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Die richtigen Prioritäten für die G8

Im Vorfeld des G8-Treffens in Schottland vom 6. bis 8. Juli hat der britische Premierminister Tony Blair die internationale Gemeinschaft aufgerufen, global die richtigen Prioritäten zu setzen, die, wie Blair unmissverständlich feststellt, Afrika und die globale Erwärmung zu sein hätten. Blair hat Recht mit seiner Forderung an uns, Prioritäten zu setzen, aber seine Auswahl ist möglicherweise falsch. Wir sollten zwar seine Aufforderung akzeptieren, aber unsere Prioritäten richtig setzen.

Führende Politiker unterstützen klare Prioritäten in den seltensten Fällen, sie möchten lieber den Anschein erwecken, als wären sie in der Lage, jedem alles zu geben. Sie müssen mit Bürokratien zusammenarbeiten, die eine natürliche Abneigung dagegen haben, ihre Bestrebungen einer Prioritätensetzung zu unterwerfen, weil man nicht weniger als die Nummer 1 auf dieser Liste sein will. Wenn wir Prioritäten setzen, sagen wir nicht nur, wo mehr getan werden sollte (das ist gut), sondern auch wo wir unsere Bestrebungen nicht weiter vertiefen sollen (das wird als zynisch betrachtet).

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Über Prioritäten zu schweigen bedeutet aber nicht, dass sich die erforderliche Prioritätensetzung erübrigt. Nur die Wahlmöglichkeiten werden weniger klar, weniger demokratisch und weniger effizient. Sich einer Prioritätensetzung zu verweigern und sich nur mehr um die am meisten diskutierten Themen zu kümmern, ist falsch. Man stelle sich Ärzte in einem ständig überrannten Krankenhaus vor, die Patienten nicht nach dem Grad ihrer Verletzungen zur Behandlung einteilen und sich stattdessen den Patienten in der Reihenfolge ihrer Einlieferung zuwenden und jene vorziehen, deren Angehörige das lauteste Getöse veranstalten. Sich einer Prioritätensetzung zu verweigern ist ungerecht, verschwendet Ressourcen und kostet Menschenleben.

Was sollen also unsere globalen Prioritäten sein? Dieser Frage widmete man sich bei einem bahnbrechenden Projekt, dem Kopenhagen-Konsens, an dem viele der Spitzenökonomen dieser Welt teilnahmen. Ein „Dream Team“ bestehend aus acht Ökonomen, darunter drei Nobelpreisträger widmeten sich folgender Grundfrage: Wenn der Welt, sagen wir, zusätzlich 50 Milliarden Dollar für einen nutzbringenden Zweck zur Verfügung stünden, wie wäre dieses Geld am besten investiert?

Als oberste Priorität stellte sich die HIV/AIDS-Prävention heraus. Ein umfassendes Programm würde 27 Milliarden Dollar kosten, aber der potenzielle soziale Nutzen wäre immens: Bis 2010 könnten über 28 Millionen neue HIV/AIDS-Fälle vermieden werden. Dies wäre für die Welt daher die beste Investition, denn der soziale Nutzen wäre vierzig Mal höher als die Kosten.

In ähnlicher Weise könnte mit der Bereitstellung von Mikronährstoffen, die in der Nahrung der halben Menschheit fehlen, die Zahl der Krankheiten reduziert werden, die durch Eisen-, Jod- und Vitamin A-Mangel verursacht werden. Auch in diesem Bereich hätte man ein exzellentes Kosten-Nutzen-Verhältnis. Mit entsprechendem politischen Willen könnte man für wenig Geld auch wirklichen Freihandel einführen und dabei einen Nutzen von jährlich bis 2,4 Trillionen Dollar bewirken. Im Kampf gegen die Malaria wäre der Nutzen ebenfalls fünfmal höher als die entstehenden Kosten. Mit Moskitonetzen und wirksamen Medikamenten könnte man die Malariafälle halbieren. Diese Maßnahmen würden 13 Milliarden Dollar kosten.

Die nächsten Punkte auf Liste sind landwirtschaftliche Technologien, die zur Nahrungsmittelproduktion und zur Lösung des Hungerproblems eingesetzt werden, sowie Technologien zur Herstellung von sauberem Trinkwasser und der Entwicklung von Abwassersystemen. Angesichts der Tatsache, dass diese Probleme in Afrika am vordringlichsten sind, hat sich Blair mit seiner Prioritätenliste auch ein paar Meriten verdient.

Am Kopenhagen-Konsens wurde allerdings nicht nur aufgezeigt, was wir tun sollten, sondern auch was wir nicht tun sollten – zumindest nicht jetzt. Die Experten stuften Maßnahmen als Reaktion auf den Klimawandel als von extrem untergeordneter Bedeutung ein. Tatsächlich wurden diese Projekte – einschließlich des Kyoto-Protokolls – als „schlechte Projekte“ bezeichnet, weil sie mehr kosten als nutzen.

Das soll nicht heißen, dass wir den Klimawandel ignorieren sollen. Die globale Erwärmung ist real. Aber die Regelungen von Kyoto werden um viel Geld (ungefähr 150 Milliarden Dollar pro Jahr) einen kaum merkbaren Unterschied in der Entwicklung herbeiführen (der Temperaturanstieg wird von 2100 auf 2106 verschoben). Angesichts der knappen Ressourcen müssen wir uns fragen: Wollen wir großen Nutzen jetzt oder ein bisschen Nutzen später? Wir müssen uns die Frage stellen, ob wir für die Welt mehr erreichen können, wenn wir anders investieren.

Hier soll keineswegs einer Laissez-faire-Politik das Wort geredet werden, mit diesen Fragen soll das drängende Problem der Prioritätensetzung unmissverständlich aufs Tapet gebracht werden. Warum starben bei den jüngsten Wirbelstürmen in Haiti Tausende Menschen und in Florida nicht? Weil die Haitianer arm sind. Sie können sich vorbeugende Maßnahmen nicht leisten. Diesen Teufelskreis der Armut zu durchbrechen, indem man die vordringlichsten Probleme wie Krankheiten, Hunger und verschmutztes Trinkwasser in Angriff nimmt, würde nicht nur viel offensichtlich Gutes bewirken, sondern die Menschen auch weniger anfällig für die Auswirkungen des Klimawandels machen.

Auf der Tagesordnung der G8 steht eine globale Prioritätenliste. Jetzt ist die Zeit, die Prioritäten richtig zu ordnen. Das drängendste Problem der armen Mehrheit auf dieser Welt ist nicht der Klimawandel. Ihre Probleme sind grundlegender: Nicht an vermeidbaren Krankheiten sterben, keine Unterernährung aufgrund eines simplen Mangels an Vitaminen und Spurenelementen und nicht aufgrund des fehlenden Freihandels von wirtschaftlichen Chancen ausgeschlossen werden.

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Wir können HIV durch die Verteilung von Kondomen und der Verbesserung der Gesundheitserziehung vorbeugen. Wir können Millionen von Menschen durch die Verteilung von Vitamintabletten vor dem Tod durch Unterernährung retten. Hier sind keine Weltraumtechnologien gefragt, sondern alltägliche Gebrauchsgüter.

Eine gute Investition in die Zukunft des Planeten wäre es, die besten Projekte als erstes durchzuführen. Wenn es uns mit der Lösung der dringendsten Probleme ernst ist, müssen wir die richtigen Prioritäten setzen. Das sind wir uns selbst schuldig.