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Keine Hinterlassenschaften für unsere Kinder

STOCKHOLM – Unsere Generation hat eine einzigartige Gelegenheit. Wenn wir uns Mühe geben, könnten wir die Ersten in der menschlichen Geschichte sein, die ihren Kindern nichts hinterlassen: keine Klimagasemissionen, keine Armut und keine Verluste im Bereich der Artenvielfalt.

Das ist der Kurs, den die weltweiten Staats- und Regierungschefs absteckten, als sie sich am 25. September bei den Vereinten Nationen in New York trafen, um die Ziele nachhaltiger Entwicklung (ZNEs) zu verabschieden. Diese 17 Ziele reichen von der Beendigung der Armut und der Verbesserung der öffentlichen Gesundheit bis hin zum Schutz der Biosphäre unseres Planeten und der Bereitstellung von Energie für alle. Sie gingen hervor aus dem größten Gipfeltreffen in der Geschichte der UN, der „Rio+20“-Konferenz von 2012, gefolgt von den umfassendsten Beratungen, die die UN jemals durchgeführt haben.

Erdogan

Whither Turkey?

Sinan Ülgen engages the views of Carl Bildt, Dani Rodrik, Marietje Schaake, and others on the future of one of the world’s most strategically important countries in the aftermath of July’s failed coup.

Anders als die ihnen vorangegangenen Millenniumziele, die sich fast ausschließlich auf die Entwicklungsländer konzentrierten, sind diese neuen globalen Ziele allgemeingültig und finden auf alle Länder gleichermaßen Anwendung. Ihre Verabschiedung zeigt die weit verbreitete Erkenntnis, dass alle Länder die Verantwortung für die langfristige Stabilität der natürlichen Zyklen der Erde teilen, auf denen die Fähigkeit des Planeten, uns zu unterstützen, beruht.

Tatsächlich sind die ZNEs der erste Entwicklungsrahmen, der eine grundlegende Veränderung in unserer Beziehung zur Erde anerkennt. Erstmals in der viereinhalb Milliarden Jahre alten Geschichte des Planeten sind die Hauptfaktoren, die über die Stabilität seiner Systeme entscheiden, nicht mehr seine Entfernung von der Sonne oder die Häufigkeit seiner Vulkanausbrüche; es sind Wirtschaft, Politik und Technologie.

Während des größten Teils der vergangenen 12.000 Jahre war das Erdklima relativ stabil, und die Biosphäre war gesund und widerstandsfähig. Geologen bezeichnen diesen Zeitraum als Holozän. In jüngster Zeit nun sind wir in eine neue Ära eingetreten, die viele als Anthropozän bezeichnen – ein deutlich weniger vorhersehbares Zeitalter menschgemachter Umweltveränderungen.

Dieser fundamentale Wandel erfordert ein neues Wirtschaftsmodell. Wir können nicht länger davon ausgehen – wie es das vorherrschende Wirtschaftsdenken bisher tut –, dass die Ressourcen der Erde endlos sind. Wir mögen einmal eine kleine Gesellschaft auf einem großen Planeten gewesen sein; heute sind wir eine große Gesellschaft auf einem kleinen Planeten.

Und doch sind die ZNEs alles andere als utopisch; sie sind bis 2030 umsetzbar. Einige Länder, darunter Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden, sind auf gutem Wege dabei, viele dieser Ziele zu erreichen, und auch anderswo auf der Welt werden große Fortschritte erzielt. In den letzten Jahrzehnten wurde die Armut halbiert. Trotz der Schlagzeilen nehmen gewaltsame Konflikte ab. Krankheiten werden ausgerottet. Die Weltbevölkerung steht davor, sich zu stabilisieren. Die Ozonschicht zeigt Zeichen der Erholung. Und die digitale Revolution bricht komplette Industrien auf – und zwar auf eine Weise, von der der Planet profitieren könnte.

