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Waffenkontrolle nach Newtown

NEW YORK – Der brutale Mord an 20 Kindern und sieben Erwachsenen in Newtown, Connecticut, erschüttert uns als Menschen bis ins Mark und erfordert eine Antwort von uns als Bürgern. Die Vereinigten Staaten scheinen von einem Massenmord zum nächsten zu taumeln – allein in diesem Jahr war es ungefähr einer pro Monat. Der einfache Zugang zu Waffen in den USA führt zu entsetzlich hohen Mordraten im Vergleich zu anderen hoch gebildeten und wohlhabenden Gesellschaften. Amerika muss einen besseren Weg finden.

Andere Länder haben es vorgemacht. Von Mitte der 1970er Jahre bis Mitte der 1990er Jahre gab es in Australien mehrere Amokläufe. Nach einem besonders grausamen Massaker 1996 erklärte der neue Premierminister John Howard, genug sei genug. Er schränkte den Waffenbesitz stark ein und zwang angehende Waffenbesitzer, sich einem strengen Bewerbungsverfahren zu unterziehen und zu dokumentieren, wozu sie eine Waffe bräuchten.

 1972 Hoover Dam

Trump and the End of the West?

As the US president-elect fills his administration, the direction of American policy is coming into focus. Project Syndicate contributors interpret what’s on the horizon.

Die Bedingungen für den Besitz von Waffen sind in Australien nun äußerst streng, und das Registrierungs- und Genehmigungsverfahren kann ein Jahr oder länger dauern. Howards Regierung führte zudem eine rigorose Rückkaufpolitik ein, damit die Regierung Waffen zurückkaufen konnte, die sich bereits im Besitz der Öffentlichkeit befanden.

Die Politik funktionierte. Obwohl Gewaltverbrechen in Australien nicht zur Vergangenheit gehören, gibt es weniger Morde, und – eine noch drastischere Verbesserung – es gab seit 1996 keinen einzigen Amoklauf mehr, bei dem drei oder mehr Menschen zu Tode kamen (die Definition, die in vielen Studien für Amokläufe verwendet wird). Vor dem harten Durchgreifen gegen Waffen gab es in 18 Jahren 13 solche Massaker.

Dennoch weigern sich die USA weiterhin zu handeln, selbst nach der diesjährigen Serie von schockierenden Vorfällen: das Massaker in einem Kino in Colorado, ein Angriff auf eine Sikh-Gemeinde in Milwaukee, ein weiterer in einem Einkaufszentrum in Oregon und viele mehr bis hin zum mitleidlosen Abschlachten von Erstklässlern und Schulpersonal in Newtown. Die Waffenlobby in den USA ist nach wie vor stark, und die Politiker haben Angst, gegen sie vorzugehen. Angesichts des Attentats auf die damalige Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords 2011 fürchten sie vielleicht auch, dass sie selbst zur Zielscheibe werden könnten.

Es besteht wenig Zweifel daran, dass einige Gesellschaften mehr von Gewalt durchdrungen sind als andere, selbst wenn man offensichtliche Faktoren wie das Einkommensniveau und die Bildung herausrechnet. Die Mordrate in den USA ist etwa viermal so hoch wie die vergleichbarer Gesellschaften in Westeuropa; und die Mordraten Lateinamerikas sind sogar noch höher als die in den USA (und wesentlich höher als die in asiatischen Ländern mit ungefähr demselben Einkommensniveau). Wie lassen sich die schwindelerregend hohen Raten in den USA und Lateinamerika erklären?

Gewalt ist in Amerika in der Geschichte verwurzelt. Bei den USA und den lateinamerikanischen Ländern handelt es sich um „Eroberergesellschaften“, in denen Europäer über multiethnische Gesellschaften herrschten. In vielen dieser Länder, darunter auch die USA, rotteten die europäischen Eroberer und ihre Nachfahren die einheimische Bevölkerung nahezu aus, teilweise durch Krankheiten, aber auch durch Kriege, Hunger, Todesmärsche und Zwangsarbeit.

In den USA und vielen lateinamerikanischen Ländern verstärkte auch die Sklaverei den weit verbreiteten Einsatz von Gewalt. Die Sklaven – und viele Generationen ihrer Nachfahren – wurden routinemäßig umgebracht.

