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Maschinen können nicht träumen

WALLDORF – Im Vorfeld des World Economic Forum tritt Bill McDermott dafür ein, Mensch und Maschine nicht als Rivalen zu sehen, und plädiert stattdessen für ein Miteinander. 

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Viele Menschen fürchten sich vor den Veränderungen, die Roboter mit sich bringen. Seit vor zwanzig Jahren ein Computer den Schachweltmeister Gary Kasparov besiegte, betrachtet die Öffentlichkeit jeden Fortschritt in der künstlichen Intelligenz (KI) als weiteren Schritt in Richtung eines immer stärkeren Konkurrenzkampfes zwischen Mensch und denkender Maschine. Der Gedanke, wohin das letztendlich führen könnte, flößt vielen Angst ein. 

Nach dem Schachtriumph von Deep Blue gelang es auch anderen mit künstlicher Intelligenz ausgestatteten Maschinen auf spektakuläre Weise, menschliche Gegner zu schlagen – etwa Kandidaten in der Quizshow „Jeopardy“ und in jüngerer Zeit den Weltmeister im Brettspiel „Go“. Die neueste Version der Google-Software AlphaGo hat sich das Strategiespiel ganz ohne menschliche Hilfe selbst beigebracht. 

Wirtschaftsführer, Technologieexperten, Zukunftsforscher und Arbeitnehmer diskutieren die tiefgreifenden Auswirkungen, die künstliche Intelligenz am Arbeitsplatz, in der Gesellschaft und im Privatleben haben wird. Über das genaue Ausmaß dieser Auswirkungen wird heiß diskutiert. Könnten die Maschinen uns ersetzen? Könnten sie gar die Kontrolle ganz übernehmen? 

Sowohl bei den Verfechtern als auch bei den Skeptikern sind kluge Köpfe vertreten. Einige, wie Professor Stephen Hawking, halten den Aufstieg der künstlichen Intelligenz für eine existenzielle Bedrohung. „Ich glaube, die Entwicklung einer voll ausgeprägten künstlichen Intelligenz könnte das Ende der Menschheit bedeuten“, sagte Hawking im BBC-Radio

Für andere ist die fortschreitende Automatisierung geradezu ein Wunschtraum, der jetzt durch intelligente Maschinen Wirklichkeit wird. 

Optimismus ist ein innerer Antrieb, der uns nichts kostet. In diesem Sinne könnte diese Entwicklung ein riesiges Potenzial für die Menschheit bergen. Wie auch immer man es betrachtet, eines ist klar: Es bringt absolut nichts, vor einer Schreckensvision der Zukunft zu verzagen, die wir doch vermeiden können. Lasst uns die Zukunft gestalten, in der wir leben wollen! 

Selbst in einer so sehr von Spaltung geprägten Welt wie der heutigen können wir beobachten, wie menschliche Eigenschaften wie Einfallsreichtum, Liebenswürdigkeit, Innovationsgeist und Kreativität sich durchsetzen und unaufhaltsam an Dynamik gewinnen. Es ist möglich, eine Welt zu erschaffen, in der künstliche Intelligenz der Menschheit dient, in der die Automatisierung die Menschen von gefährlichen und langweiligen Arbeiten befreit und uns die Freiheit schenkt, uns auf Aufgaben zu konzentrieren, zu denen nur der Mensch fähig ist – mit Einfühlungsvermögen, moralischer Urteilskraft und Liebe. 

Gemeinsam mehr erreichen 

Anstatt den Konkurrenzkampf zwischen Mensch und Maschine weiter anzuheizen, können wir zusammen etwas erschaffen, das man als „Augmented Humanity“, eine Art Miteinander zwischen Mensch und Maschine oder Erweiterung der menschlichen Fähigkeiten, bezeichnen kann. 

Führende Technologieunternehmen weltweit müssen weitsichtig und besonnen handeln, denn es liegt in ihrer Verantwortung, sicherzustellen, dass intelligente Maschinen im Einklang mit dem Menschen arbeiten, nicht gegen ihn. Natürlich dürfen wir nicht die Augen vor den Risiken verschließen, sondern müssen diese vielmehr eindämmen – etwa durch die Umschulung von Arbeitnehmern, die von der nächsten Automatisierungswelle verdrängt werden. Doch zugleich müssen wir erkennen, dass die gesamte Menschheit von künstlicher Intelligenz profitieren kann. 

Mehdi Miremadi, Partner bei McKinsey & Company, ist auch überzeugt, dass die Zukunft in der Kooperation und nicht in der Rivalität zwischen Mensch und Maschine liegt. „Ich glaube, die Zukunft gehört der Interaktion zwischen Mensch und Roboter. Das wird kurz- bis mittelfristig, also in den nächsten 5 bis 15 Jahren, der wichtigste Trend sein“, erklärt er. 

Dass er damit richtig liegen dürfte, zeigt die Tatsache, dass führende Industrieunternehmen bereits Möglichkeiten prüfen, kollaborative Roboter, kurz „Cobots“, in der Produktion einzusetzen. Dafür haben sie einen einfachen Grund. Roboter arbeiten immer gleich, sie sind zuverlässig und sie werden nicht müde. Nur Improvisation liegt ihnen nicht. Änderungen an der Fertigungsstraße machen eine aufwändige Umprogrammierung durch menschliche Mitarbeiter erforderlich. Folglich ist es kaum möglich, die Produktion schnell umzustellen. 