Die Beseitigung der schlimmsten Armut ist deutlich erkennbar in Reichweite. Heute leben etwa 800 Millionen Menschen von weniger als 1,25 US-Dollar pro Tag. Laut einem aktuellen Bericht der Weltbank leben rund 30% davon in Indien, einem schlafenden Riesen, der – mit den richtigen Anreizen – vor der Industrialisierung steht. Auch in anderen Ländern nimmt die Armut ab, darunter in Nigeria (wo 10% der Ärmsten leben), China (8%) und Bangladesch (6%).

Die wichtigste Quelle des Zweifels betrifft das Engagement der reichen Länder dabei, den Entwicklungsländern bei der Senkung ihrer Klimagasemissionen zu helfen, während diese die Armut überwinden. Ohne angemessene Unterstützung drohen die armen Länder, für mindestens eine weitere Generation an Kohle und Öl festhalten zu müssen, was den gesamten Planeten der Gefahr eines außer Kontrolle geratenden Klimawandels aussetzt.

Die politischen Führungen weltweit müssen erkennen, dass die Änderung des weltweiten Energiesystems deutlich billiger kommt als die Bewältigung der Folgen, die es hätte, wenn die verbleibenden fossilen Brennstoffe des Planeten verbrannt würden. In diesem Monat veröffentlichte wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass der Verbrauch aller verbleibenden Kohlenwasserstoffe zur Abschmelze des gesamten antarktischen Eisschildes führen und den Meeresspiegel potentiell um 58 Meter anheben würde. Und ein höherer Meeresspiegel wäre nur eine der potenziellen Bedrohungen. Aus dem Klimawandel herrührende Trockenheit und Ernteausfälle etwa könnten gewaltsame Konflikte auslösen.

Zum Glück gibt es zahlreiche Belege dafür, dass Länder und Branchen florieren können, ohne zum Klimawandel beizutragen. Bis 2030 dürfte sich eine Reihe von Ländern von fossilen Brennstoffen freigemacht haben, an der Spitze vermutlich Schweden, Frankreich und Deutschland. Diese Länder werden eine geringere Luftverschmutzung aufweisen, Gesundheit und Wohlbefinden werden sich verbessern, und ihre Volkswirtschaften werden florieren.

Sie werden zugleich die Biosphäre unter einen geringeren Druck setzen. Schätzungen zufolge war die Artenvielfalt auf der Erde noch nie so groß wie heute. Der Wert der Artenvielfalt besteht darin, dass sie unsere Ökosysteme widerstandsfähiger macht, was eine Voraussetzung für stabile Gesellschaften ist; ihre mutwillige Verringerung ist vergleichbar damit, sein Rettungsboot in Brand zu setzen. Die Beendigung der Armut und die Verringerung der Emissionen – u.a. dadurch, dass wir die Landnutzung wirksam steuern und der Entwaldung Einhalt gebieten – wird viel dazu beitragen, den bisherigen Trend zu stoppen und angerichtete Schäden zu beseitigen.

Unternehmen wie Ikea und Unilever gehen dabei voran mit echten Bemühungen, Verantwortung für das Klima, die Ressourcen und Ökosysteme des Planeten zu übernehmen. Ein Grund dafür ist, dass die Zerstörung von Ökosystemen dank der zunehmenden Sensibilisierung der Verbraucher schlecht fürs Geschäft ist. Zugleich sind alle Branchen – von der Informationstechnologie bis hin zur Landwirtschaft – von den Leistungen abhängig, die die Natur für uns erbringt. Die Verwaltung von Wäldern, Flüssen, Steppen und Korallenriffen auf nachhaltige Weise macht diese widerstandsfähiger und steigert ihre Fähigkeit, Klimagase aufzunehmen, was gut fürs Geschäft ist.

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Wir sind die erste Generation, die eine bewusste Entscheidung über die Richtung treffen kann, die unser Planet nimmt. Entweder hinterlassen wir unseren Nachkommen ein Erbe, bei dem es keine Armut, keine Nutzung fossiler Brennstoffe und keine Verluste an Artenvielfalt mehr gibt, oder eine Rechnung von Mutter Erde, die sie möglicherweise nicht werden bewältigen können.

Aus dem Englischen von Jan Doolan