Nach dem Goldrausch

VENEDIG – Der Anstieg der Goldpreise in den vergangenen Jahren – von 800 Dollar pro Unze Anfang 2009 auf über 1900 Dollar pro Unze im Herbst 2011 – erfüllte alle Voraussetzungen einer Blase. Und jetzt platzt die Goldblase, wie alle Anlagenpreisanstiege, die von dem Wechselspiel von Angebot und Nachfrage abgekoppelt sind.

The Year Ahead 2018

The world’s leading thinkers and policymakers examine what’s come apart in the past year, and anticipate what will define the year ahead.

Order now

Auf der Höhe der Blase waren die gold bugs – paranoide Investoren und Politiker mit einer auf Angst basierenden Agenda – zuversichtlich, dass die Goldpreise in wenigen Jahren auf 2000, 3000, ja sogar auf 5000 Dollar ansteigen würden. Seitdem sind die Preise allerdings gesunken. Im April wurde die Unze Gold für 1300 Dollar verkauft, der Preis hat sich unter 1400 Dollar eingependelt, ein Rückgang von fast 30 Prozent seit dem Höchstpreis 2011.

Es gibt viele Gründe, warum die Blase geplatzt ist, und warum der Goldpreis bis 2015 wahrscheinlich noch weiter auf 1000 Dollar sinken wird.

Zunächst einmal hat der Goldpreis eine Tendenz dazu, stark zu schwanken, wenn die globale Wirtschaft ernsthaften wirtschaftlichen, finanziellen und geopolitischen Risiken ausgesetzt ist. Während der globalen Finanzkrise stellten einige Investoren sogar die Sicherheit von Bankeinlagen und Staatsanleihen in Frage.Wenn es um den finanziellen Weltuntergang geht, ist es metaphorisch gesprochen tatsächlich an der Zeit, den Bunker mit Waffen, Munition, Nahrungsmittelkonserven und Goldbarren aufzustocken.

Aber sogar in diesem düsteren Szenario ist Gold möglicherweise eine schlechte Investition. Auf der Höhe der Finanzkrise 2008/2009 sind die Goldpreise einige Male scharf gefallen. Bei einer extremen Kreditverknappung verursachen mit Fremdkapital finanzierte Goldkäufe Zwangsverkäufe, weil jede Preiskorrektur Margenausgleiche hervorruft. Gold kann also auf der Höhe einer Krise äußerst volatil sein.

Zweitens ist die Performance von Gold am besten, wenn das Risiko einer hohen Inflation besteht, da seine Beliebtheit als Wertanlage zunimmt. Aber trotz einer sehr aggressiven Geldpolitik vieler Zentralbanken – mehrere Runden „quantitativer Lockerungen“ haben die Geldmenge in den am stärksten entwickelten Volkswirtschaften verdoppelt oder sogar verdreifacht – ist die globale Inflation tatsächlich niedrig und fällt weiter.

Der Grund ist einfach: während die Geldbasis zunimmt, kollabiert die Geschwindigkeit des Geldes, die Banken binden die Liquidität in Form von exzessiven Reserven. Ein andauernder privater und öffentlicher Schuldenabbau hält das globale Nachfragewachstum unter dem Angebot.

Daher haben Unternehmen aufgrund der Überschusskapazitäten nur einen geringen Einfluss auf die Preisgestaltung, während die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit schwach ist. Darüber hinaus werden Gewerkschaften immer schwächer, während die Globalisierung zu einer Billigproduktion von arbeitsintensiven Waren in China und anderen Schwellenländern geführt hat, worunter Löhne und Beschäftigungsaussichten von ungelernten Arbeitnehmern in den fortschrittlichen Volkswirtschaften leiden.

Bei einer geringen Lohninflation ist eine hohe Wareninflation unwahrscheinlich. Die Inflation sinkt nun eher weltweit noch weiter, da die Rohstoffpreise als Reaktion auf das schwache globale Wachstum sinken. Und das Gold folgt dem Rückgang in der tatsächlichen und erwarteten Inflation.

Drittens bietet Gold kein Einkommen, wie andere Anlagen. Wertpapiere haben Dividenden, Anleihen haben Zinsscheine und Immobilien Mieten, mit Gold setzt man lediglich auf die Anlagewertsteigerung. Jetzt, da sich die Weltwirtschaft wieder erholt, versprechen andere Anlagen – Anleihen oder sogar wieder Immobilien – höhere Renditen. Die US- und globalen Wertpapiere haben Gold seit dem starken Anstieg der Goldpreise Anfang 2009 tatsächlich weit übertroffen.

Viertens sind die Goldpreise stark angestiegen, als die realen, also inflationsbereinigten Zinssätze nach den quantitativen Lockerungen zunehmend negativ wurden. Die richtige Zeit, Gold zu kaufen, ist, wenn die realen Renditen auf Bargeld und Anleihen negativ sind und fallen. Aber der positivere Ausblick auf die US- und die Weltwirtschaft zeigt, dass die amerikanische Notenbank und andere Zentralbanken aus der quantitativen Lockerung und der Nullzins-Politik aussteigen werden, was bedeutet, dass die realen Zinssätze nicht fallen, sondern steigen werden.

