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Macht Pornografie Männer verrückt?

NEW YORK – Es ist auffällig, wie viele sehr bekannte Männer sich in den letzten Jahren und gerade Monaten sexuell selbstzerstörerisch verhalten haben. Es ist nichts Neues, dass manche mächtige Männer sexuell unersättlich sind, aber in der Vergangenheit waren sie viel diskreter und haben sich mehr Mühe gegeben, keine Spuren zu hinterlassen.

Natürlich kann privates Gebaren allein schon anhand der verbesserten technischen Möglichkeiten einfacher exponiert werden. Aber genau darum geht es: viele Männer, die in Sexskandale verwickelt sind, haben sich selbst buchstäblich durch ihre eigenen Textmeldungen, Twitter und andere indiskrete Medien bloßgestellt.

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Was steckt hinter diesen eigenartig enthemmten Entscheidungen? Könnte die seit einigen Jahren allerorten zu beobachtende Allgegenwärtigkeit und der Konsum von Pornografie das männliche Gehirn umpolen und ihre Entscheidungsfähigkeit über Sex beeinträchtigen und es ihnen erschweren, ihre Impulse zu beherrschen?

Es gibt inzwischen immer mehr wissenschaftliche Beweise, die dies belegen. Vor sechs Jahren habe ich einen Essay mit dem Titel „The Porn Myth“ geschrieben und darauf hingewiesen, dass Therapeuten und Sexualberater eine Verbindung zwischen dem Konsum von Pornografie und einer Zunahme von Impotenz und vorzeitiger Ejakulation bei jungen Männern vermuteten. Sie bezogen sich dabei auf gesunde junge Männer ohne eine organische oder psychologische Pathologie, die eine normale Sexualfunktion beeinträchtigen würde.

Die Hypothese der Experten lautete, dass Pornografie diese Männer sexuell progressiv desensibilisiert. Die Wirksamkeit von Hardcore-Pornografie bei der Erzielung einer schnellen Desensibilisierung von Männern hat dazu geführt, dass sie von Trainingsärzten und militärischen Teams häufig eingesetzt wird, um mit schockierenden oder heiklen Situationen umzugehen.

Aufgrund der Desensibilisierung, so fanden die Forscher heraus, benötigten die meisten Versuchspersonen schnell eine stärkere Stimulierung, um dasselbe Erregungsniveau zu erzielen. Die damals von mir interviewten Experten mutmaßten, dass Pornografie gesunde junge Männer gegenüber der erotischen Anziehungskraft ihrer eigenen Partnerinnen desensibilisiert.

Seither gibt es eine Fülle von Daten über das Belohnungssystem des Gehirns, um diese Umpolung konkret zu erklären. Wir wissen jetzt, dass ein Porno das männliche Gehirn in Form einer kurzfristigen Dopamin-Ausschüttung belohnt, die die Stimmung des Mannes für ein bis zwei Stunden hebt. Die neuronale Verschaltung ist genauso beschaffen wie bei anderen Suchtauslösern wie Glücksspiel oder Kokain.

Das Suchtpotential ist auch identisch: genau wie Spieler oder Kokainsüchtige zwanghaft handeln und immer mehr spielen oder schnupfen müssen, damit dieselbe Menge an Dopamin ausgeschüttet wird, werden Männer, die Pornografie konsumieren, abhängig davon. Bei diesen wie bei anderen Belohnungsausschüttungen ist der Betroffene enttäuscht, wenn das Dopaminniveau niedriger wird – er wird reizbar, unruhig und ist schon auf der Suche nach dem nächsten Schuss. (Neuesten Erkenntnissen von Jim Pfaus an der Concordia University in Kanada zufolge betrifft die Desensibilisierung Pornografie konsumierende Frauen gleichermaßen.)

Dieser Dopamineffekt erklärt, warum Pornografie mit der Zeit immer extremer wird: normale Bilder von Sex verlieren irgendwann ihren Reiz, die Konsumenten brauchen Bilder, die andere Tabus auf andere Art und Weise brechen, um sich genauso gut zu fühlen. Zudem haben einige Männer (und Frauen) ein „Dompaminloch“, das Belohnungssystem ihrer Gehirne ist weniger effizient, so dass sie leichter abhängig von extremem Porno werden.

Wie bei jeder anderen Sucht auch ist es aus neurochemischen Gründen sehr schwierig für einen Süchtigen, einfach aufzuhören, nach dem nächsten Dopaminschuss zu suchen  – so selbstzerstörerisch es auch sein mag. Ist das vielleicht der Grund, warum Männer, die in der Vergangenheit Affären versteckt hielten, jetzt dem Impuls nicht widerstehen können, selbstanklägerische Textmeldungen zu schicken? Wenn dem so ist, dann sind es keine Dämonen oder moralisch verdammenswerte Menschen, sondern eher Süchtige, die sich nicht mehr ganz unter Kontrolle haben.

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Das soll nicht heißen, dass sie nicht für ihr Verhalten verantwortlich sind, aber ich würde argumentieren, dass es eine andere Art der Verantwortung ist: die Verantwortung, die stark abhängig machende Wirkung von Pornografie zu verstehen und Beratung und Medikamente zu suchen, wenn die Sucht Ehe, Familie, Beruf oder Urteilsvermögen zu beeinträchtigen beginnt.

Inzwischen gibt es ein effektives und komplexes Modell für den Entzug von pornoabhängigen Männern und ihre Rückkehr zu einem ausgeglicheneren Geisteszustand, bei dem sie ihren Zwängen weniger ausgeliefert sind. Das Verständnis, wie Porno auf das Gehirn wirkt und sich verheerend auf die Männlichkeit auswirkt, ermöglicht es den Menschen, ihre Entscheidungen mit einem besseren Informationsstand zu treffen – anstatt sich sinnlosem Selbstmitleid oder kollektiven Verurteilungen hinzugeben – in einer Welt, die immer mehr hardcore geworden ist.