In den USA entstand zudem der besondere populistische Glaubenssatz, der Besitz von Waffen stelle einen wichtigen Schutz vor der Tyrannei der Regierung dar. Die USA wurden in einer Bürgerrevolte gegen die britische Imperialmacht geboren. Das Recht der Bürger, Milizen zu organisieren, um die staatliche Tyrannei zu bekämpfen, gehörte somit zu den Gründungsideen des neuen Landes und wurde im Zweiten Zusatzartikel zur US-Verfassung festgeschrieben, in dem erklärt wird, dass die Bürger das Recht haben, Waffen zu tragen, da das Land eine wohlorganisierte Miliz benötige.

Da die Bürgermilizen ein Anachronismus sind, benutzen Waffenbesitzer den zweiten Zusatzartikel nun schlicht dazu, ihren privaten Waffenbesitz zu verteidigen, als böte er irgendeine Art von Schutz gegen Tyrannei. Ein rücksichtsloser, rechter Oberster Gerichtshof hat ihnen zugestimmt. So wurde der Besitz von Waffen in der riesigen waffenbesitzenden amerikanischen Subkultur auf perverse Weise mit Freiheit verbunden.

Doch anstatt die Freiheit zu schützen, führt dieses Gesetz in Amerika heutzutage zu massivem Blutvergießen und zu Angst. Die Behauptung, der Waffenbesitz sichere die Freiheit, ist besonders absurd, zumal die meisten kerngesunden Demokratien der Welt den privaten Waffenbesitz seit Langem eingeschränkt haben. In Australien ist seit Howards Reformen zur Einschränkung von Schusswaffen kein Tyrann an die Macht gekommen.

Einfach ausgedrückt hängt die Freiheit im einundzwanzigsten Jahrhundert nicht vom unregulierten Besitz von Waffen ab. Amerikas Waffenkultur ist sogar eine Bedrohung für den Frieden – als Beispiele können der Mord an einem Präsidenten, einem Senator und anderen politischen Führern sowie zahllose Mordversuche an öffentlichen Amtsträgern in den letzten Jahrzehnten dienen.

Dennoch bleibt die US-Waffenkultur beherrschend und ebenso unerfasst. Amerika taumelt von einem tödlichen Desaster zum nächsten, und bei fast jeder Gelegenheit erklären die Politiker dem unregulierten Waffenbesitz weiterhin gehorsam ihre Treue. Tatsächlich weiß man nicht einmal, wie viele Schusswaffen die Amerikaner besitzen. Geschätzt wird die Zahl auf etwa 270 Millionen oder durchschnittlich fast eine pro Person. Laut einer neueren Umfrage haben 47 % der Privathaushalte zu Hause eine Waffe.

Der Amoklauf in Newtown war nicht nur besonders schrecklich und herzzerreißend, er ist auch Teil eines immer häufigeren Musters – einer bestimmten Art von Homizid-Suizid, der von Psychologen und Psychiatern genau untersucht wird. Einzelgänger, häufig mit paranoiden Tendenzen, begehen diese abscheulichen Taten als Teil ihres eigenen Selbstmordes. Sie benutzen sorgfältig geplante und inszenierte Massenmorde an Unschuldigen, um sich an der Gesellschaft zu rächen und sich selbst bei ihrem Freitod zu glorifizieren.

Die Täter sind keine abgebrühten Verbrecher; viele haben keine Vorstrafen. Sie sind mitleiderregend, gestört und haben häufig einen Großteil ihres Lebens mit seelischer Labilität zu kämpfen gehabt. Sie brauchen Hilfe – und die Gesellschaft muss Waffen außerhalb ihrer Reichweite halten.

Amerika hat im Laufe der letzten 30 Jahre ungefähr 30 Amokläufe erlitten, wenn man das tödliche Dutzend aus diesem Jahr dazuzählt; jeder davon ist für viele Familien eine furchtbare Tragödie. Und dennoch schreien die Waffenbesitzer jedes Mal auf, dass es das Ende der Freiheit bedeutete, wenn sie keine Sturmgewehre und Magazine mit 100 Schuss mehr kaufen dürften.

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Das Blutbad in Newtown ist der richtige Zeitpunkt, um mit diesem Waffenwahn aufzuhören. Australien und andere Länder dienen als Modelle dafür, wie man es macht: den Waffenbesitz regulieren und auf eine genehmigte Nutzung begrenzen. Amerikas wirkliche Freiheiten hängen von einer gesunden öffentlichen Ordnung ab.

Jeffrey D. Sachs ist Professor für Nachhaltige Entwicklung, Professor für Gesundheitspolitik und ‑Management und Leiter des Earth Institute an der Columbia University. Er ist außerdem Sonderberater des Generalsekretärs der Vereinten Nationen für die Millenniumsentwicklungsziele.