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Wie Klimaziele bei der wirtschaftlichen Erholung helfen können

SANTIAGO – Während sich die Welt im Griff der COVID-19-Pandemie befindet, richten die Politiker ihre Aufmerksamkeit auf wirtschaftliche Stimuli und die finanzielle Unterstützung von Haushalten und Unternehmen. Daher haben viele Länder die Vorbereitung und Bekanntgabe ihrer neuen Emissionsminderungsziele laut dem Pariser Klimaabkommen verzögert. Diese neuen Ziele, die als „national bestimmte Beiträge“ (nationally determined contributions, NDC) bekannt sind, waren ursprünglich bereits früher in diesem Jahr vor der COP26-Klimawandelkonferenz im schottischen Glasgow im November fällig. Aber auch sie wurde verschoben.

Dass Stimuli momentan für wichtiger gehalten werden als internationale Treffen, ist verständlich. Aber wir dürfen nicht aus den Augen verlieren, dass die NDC bei den Bemühungen um wirtschaftliche Erholung eine wichtige Rolle spielen können. NDC gehören für die Regierungen zu den besten Werkzeugen, um ihre Vision zukünftigen Wirtschaftswachstums und technologischen Wandels zu artikulieren – was beides klar mit der Schaffung von Arbeitsplätzen verbunden ist. Darüber hinaus können die Ziele eine ideale Gelegenheit für die Länder sein, um kurzfristig Projekte und Aktivitäten zu finden, die sowohl klimatisch als auch wirtschaftlich vorteilhaft sind.

Ein gutes Beispiel dafür ist Chile: Im April hat die Regierung ein neues Klimaversprechen abgegeben und ein neues Klimagesetz entworfen, dass sich momentan vor dem Nationalkongress befindet. Der aktualisierte NDC verbindet klimawirksames Handeln mit nachhaltiger Entwicklung und einer gerechten Energiewende. In seinem Mittelpunkt steht die Verpflichtung, bis 2050 Kohlenstoffneutralität zu erreichen, und es ist leicht zu sehen, wie die Reaktion der Regierung auf die Pandemie dazu beitragen kann, dieses Ziel zu erreichen, indem sie den nötigen Wandel im Energie- und Transportsektor beschleunigt.

Aber Chiles neuer NDC zeigt noch eine weitere Front auf, an der die nationalen Pläne zur wirtschaftlichen Erholung einen erheblichen Schub bekommen könnten: naturnahe Lösungen. Der NDC vermittelt ein Verständnis der Rolle, den die Natur dabei spielen kann, Kohlenstoffneutralität zu erreichen, sich an die Folgen des Klimawandels anzupassen und zu erkennen, wie wichtig es ist, natürliche Kohlenstoffsenken zu schaffen und zu bewahren.

Erstens setzt der chilenische Klimaplan Ozeane mit klimatischer Gesundheit in Verbindung und erkennt dabei den wirtschaftlichen Wert der Naturräume an der Küste an. Um ein Beispiel dafür zu finden, wie gesunde Meeresökosysteme die lokalen Wirtschaftsräume unterstützen können, müssen wir nicht weit suchen: In Mexiko, am Golf vom Kalifornien und auf der Baja-California-Halbinsel, erwirtschaftet der Tourismus an den Meeresökosystemen jährlich 518 Millionen Dollar und sichert mindestens 3.575 Arbeitsplätze. Angesichts der langen chilenischen Küste sind die Möglichkeiten dort wahrscheinlich noch um ein Vielfaches höher. Der NDC enttäuscht in dieser Hinsicht nicht: Er enthält eine Verpflichtung, 25% der dortigen exklusiven Wirtschaftszonen in ein Schutzgebiet umzuwandeln. Wird dieses Versprechen richtig umgesetzt, kann dies neue wirtschaftliche Möglichkeiten für das Land schaffen.

Der neue NDC trägt auch erheblich zur Stärkung der chilenischen Verpflichtungen gegenüber den Wäldern des Landes bei. Die Regierung hat ihr Ziel für nachhaltiges Waldmanagement und Aufforstung von 100.000 Hektar bis 2030 auf 200.000 verdoppelt. Außerdem will sie 200.000 Hektar neuen Waldes pflanzen (statt 100.000 Hektar), von denen mindestens 100.000 Hektar aus einer dauerhaften Waldbedeckung und mindestens 70.000 Hektar aus einheimischen Arten bestehen soll. Und schließlich hat Chile mitgeteilt, dass es die Emissionen durch Abholzung und Landentwertung bis 2030 um 25% verringern will.

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Die Verbindung zum Wirtschaftswachstum ist auch hier klar (auch wenn sie zu wenig untersucht und anerkannt wird): Mit solchen Zielen können die Regierungen eine Vielzahl von Arbeitsplätzen schaffen, darunter solche für Förster, Botaniker, Maschinenführer und Arbeiter. Und regenerierte Landschaften bieten auch noch weitere Vorteile: Laut einer Studie des World Resources Institute würde die Wiederbelebung degradierter Gebiete in Lateinamerika innerhalb von 50 Jahren einen Nettonutzen von 23 Milliarden Dollar erzielen. Durchschnittlich können Landwirte, die ihr Land wiederherstellen, netto zusätzliche 1.140 Dollar pro Hektar an Wert erwirtschaften.

Eins ist klar: Um die Ziele seines ursprünglichen Klimaversprechens erfüllen zu können, hat Chile immer noch einen weiten Weg vor sich. Die Reaktion der Regierung auf COVID-19 war bis jetzt sehr gemischt, und nachdem der Plan bereits vor Monaten veröffentlicht wurde, muss sie ihr ernsthaftes Engagement erst noch unter Beweis stellen. Aber zumindest gibt uns Chiles NDC ein gutes Beispiel dafür, was ein NDC sein kann und sollte: kein rechtlich bindendes Maßnahmendokument, sondern ein politisches Signal an die Ministerien, die Akteure des privaten Sektors und die Institutionen zur Entwicklungsfinanzierung, um Möglichkeiten zu finden und zu verfolgen, die Klimapläne einer Regierung mit wirtschaftlicher Erholung in Verbindung zu bringen.

Jeder neue NDC erzeugt größeres politisches Momentum und baut das internationale Vertrauen auf, das wir brauchen, um den Klimawandel zu bekämpfen. Anstatt während der Pandemie die Arbeit an den NDC zu verzögern, sollten die Regierungen überlegen, wie diese Ziele verwendet werden können, um den wirtschaftlichen Beitrag naturnaher Lösungen zu nutzen. Kurz gesagt, Klimamaßnahmen, wie sie in einem NDC ausgedrückt werden, können mit Plänen zur wirtschaftlichen Erholung Hand in Hand gehen. Wenn die Natur geschützt wird, kann sie uns viel zurückgeben.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

https://prosyn.org/nVUgRnmde