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Was den Wirtschaftswissenschaften fehlte

NEW HAVEN – Letzten Monat frohlockte die wirtschaftswissenschaftliche Fachwelt, als die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften Claudia Goldin den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften verlieh, weil sie „unser Verständnis der Arbeitsmarktergebnisse von Frauen erweitert hat.”Man kann sich kaum eine würdigere Preisträgerin vorstellen als jene Wissenschaftlerin, die Pionierarbeit zur Lage der Frauen in der Erwerbsbevölkerung geleistet hat, dieses Thema mit Leidenschaft verfolgt und dabei Dutzende der führenden Köpfe von heute als Mentorin begleitet hat.

Doch die Bedeutsamkeit des diesjährigen Preises geht über Goldin hinaus, stellt er doch eine längst überfällige Anerkennung der Tatsache dar, dass die Erfahrungen von rund 50 Prozent der Weltbevölkerung in der Wirtschaft einer wissenschaftlichen Untersuchung würdig sind. Was heute selbstverständlich sein mag, war früher nicht immer so. Bis vor knapp einem Jahrzehnt rieten Wirtschaftsprofessoren ihren Doktorandinnen und Doktoranden regelmäßig davon ab, sich mit geschlechtsspezifischen Fragen zu befassen. Wenig überraschend waren die wenigen Frauen, die damals postgraduale Studiengänge in Wirtschaftswissenschaften absolvierten, am meisten an diesen Themen interessiert. „Das ist eine sehr interessante Frage“, bekamen sie von ihren Betreuern zu hören. „Aber Sie sollten besser eine Festanstellung haben, bevor Sie sich damit befassen.“

Es zeugt von Goldins Tatkraft und Intellekt, dass sie ihr Forschungsprogramm trotz eines derart ungünstigen Umfelds erfolgreich vorantrieb. Ihre Arbeit ebnete den Weg für das heute florierende Feld der geschlechtsbezogenen Forschung. Doch die Tragweite der Anerkennung, die Goldin zuteil wurde, geht weit über das Thema Geschlecht hinaus, das nur eine von vielen Dimensionen persönlicher „Identität“ ist.

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