0

Kampf dem Kindertod

GENF – Die meisten Menschen würden auf die Frage, welche Krankheiten sie für die häufigste Todesursache bei Kindern halten, wahrscheinlich Malaria und HIV nennen. Tatsächlich jedoch gehen die meisten Todesfälle auf das Konto von Lungenentzündung und Durchfall – die „vergessenen Killer”- denen jedes Jahr über zwei Millionen der am stärksten gefährdeten Kinder zum Opfer fallen.

Zusammen sind diese beiden Krankheiten für 29 Prozent aller Todesfälle bei Kindern unter fünf Jahren verantwortlich. An Lungenentzündung oder Durchfall sterben also doppelt so viele Kinder wie an HIV und Malaria zusammen und nur etwas weniger als an Infektionskrankheiten, Verletzungen und anderen Krankheiten des Säuglingsalters insgesamt.

Chicago Pollution

Climate Change in the Trumpocene Age

Bo Lidegaard argues that the US president-elect’s ability to derail global progress toward a green economy is more limited than many believe.

Doch so schockierend diese Zahlen auch sein mögen, noch überraschender ist wohl die leichte Vermeidbarkeit von Lungenentzündung und Durchfall – es wäre durchaus möglich, bis 2025 die Zahl der Todesfälle aufgrund dieser Krankheiten durch geeignete Maßnahmen auf beinahe Null zu senken. Genau das ist auch unser Ziel.

Ein in diesem Monat von der Weltgesundheitsorganisation und UNICEF lancierter, ehrgeiziger neuer Plan – der integrierte globale Aktionsplan zur Prävention und Kontrolle von Lungenentzündung und Durchfall - zielt darauf ab, bestehende Interventionsmaßnahmen und ungenügende weltweite Anstrengungen zu intensivieren, um die Zahl der Todesfälle durch Lungenentzündung auf weniger als drei pro 1.000 Kinder und bei Durchfall auf weniger als 1 pro 1.000 Kindern zu senken. Damit würde man jedes Jahr den Tod von zwei Millionen Kindern durch vermeidbare Krankheiten verhindern.

Bei jeder anderen Infektionskrankheit oder anderen weltweiten Gesundheitsbedrohung käme eine derartige Senkung der Häufigkeit und Sterblichkeitsrate einem Wunder gleich. Doch im Fall von Lungenentzündung und Durchfall haben wir allen Grund an den Erfolg zu glauben, weil wir bereits wissen, was funktioniert.

So weisen beispielsweise Kinder, die in den ersten sechs Lebensmonaten nicht ausschließlich gestillt werden, ein zehnfach erhöhtes Risiko auf, an Durchfall zu sterben. Im Fall von Lungenentzündung liegt das Sterberisiko 15 Mal höher. Auch grundlegende Hygienemaßnahmen wie häufigeres Händewaschen und eine bessere sanitäre Versorgung wie Zugang zu sauberem Wasser sowie bessere Ernährung können das Erkrankungsrisiko bedeutend reduzieren. Vieles kann durch einfache Bildungsprogramme vermittelt werden.

Höchst wirksam sind auch Immunisierungen. So können Kinder durch Impfungen gegen das Rotavirus vor einem Erreger geschützt werden, der jährlich für 37 Prozent aller Todesfälle bei Kindern unter fünf Jahren aufgrund von Durchfall verantwortlich ist. Somit wäre es möglich, jedes Jahr 450.000 Leben zu retten. Überdies sind Impfstoffe zum Schutz vor Pneumokokken-Erkrankungen vorhanden, auf deren Konto jedes Jahr eine halbe Million Todesfälle im Zusammenhang mit Lungenentzündung gehen.

In Kombination führen diese Maßnahmen zu einer signifikanten Reduktion des Auftretens von Lungenentzündung und Durchfall. Das Problem besteht jedoch darin, dass man die am stärksten gefährdeten Kinder allzu oft nicht erreicht, weil sie extremer Armut oder in abgelegenen Gegenden in den ärmsten Ländern der Welt leben. Aus diesem Grund bedarf es jetzt eines integrierten globalen Aktionsplans.

Die beiden Krankheiten weisen derart viele gemeinsame Ursachen, Risikofaktoren, Strategien und Maßnahmen zur Prävention sowie Möglichkeiten zur Etablierung von Behandlungsplattformen in Krankenhäusern, Gemeinden und Schulen auf, dass es durchaus Sinn hat, Maßnahmen zu bündeln. Doch wenn die Kinder in entlegenen Gebieten davon profitieren sollen, gilt es, unsere Bemühungen beträchtlich zu intensivieren.

Bis vor kurzem wäre das schlicht nicht möglich gewesen, zumindest nicht soweit es Impfungen betrifft. Die Impfstoffe gegen Rotavirus und Pneumokokken sind wenig mehr als zehn Jahre alt. In der Vergangenheit dauerte es bei derartigen neuen Impfstoffen durchschnittlich 15 Jahre, bis diese die Entwicklungsländer erreichten – und dann zu Preisen, die sich die Bedürftigsten einfach nicht leisten konnten.

Das ist einer der Gründe, warum meine Organisation, die GAVI Alliance, ins Leben gerufen wurde: um die Einführung neuer Impfstoffe zu beschleunigen und sie in Entwicklungsländern erschwinglich anzubieten sowie den Zugang zu diesen Präparaten zu erleichtern. Aufgrund unseres einzigartigen Geschäftsmodells einer öffentlich-privaten Partnerschaft, ist es uns gemeinsam mit unseren Partnern gelungen, das Liefervolumen an Impfstoffen zu erhöhen und gleichzeitig die Kosten dafür zu senken. Tatsächlich ist der Preis für den Rotavirus-Impfstoff seit 2006 um 67 Prozent auf 2,50 Dollar pro Dosis gefallen. Ebenso fiel der Preis für eine Dosis Pneumokokken-Konjugatimpfstoff um 90 Prozent auf 3,50 Dollar.

Derartige Preissenkungen spielen eine entscheidende Rolle bei der Rettung des Lebens von Millionen Kindern sowie auch bei der Erreichung des Millenniums-Entwicklungsziels, die Kindersterblichkeit um zwei Drittel zu senken. Bislang trug GAVI dazu bei, dass über 13 Millionen Kinder gegen Pneumokokken-Erkrankungen und fünf Millionen Kinder gegen das Rotavirus geimpft werden konnten, wobei die Absicht besteht, diese Anstrengungen in Ländern zu verstärken, wo die Durchimpfungsrate unter 70 Prozent liegt.

Fake news or real views Learn More

All das heißt nicht, dass wir nicht noch immer vor enormen Hindernissen stehen. Es ist uns jedoch klar, dass wir mit den Impfungen alle erreichen können. Das gelang uns im Falle der Pocken, die mittlerweile ausgerottet sind, und es gelingt uns bei Polio (wo die Erkrankungshäufigkeit mittlerweile bei unter 100 Fällen jährlich liegt). Die Herausforderung besteht nun darin, diesen Erfolg auch mit allen anderen lebensrettenden Impfstoffen zu wiederholen – vor allem mit jenen, die Kinder vor den schlimmsten todbringenden Krankheiten bewahren.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier