fischer184_Russian Aerial Forest ProtectionTASS via Getty Images_wildfire siberia Russian Aerial Forest ProtectionTASS via Getty Images

Staatenegoismus versus planetarer Verantwortung

Die menschengemachte Klimakrise bestimmt in diesem Sommer die Schlagzeilen. Es begann im Juli mit einer langanhaltenden Hitzewelle an der Pazifikküsten der USA und Kanadas mit außergewöhnlich hohen Temperaturen, Überflutungen nach extremem Starkregen in Zentraleuropa und in China am gelben Fluss mit zahlreichen zu beklagenden Todesopfern, dann die Großbrände in Griechenland, der Türkei, Süditalien und an der nordafrikanischen Gegenküste, ebenso riesige Flächenbrände in Sibirien. Hinzu kamen noch Meldungen über einen sich abschwächenden Jet Stream  in der nördlichen Hemisphäre und ein drohendes Erlahmen der großen Wärmepumpe für Westeuropa, dem Golfstrom im Atlantik. Die menschengemachte Klimakrise wird erfahr- und spürbar.

Just in diesen Sommer extremer Wetterlagen wurde nun der wegen der Covid-19 Pandemie verschobene 6. Bericht des Weltklimarates veröffentlicht, der in deutlicheren Worten als früher die Verantwortung der Menschheit für das sich aufheizende Weltklima eindeutig benannte, vorneweg die größten Verursacher aus den entwickelten reichen Industrieländern und großen Schwellenländern.

Der Bericht wirft auch die Frage nach der Möglichkeit des Erreichens des Pariser Klimaziels auf, von einer Begrenzung des globalen Temperaturanstieg deutlich unter 2°C, nach Möglichkeit nicht mehr als 1,5°C, bezogen auf die vorindustrielle Zeit, und kommt zu dem Schluss, dass dies nur durch entschlossenes sofortiges Handeln bei der Emission von klimaschädlichen Treibhausgasen, vor allem bei CO2, noch möglich wäre. Davon ist allerdings gegenwärtig weltweit wenig zu sehen. Und man vergesse auch nicht, dass die Pariser Ziele eher Minimalziele sind, deren Realisierung nicht zur Beendigung der Klimakrise führen würde, sondern lediglich zu deren Verlangsamung

Das Pariser Klimaprotokoll haben die Staaten im Dezember 2015 aus eigenem Entschluss unterzeichnet. Vermutlich hat aber bei manchem Unterzeichner insgeheim die Hoffnung mitgespielt, die Klimakrise würde sich langsamer und weniger heftig entwickeln, aber das gerade Gegenteil ist gegenwärtig der Fall. Zeit wird zu einer immer knapperen Ressource.

Das Dilemma mit der Klimakrise besteht auch darin, dass es sich innerhalb es bestehenden globalen Systemsauf Strukturen stützen muss, die seit alters her auf den machtgestützten Staatenegoismus gründen und nicht auf gemeinsamem Handeln der Menschheit zur Abwehr einer uns allen bedrohenden Gefahr. Eine planetare Verantwortung zur Bewahrung der gemeinsamen Lebensgrundlagen kennt unser politisches System eben nicht. Aber genau darin wird die große Herausforderung des 21. Jahrhunderts bestehen. Wenn man den ersten Teil des neuen Weltklimaberichts in seinen Konsequenzen ernst nimmt, dann wird es im vor uns liegenden Jahrzehnt um nichts weniger gehen als um die Transformation der Weltwirtschaft, hin zu einer kohlenstofffreien oder zumindest kohlenstoffarmen Weltwirtschaft.

Eine gigantische technische, wirtschaftliche und auch politische Herausforderung, die sich aber angesichts der harten Fakten der Klimakrise als unausweichlich erweisen wird. Und je erfahrbarer diese harten Fakten der Klimakrise werden und je stärker der Zeitdruck spürbar werden wird, desto mehr wird diese Krise die internationale Politik bestimmen und deren Neuausrichtung erzwingen, weg von der traditionellen Machtpolitik hin zu einer Politik gemeinsamer planetarischer Verantwortung. Etwas weiß man aber mit Sicherheit schon heute, nämlich dass diese Krise niemals von einzelnen Staaten, und seien es auch die mächtigsten, allein gelöst werden kann. Es wird dazu der solidarischen Zusammenarbeit der gesamten Menschheit bedürfen. Was bisher allerdings nicht unbedingt eine der Stärken unserer Species war, wie uns deren Geschichte lehrt.

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Wenn unter dem enormen Zeitdruck auch nur die Aussicht auf Erfolg bestehen soll, so wird es zur Bewältigung der menschgemachten Klimakrise der engen Zusammenarbeit und Führung durch die großen Mächte bedürfen, vorneweg der beiden Supermächte des 21. Jahrhunderts, die USA und China, aber auch der EU, Indiens und anderer.

Auch wird die gegenwärtige Großmachtrivalität zwischen den USA und China vor allem auf dem Feld der technischen Dominanz ausgetragen, ein Sektor, der gerade bei der Bekämpfung der Klimakrise von entscheidender Bedeutung ist. Denn die planetarische Verantwortungsübernahme durch die Menschheit setzt Wissen voraus und d.h. eine umfassende Datenerfassung und damit Kontrolle der entscheidenden Systeme der Biosphäre nach Möglichkeit in Echtzeit.   

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