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Verstärkte Anstrengungen zur Steigerung der europäischen Energieeffizienz

BRÜSSEL – Auf der Pariser Klimakonferenz (COP21) im vergangenen Dezember haben Regierungen weltweit eine verbindliche Zusage zur Festsetzung nationaler Ziele, darunter von Messgrößen für die Energieeffizienz, abgegeben, um die Treibhausgas-Emissionen zu reduzieren. Jetzt naht für die Europäische Kommission ein Augenblick der Wahrheit: Wird sie ehrgeizige, aber realistische Ziele für die Energieeffizienz festlegen, die Bevölkerung und Industrie zu echten Veränderungen zwingen? Oder beugt sie sich dem politischen Druck und stellt bedeutungslose Ziele auf, die auch ohne zusätzliche Anstrengung sowieso erreicht werden?

Der letztere Ansatz wurde 2014 verfolgt, als sich die europäischen Regierungen einigten, die Energieeffizienz bis 2030 um 27% zu erhöhen. Damals applaudierte man dem Europäischen Rat für seine Führungsstärke. Niemand machte sich die Mühe, zu erwähnen, dass die weltweite Energieeffizienz bis 2030 vermutlich schon von allein um rund 35% steigen würde.

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Das COP21-Übereinkommen hat Europa eine zweite Chance gegeben, ein Beispiel zu setzen und zum weltweiten Bannerträger für die Energieeffizienz zu werden. Umweltschützer, Unternehmensführer und Wissenschaftler erwarten von der Europäischen Kommission nun neue Zielvorgaben, die aller Voraussicht nach im Oktober im Rahmen der anstehenden Überarbeitung der Energieeffizienzrichtlinie der Kommission festgelegt werden dürften.

Was also wäre eine sinnvolle Zielgröße? Falls es die europäischen Regierungen mit ihrer COP21-Zusage ernst meinen, sollten sie sich verpflichten, das Verbrauchsniveau des Jahres 2010 bis 2030 um 70% zu verringern – das wäre mehr als das Doppelte des Ziels des Europäischen Rates von 2014.

Eine Verringerung um 70% ist ehrgeizig, aber nicht unmöglich. Es gibt dafür sowohl wirtschaftliche als auch ökologische Argumente. Wirtschaftlich steigern Länder, die ihren Energieverbrauch senken, zugleich ihre Produktivität, und zwar einfach deshalb, weil ein geringerer Energieeinsatz billiger ist. Auch wenn die Umsetzung von Energiesparmaßnahmen zunächst möglicherweise hohe Investitionen erfordert, werden diese Ausgaben durch das künftige Produktivitätswachstum ausgeglichen, was der einzige Weg ist, wie die entwickelten Länder langfristig ihren Lebensstandard nachhaltig verbessern können.

Das ökologische Argument für ein ehrgeiziges Ziel ist nicht, dass wir „die Welt retten“ müssen. Aber wir müssen das Klima retten, in dem wir Menschen uns entwickelt und prosperiert haben. Die weltweite Energieeffizienz nimmt jährlich um etwa 1,5% zu. Dies ist eine begrüßenswerte Entwicklung, die zeigt, dass 30 Jahre zukunftsgerichteter Umweltpolitik eine gewisse Wirkung hatten. Der weltweite Energieverbrauch jedoch steigt um rund 3% jährlich, was bedeutet, dass wir uns derzeit immer noch eine stetig tiefere Grube graben, statt diese zu füllen.

Sechs der weltgrößten Volkswirtschaften – China, die USA, Russland, Indien, Japan und die EU – bleiben die größten Verschmutzer. Doch das meiste Wachstum kommt heute aus den Entwicklungsländern, die inzwischen an der Weltwirtschaft teilhaben. Selbst wenn diese Länder erhebliche Schritte zur Verringerung ihrer Emissionen unternehmen, sind sie, zumindest kurzfristig, die Verschmutzer der Zukunft.

Die Globalisierung hat in vielen armen Ländern die Lebenserwartung erhöht und den Lebensstandard verbessert. Sie stellt uns jedoch zugleich vor neue Umweltprobleme, die ehrgeizige Lösungen erfordern. In diesem Licht betrachtet ist eine 70%ige Steigerung der Energieeffizienz das Minimum, das sich Europa – und die Welt – zum Ziel setzen können, um beim derzeitigen Niveau des weltweiten Wachstums echte Nachhaltigkeit zu erreichen.

Zum Glück haben wir all dies selbst in der Hand. Eine von Ecofys, Quintel Intelligence und dem Lisbon Council veröffentlichte Studie aus dem Jahr 2015 kommt zu dem Schluss, dass Europa bereits über die Technologien verfügt, um sein derzeitiges Niveau bei der Energieeffizienz zu verdoppeln, ohne auf Wirtschaftswachstum zu verzichten. Zu diesen Technologien gehören Wärmepumpen, intelligente Stromnetze, LED-Leuchtmittel und energieeffiziente Haushaltsgeräte.

Warum also werden diese Technologien nicht bereits jetzt eingesetzt? Der Grund ist nicht, dass die Industrie Europa zurückhält. Im Gegenteil: Die Umweltbilanz der europäischen Industrie hat sich in den letzten Jahren deutlich verbessert. Die größten Energieverbraucher sind vielmehr die privaten Haushalte. Mit der richtigen politischen Führung, ausreichenden Investitionen und langfristigem Engagement der Europäer selbst lässt sich die Energieeffizienz hier in den kommenden Jahren verdreifachen.

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Dies bringt uns zurück zur Energieeffizienzrichtlinie, mit der diese Arbeit beginnen sollte. Die Europäische Kommission sollte hochgradig ehrgeizige Standards festsetzen, die uns zu höheren Leistungen beflügeln, als wir einst für möglich gehalten haben. Wenn Europa es schafft, seine Energieeffizienz bis 2030 zu verdoppeln, werden sich die Europäer im Rückblick fragen, wie sie je anders haben leben können.

Aus dem Englischen von Jan Doolan