Gesetze, die das Wahlrecht auf lediglich eine Minderheit der Männer begrenzten: Grundeigentümer oder Aristokraten. Das Frauenwahlrecht folgte wenig später. Im 20. und 21. Jahrhundert haben wir erlebt, wie die Bürgerrechte auf rassische und sexuelle Minderheiten ausgeweitet wurden.

All diese vergangenen „Gerechtigkeitsrevolutionen“ rühren von einer Verbesserung der Kommunikation her. Unterdrückung gedeiht mit der Entfernung, wenn man die Unterdrückten nicht selbst trifft oder sieht.

Die nächste Revolution wird die Folgen des Geburtsortes nicht beseitigen, aber die Privilegien der Nationalität werden abnehmen. Obwohl die Zunahme bei der einwanderungsfeindlichen Stimmung weltweit heute in die gegenteilige Richtung zu weisen scheint, wird das Gefühl der Ungerechtigkeit mit weiter zunehmender Kommunikation verstärkt werden. Letztendlich wird die Anerkenntnis des bestehenden Unrechts große Veränderungen bringen.

Für den Augenblick sieht sich diese Erkenntnis noch immer starker Konkurrenz durch patriotische Impulse ausgesetzt, die auf einem Gesellschaftsvertrag zwischen Staatsbürgern beruhen, welche im Laufe der Jahre Steuern gezahlt oder Militärdienst geleistet haben, um aufzubauen oder zu verteidigen, was sie als ausschließlich als das Ihre betrachteten. Unbegrenzte Einwanderung zu gestatten erschiene als Verletzung dieses Vertrages.

Doch die wichtigsten Schritte zur Bekämpfung der geburtsortbedingten Ungerechtigkeit dürften nicht auf die Einwanderung zielen. Vielmehr werden sie sich auf die Förderung der wirtschaftlichen Freiheit konzentrieren.

Im Jahr 1948 zeigte Paul A. Samuelsons „Faktorpreisausgleichstheorem“ in klarsichtiger Weise, dass unter den Bedingungen eines unbeschränkten Freihandels ohne Transportkosten (und unter Zugrundelegung weiterer idealisierter Annahmen) die Marktkräfte den Preisen aller Produktionsfaktoren weltweit entsprächen, einschließlich des Lohnsatzes für jede standardisierte Art von Arbeit. In einer idealen Welt müssen die Menschen nicht von einem Land ins andere ziehen, um einen höheren Lohn zu erhalten. Letztlich müssen sie nur in der Lage sein, an der Produktion der Ergebnisse teilzuhaben, die international verkauft werden.

Nun, da die Technologie die Transport- und Kommunikationskosten in Nähe des Nullpunktes drückt, ist dieser Ausgleich zunehmend realisierbar. Doch dorthin zu gelangen erfordert, alte Barrieren abzubauen und den Aufbau neuer zu verhindern.

Die aktuell verhandelten Freihandelsabkommen, die Trans-Pazifische Partnerschaft (TPP) und die Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft (TTIP), haben Rückschläge erlitten, da Interessengruppen versuchen, sie für ihre eigenen Ziele zu verbiegen. Aber letztendlich brauchen wir sogar noch bessere derartige Abkommen, und werden sie voraussichtlich bekommen.

Um den Faktorpreisausgleich zu erreichen, brauchen die Menschen eine stabile Basis für eine echte lebenslange Karriere verbunden mit einem Land, in dem sie nicht physisch wohnen. Zugleich müssen wir die Verlierer des Außenhandels in unseren bestehenden Nationalstaaten schützen. Die Wurzeln der Handelsanpassungshilfe (TAA) in den USA reichen bis ins Jahr 1974 zurück. Kanada experimentierte 1995 mit einem „Earnings Supplement Project“. Der 2006 ins Leben gerufene Europäische Fonds für die Anpassung an die Globalisierung hat ein winziges Jahresbudget von 150 Millionen Euro. US-Präsident Barack Obama hat vorgeschlagen, das TAA-Programm auszuweiten. Aber bisher sind dies kaum mehr als Experimente oder Vorschläge.

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Letztendlich wird die nächste Revolution vermutlich aus den täglichen Interaktionen mit Ausländern auf Computerbildschirmen herrühren, die wir als intelligente, anständige Leute wahrnehmen – Menschen, die ohne eigenes Verschulden in Armut leben. Dies sollte zu besseren Handelsabkommen führen, die die letztliche Entwicklung einer um mehrere Größenordnungen stärkeren sozialen Absicherung voraussetzen, um Menschen innerhalb eines Landes während des Übergangs zu einer gerechteren globalen Wirtschaft zu schützen.

Aus dem Englischen von Jan Doolan