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Nein zu einem grünen Fundamentalismus

BORDEAUX: Die Klimatologie und ihr Schwerpunkt, die globale Erwärmung, sind eine relativ neue Ergänzung zu den Naturwissenschaften. Doch trotz der relativen Jugend dieser Forschungsrichtung hat sich ein eindeutiger Konsens herausgebildet: Der Klimawandel – für den in erheblichem Umfang, wenn auch nicht ausschließlich menschliches Tun verantwortlich ist – bedroht inzwischen unsere Lebensweise; daher müssen wir die Mittel entwickeln, um ihn zu bekämpfen.

Doch ich glaube auch, dass der in bestimmten Kreisen spürbare fundamentalistische Ansatz an die Grenzen dessen geht, was akzeptabel ist. Wie können sich diese Fundamentalisten zur Lösung des Problems der globalen Erwärmung dafür aussprechen, das Wirtschaftswachstum zu begrenzen, wenn überall auf der Welt hunderte von Millionen von Männern, Frauen und Kindern noch immer in bitterster Armut leben und verzweifelt der Hilfe bedürfen?

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Die Menschen in den armen Teilen der Welt haben ein Recht auf wirtschaftliche Entwicklung, damit sie ihre eigenen Lebensmittel produzieren können, Zugang zu sauberem Wasser erhalten, eine angemessene Unterkunft haben und all die Vorteile in Anspruch nehmen können, die Krankenhäuser und Schulen verkörpern. Dies sind unverzichtbare Menschenrechte, und sie lassen sich nur durch Wirtschaftswachstum realisieren, nicht durch Stagnation.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebte von zehn Menschen nur einer in einer Stadt. Heute tut es jeder Zweite – laut UNO-Statistiken 3,3 Milliarden Menschen – und es wird erwartet, dass der Anteil der Städter bis 2050 70% erreicht. Die großen Städte stellen damit die wichtigste Entwicklungsherausforderung überhaupt dar. Je mehr die Städte wachsen und sich über die Erde verbreiten, desto zwingender ist es, zur Verringerung des Energieverbrauchs und zur Verbesserung unserer Lebensqualität zu gewährleisten, dass ihre Einwohner nur einen relativ kurzen Arbeitsweg haben.

Das französische Sprichwort, wonach große Ströme aus winzigen Bächen hervorgehen, weist auf jene Art von Strategie zur Bekämpfung der globalen Erwärmung hin, die meiner Ansicht nach effektiv sein könnte. Lokale Maßnahmen, die dann im Rahmen des Austausches zwischen Städten weiterentwickelt werden, könnten langfristig globale Auswirkungen haben. Dies ist der Grund, warum es mir ein leidenschaftliches Anliegen ist, lokale Initiativen zu fördern, die eine globale Perspektive haben.

Zu den auf der Klimakonferenz von Kopenhagen im vergangenen Dezember aufgeworfenen Themen gehörte auch das Versäumnis der EU-Mitgliedsstaaten, ein über Kyoto hinausgehendes internationales System zur Bekämpfung der globalen Erwärmung perfektioniert zu haben. Glücklicherweise haben sich die Dinge seitdem geändert, und 110 Länder, auf die 80% der Treibhausgasemissionen entfallen – darunter Indien, China und Brasilien – unterstützen heute das Kopenhagener Übereinkommen.

Doch es ist wichtig, es nicht dabei zu belassen. Wir müssen versuchen, dafür zu sorgen, dass künftige Klimakonferenzen, wie der Gipfel von Cancún in diesem Winter, optimal genutzt werden, um wohlmeinende Erklärungen in internationale Verträge umzuwandeln, die für entwickelte und Entwicklungsländer gleichermaßen gelten.

Das Kopenhagener Übereinkommen sieht vor, dass die Industrieländer die Emissionsreduzierung und andere notwendige Anpassungen in den Entwicklungsländern finanzieren, und zwar durch ein Hilfepaket im Umfang von 30 Milliarden Dollar, das bis 2020 auf 100 Milliarden Dollar ansteigen wird. Doch fehlen in diesem Abkommen genaue Angaben, wer welche Kosten übernehmen wird.

Tatsächlich beschränkt sich der Vertrag darauf, auf das weithin akzeptierte Ziel zu reagieren, den CO2-Gehalt bei unter 450 ppm und den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur bei unter 2 °C zu halten. Aber sind diese Ziele realistisch? Falls nicht, müssen wir uns die Warnung des Stern-Berichts vor Augen halten, dass Untätigkeit jetzt zukünftiges Handeln erheblich verteuern würde.

Dass alle am politischen Prozess in Bezug auf den Klimawandel beteiligten Länder gleich behandelt werden sollen, hat dazu geführt, dass Europa noch immer eine Menge Einfluss hat. Die Dinge sind seit Kopenhagen – wo der Schwerpunkt darauf lag, eine Übereinkunft zwischen denjenigen Ländern zu erreichen, die die größte Verantwortung für die globale Erwärmung tragen – eindeutig in Bewegung gekommen.

Und wenn mein eigenes Land, Frankreich, es bisher versäumt hat, den Entwicklungsländern ein gutes Beispiel zu setzen, indem es, was die Bedingungen einer CO2-Steuer angeht, herumlaviert, dann ist jetzt vielleicht der Punkt gekommen, seine nationale CO2-Bilanz mit dem europäischen Handelssystem für CO2 zu verknüpfen. Die traurige Wahrheit ist bloß, dass eine Quoten und Steuern verknüpfende Lösung nicht ausreichend schnell zu Ergebnissen führen wird, die einen echten und sofortigen Schritt hin zu kohlenstoffextensiven oder sogar kohlenstofffreien Volkswirtschaften bewirken.

Seit Kopenhagen hat die Mehrzahl der wichtigen, Treibhausgase emittierenden Länder ehrgeizige Ziele aufgestellt – ohne sie durch einschränkende Bedingungen abzusichern. Gleichzeitig werden neue Mechanismen zur Emissionsmessung und -bewertung eingerichtet, was deutlich klarere Vergleiche zwischen den einzelnen Ländern ermöglichen wird. Was bleibt, ist, diese Arbeit auf eine Weise zu teilen, die fair und von allen Länder zu bewältigen ist.

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Werden wir es also schaffen, in Cancún eine rechtsverbindliche Übereinkunft zu unterzeichnen? Werden wir imstande sein, Kooperationsmechanismen zwischen Ländern wie das REDD-Programm der Vereinten Nationen – ein Programm zur Verringerung von Emissionen aus der Entwaldung und der Schädigung von Wäldern in Entwicklungsländern – umzusetzen, um so die Entwaldung zu verhindern und zu Technologietransfer und -finanzierung zu ermutigen?

Dies ist die wahre Herausforderung, und obwohl sie sich als ehrgeizig erweisen könnte, werden viele Länder dank der seit Kopenhagen erzielten Fortschritte mit neuerlicher Hoffnung zum Cancún-Gipfel anreisen.