Die Lösung liegt nach Meinung von Forschern darin, künstliche Intelligenz einzusetzen, um die Fabrik der Zukunft zu koordinieren. Sie würde dann die Roboter programmieren und den Menschen, die mit den Robotern zusammenarbeiten, ihre Aufgaben zuweisen. 

Um mögliche negative Auswirkungen der Technologie auf die Gesellschaft zu vermeiden, bedarf es einer durchdachten Planung. Gemeinsam müssen wir die dafür Sorge tragen, dass es nicht zu einer massenhaften Entfremdung und damit zu einer Zersplitterung der Gesellschaft kommt. 

Die Verantwortlichen in Behörden, in der Privatwirtschaft und im Bildungswesen müssen zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass junge Menschen die Fähigkeiten erwerben, die sie in der digitalen Wirtschaft brauchen, und Arbeitnehmer lernen, sich auf die neuen Anforderungen einzustellen. Umschulungen und lebenslanges Lernen sind ganz klar die neue Normalität. Unternehmen werden künftig mit vorübergehend Beschäftigten jeden Alters arbeiten müssen. 

Folgen für die Wirtschaft 

Dass künstliche Intelligenz das Potenzial hat, unser Leben in vielerlei Hinsicht zu verändern, steht außer Frage. Doch wie viele Arbeitsplätze durch die Automatisierung mit KI wegfallen könnten, ist unter Fachleuten umstritten. 

Eine vollständige Automatisierung ist derzeit nur bei einem kleinen Prozentsatz der Arbeitsplätze denkbar, aber fast jeder Job könnte teilweise automatisiert werden. Am ehesten lassen sich gut planbare Routineaktivitäten wie Datenerfassung und -verarbeitung automatisieren. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass KI zur Sicherheit des Menschen beiträgt, indem sie Aufgaben übernimmt, die für den Menschen zu schwierig oder zu gefährlich sind. 

Die Geschichte lehrt uns, dass bahnbrechende technische Fortschritte immer Veränderungen in der Arbeitswelt nach sich ziehen – doch stets in Form von Erneuerung und Modernisierung. In der Vergangenheit waren nach einer Veränderung oft mehr Menschen in Lohn und Brot, als zuvor durch die Neuerungen verdrängt worden waren. 

Die meisten Branchenanalysten sind sich einig, dass künstliche Intelligenz die wirtschaftliche Entwicklung befeuern wird. Laut einer Prognose von Gartner werden Tools mit künstlicher Intelligenz bis 2021 eine Wertschöpfung von 2,9 Billionen US-Dollar generieren. PwC zufolge könnte KI bis 2030 fast 16 Billionen US-Dollar zur Weltwirtschaft beitragen und für ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts um bis zu 26 Prozent sorgen. Nach einigen Schätzungen könnten Unternehmen durch die Aufgabenautomatisierung mit KI sage und schreibe drei bis vier Billionen US-Dollar jährlich einsparen. 

Für kleine Träume ist kein Platz 

Die Vorteile, die Unternehmen aus künstlicher Intelligenz ziehen können, gehen weit über Kosteneinsparungen hinaus. KI bedeutet auch mehr Innovationen, bessere Prognosen, optimierte Abläufe, stärker personalisierte Kundenservices und ein attraktiveres Verbrauchererlebnis. 

Wie bei jedem Technologiewandel dürfen wir den „Faktor Mensch“ nicht aus den Augen verlieren. Es gibt Dinge, die selbst die intelligentesten Maschinen nicht können. Maschinen träumen nicht. Maschinen setzen sich keine Ziele und haben kein Verantwortungsgefühl. Selbst wenn sie mit großen Datenmengen trainiert werden, können Maschinen nur aus der Vergangenheit lernen. Sich die Zukunft vorzustellen, dazu sind sie nicht in der Lage. Zum Glück für uns sind das Leben und das Geschäft keine rein mathematisch zu berechnenden Schachpartien. Auch im intelligenten Unternehmen der Zukunft werden rein menschliche Fähigkeiten wie Flexibilität, Kreativität, Neugier und emotionale Intelligenz immer erforderlich sein. 

Für kleine Träume ist kein Platz. Wir müssen unserer Vorstellungskraft freien Lauf lassen, immer wieder ungeahnte Möglichkeiten ersinnen und dann hart daran arbeiten, diese zu verwirklichen. Ich bin überzeugt, dass wir künftig eine konstruktive Debatte über die gesellschaftlichen Auswirkungen von künstlicher Intelligenz führen müssen, damit die Menschen, die machtlos zusehen, nicht abgehängt werden. Das ist unsere Verantwortung in der modernen Zeit. Doch in den größten Herausforderungen dieser Welt liegen zugleich die größten Chancen. Nur wenn wir es wagen, große Träume zu haben, können wir unser menschliches Potenzial voll entfalten. 

http://prosyn.org/vWIIU0h/de;