Fünftens hörte man das Argument, dass hoch verschuldete Staaten Investoren dazu bringen würden, in Gold zu investieren, da das Risiko von Staatsanleihen zu hoch sei. Aber jetzt geschieht genau das Gegenteil. Viele dieser hoch verschuldeten Regierungen haben große Goldbestände, die sie möglicherweise abstoßen, um ihre Schulden abzubauen. Die Meldung, dass Zypern einen kleinen Teil seiner Goldreserven abstoßen könnte – nicht mehr als 400 Millionen Euro – löste im April einen Rückgang der Goldpreise um 13 Prozent aus. Länder wie Italien, das massive Goldreserven hat (über 130 Milliarden), könnten auch in die Versuchung geraten – und dadurch die Preise weiter drücken.

Sechstens haben einige extrem konservative Politiker, besonders in den USA, Gold derart gelobt, dass es am Ende kontraproduktiv war. Am rechten Rand des politischen Spektrums gilt Gold als die einzige Absicherung gegen die Gefahr durch die staatliche Verschwörung, Privatvermögen zu enteignen. Diese Fanatiker glauben auch, dass eine Rückkehr zum Goldstandard unvermeidlich ist, da aus der „Degradierung“ von Papiergeld durch die Zentralbanken eine Hyperinflation droht. Aber angesichts der Abwesenheit jeglicher Verschwörung, einer rückläufigen Inflation und der Unfähigkeit, Gold als Währung zu verwenden, können derartige Argumente nicht aufrecht erhalten werden.

Eine Währung hat drei Funktionen, sie ist Zahlungsmittel, Rechnungseinheit und Wertanlage. Gold kann zwar eine Wertanlage sein, ist aber als Zahlungsmittel völlig ungeeignet, man kann seinen Einkauf nicht damit bezahlen. Es ist auch keine Rechnungseinheit, Preise für Waren, Dienstleistungen und Finanzanlagen werden nicht in Gold angegeben.

Gold bleibt also ein „Überbleibsel aus barbarischen Zeiten“, wie John Maynard Keynes es nannte, ohne Substanzwert, und wird hauptsächlich als Sicherheit gegen irrationale Ängste und Panik verwendet. Ja, alle Investoren sollten einen kleinen Anteil Gold in ihrem Portfolio haben, als Absicherung gegen in Extremszenarien auftretende Risiken. Aber andere Vermögenswerte bieten eine ähnliche Sicherung und die in Extremszenarien auftretenden Risiken sind zwar nicht beseitigt, aber heute gewiss geringer als auf der Höhe der globalen Finanzkrise.

Die Goldpreise werden in den nächsten Jahren zeitweise vielleicht ansteigen, aber sie werden sehr volatil sein und mit der Zeit sinken, während die Weltwirtschaft gesundet. Der Goldrausch ist vorüber.

Aus dem Englischen von Eva Göllner.

http://prosyn.org/an9riE2/de;
  1. An employee works at a chemical fiber weaving company VCG/Getty Images

    China in the Lead?

    For four decades, China has achieved unprecedented economic growth under a centralized, authoritarian political system, far outpacing growth in the Western liberal democracies. So, is Chinese President Xi Jinping right to double down on authoritarianism, and is the “China model” truly a viable rival to Western-style democratic capitalism?

  2. The assembly line at Ford Bill Pugliano/Getty Images

    Whither the Multilateral Trading System?

    The global economy today is dominated by three major players – China, the EU, and the US – with roughly equal trading volumes and limited incentive to fight for the rules-based global trading system. With cooperation unlikely, the world should prepare itself for the erosion of the World Trade Organization.

  3. Donald Trump Saul Loeb/Getty Images

    The Globalization of Our Discontent

    Globalization, which was supposed to benefit developed and developing countries alike, is now reviled almost everywhere, as the political backlash in Europe and the US has shown. The challenge is to minimize the risk that the backlash will intensify, and that starts by understanding – and avoiding – past mistakes.

  4. A general view of the Corn Market in the City of Manchester Christopher Furlong/Getty Images

    A Better British Story

    Despite all of the doom and gloom over the United Kingdom's impending withdrawal from the European Union, key manufacturing indicators are at their highest levels in four years, and the mood for investment may be improving. While parts of the UK are certainly weakening economically, others may finally be overcoming longstanding challenges.

  5. UK supermarket Waring Abbott/Getty Images

    The UK’s Multilateral Trade Future

    With Brexit looming, the UK has no choice but to redesign its future trading relationships. As a major producer of sophisticated components, its long-term trade strategy should focus on gaining deep and unfettered access to integrated cross-border supply chains – and that means adopting a multilateral approach.

  6. The Year Ahead 2018

    The world’s leading thinkers and policymakers examine what’s come apart in the past year, and anticipate what will define the year ahead.

    Order now