santos10_ Ronald PatrickGetty Images_biodiversity colombia Ronald Patrick/Getty Images

Was die COP15-Biodiversitätskonferenz tun muss

MONTREAL – Die jüngste Klimakonferenz der Vereinten Nationen (COP27) in Sharm El-Sheikh bot ermutigende, aber unzureichende Anzeichen für einen sich abzeichnenden politischen Konsens über die Notwendigkeit globaler Solidarität angesichts der Erderwärmung. Jetzt müssen sich die Staats- und Regierungschefs mit einer anderen existenziellen Gefahr für die Menschen und den Planeten befassen: dem alarmierenden und zunehmenden Verlust der biologischen Vielfalt.

In diesem Monat werden die Regierungen in Montreal auf dem COP15-Gipfel des Übereinkommens über die biologische Vielfalt zusammenkommen, um sich auf ein globales Abkommen zu einigen, mit dem die biologische Vielfalt bis 2030 wiederhergestellt werden soll. Wir können es uns nicht leisten, dass diese Konferenz als Nebenschauplatz oder Nachspiel zur COP27 behandelt wird. Die Krise der biologischen Vielfalt ist nicht weniger wichtig als die Klimakrise, und sie eskaliert schnell. Sie muss für alle Länder höchste politische Priorität haben.

Angesichts der derzeitigen Verlustrate der biologischen Vielfalt gehen einige Wissenschaftler davon aus, dass wir innerhalb weniger Jahrhunderte drei Viertel aller Arten auf der Welt verlieren werden. Dieses Massenaussterben und die anhaltende Bedrohung von Ökosystemen und Lebensräumen sind untrennbar mit dem Klimawandel verbunden. Aus diesem Grund müssen die Staats- und Regierungschefs der Welt mit hohen Zielen zur COP15 kommen und ein Mandat für erfolgreiche Verhandlungen festlegen.

Um erfolgreich zu sein, muss auf der COP15 nicht nur eine Einigung über die Gesamtmission erzielt werden. Sie muss auch klar definierte Ziele und konkrete Pläne zum Schutz von 30 % aller Land- und Meeresgebiete bis 2030 aufstellen. Die Staats- und Regierungschefs müssen in Montreal sowohl die nationalen Pläne als auch die zur Erreichung dieser Ziele erforderlichen Finanzmittel vorlegen.

Als ich 2010 zum ersten Mal zum Präsidenten von Kolumbien gewählt wurde, musste ich ein Land regieren, das 18 Monate lang fast vollständig überschwemmt war. Das als La Niña bekannte Klimamuster, das durch die globale Erwärmung noch verschärft wurde, führte zu annähernd biblischen Regenfällen. Da uns die Mittel und das Know-how fehlten, um mit der Situation umzugehen, sahen wir ein, dass wir Frieden mit der Natur schließen mussten. Experten rieten, sich auf den Schutz der biologischen Vielfalt zu konzentrieren, und das taten wir auch. Kolumbien, eines der artenreichsten Länder der Welt, verfügt heute über ein Schutzgebiet, das insgesamt größer ist als Japan oder das Vereinigte Königreich.

Wir verstehen sowohl den Wert der Natur als auch den Verlust, den wir erleiden, wenn sie erodiert. Wir haben auch schätzen gelernt, was uns die Menschen, die im Einklang mit der Natur leben, lehren. Viele indigene Gemeinschaften haben jahrzehntelang vor einer ökologischen Krise gewarnt, nur damit ihre Stimmen und Rechte nicht gehört werden.

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Der Verlust der Natur schmerzt die Menschen überall. Er schädigt bereits die menschliche Gesundheit, verringert die Luftqualität, untergräbt unsere Fähigkeit, Nahrungsmittel anzubauen oder Wasser zu gewinnen, verschärft extreme Wetterereignisse und schwächt unser Vermögen, den Klimawandel abzumildern oder uns an ihn anzupassen. Diese Probleme machen den Verlust der biologischen Vielfalt zu einer Sicherheitsfrage. Die anhaltende Schädigung unserer Ökosysteme ist eines der größten langfristigen Risiken für unsere Gesellschaft.

Aus wirtschaftlicher Sicht würde der Zusammenbruch bestimmter wichtiger Ökosysteme ausreichen, um Länder wie das meine in den Bankrott zu treiben. Bedenken Sie zum Beispiel, dass etwa 75 % der Nahrungsmittelpflanzen von tierischen Bestäubern wie Bienen, Vögeln und Schmetterlingen abhängen. Der Verlust aller tierischen Bestäuber scheint unvorstellbar, ist aber eine reale Bedrohung. Und wenn Lebensmittel knapper werden, werden die Ärmsten zuerst darunter leiden.

Darüber hinaus stellt die Zerstörung von Lebensräumen eine ernsthafte Bedrohung für die öffentliche Gesundheit dar, nicht zuletzt, weil Menschen und Tiere dadurch immer häufiger und enger miteinander in Kontakt kommen. Die Weltgesundheitsorganisation warnt, dass sich dadurch bestehende Infektionskrankheiten schneller ausbreiten und das Auftreten neuer zoonotischer Erreger beschleunigt wird.

Schließlich ist nicht nur der Klimawandel eine der Hauptursachen für den Verlust der biologischen Vielfalt, sondern die Zerstörung der Ökosysteme untergräbt auch die Fähigkeit des Planeten, die Auswirkungen der Treibhausgasemissionen zu neutralisieren. Die südamerikanischen Andenwälder beispielsweise fungieren als wichtige Kohlenstoffsenken und absorbieren atmosphärisches Kohlendioxid, das andernfalls die globale Erwärmung beschleunigen würde.

Wälder, Feuchtgebiete, Unterwassertangwälder, Mangroven und andere natürliche Systeme bieten auch Schutz vor extremen Wetterereignissen wie Überschwemmungen, Dürren, Hitzewellen und Stürmen, indem sie als natürliche Puffer oder Reservoirs wirken. Der Verlust der biologischen Vielfalt verschlimmert nicht nur den Klimawandel, sondern beseitigt auch unsere beste Verteidigungslinie gegen ihn.

Die COP15 bietet eine große Chance für die Regierungen, einen Durchbruch zu erzielen, der – wie beim Pariser Klimaabkommen von 2015 – die Welt hinter einer Mission vereint: den Verlust der biologischen Vielfalt bis zum Ende dieses Jahrzehnts aufzuhalten und idealerweise umzukehren.

Sicherlich mangelt es den derzeitigen Bemühungen an politischem Engagement auf hoher Ebene, was viele dazu veranlasst, sich zu fragen, warum wir zwei getrennte Konferenzen für eigentlich zusammenhängende Themen durchführen. Diese Frage ist berechtigt. Mit Blick auf die Zukunft würde ich mir wünschen, dass wir beide Konferenzen zusammenführen, um der Tatsache Rechnung zu tragen, dass der Klimawandel und der Verlust der biologischen Vielfalt gemeinsam angegangen werden müssen.

In der Zwischenzeit können wir uns jedoch keine weiteren Verzögerungen bei der Festlegung ehrgeiziger Ziele zum Schutz und zur Wiederherstellung der biologischen Vielfalt in diesem Jahrzehnt leisten. Die jüngste „Loss and Damage“-Einigung auf der COP27 hat gezeigt, dass die Länder bei ausreichender Entschlossenheit auch bei scheinbar unlösbaren Problemen zusammenarbeiten können. Da die Zeit drängt, müssen die Staats- und Regierungschefs der Welt diesen Geist der Zusammenarbeit in Montreal nähren.

Übersetzung: Andreas Hubig

https://prosyn.org/gH6Zn2xde