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Zur Verteidigung der Globalisierung

LONDON – Bei meinem letzten Besuch im schönen Chile habe ich an einem Zukunftskongress teilgenommen und hatte zudem Gelegenheit, bis an die äußerste Spitze des südamerikanischen Kontinents zu reisen. Außerdem habe ich unlängst an einem BBC-Radio-Feature mit dem Titel „Fixing Globalization“ mitgewirkt, für das ich auf der Suche nach Ideen, wie sich bestimmte Aspekte der Globalisierung verbessern lassen, kreuz und quer durch das Vereinigte Königreich gereist bin und mit namhaften Experten aktuelle Fragen diskutiert habe. Ich habe in beiden Fällen Dinge gesehen, die mich überzeugt haben, dass es höchste Zeit ist, die Globalisierung zu verteidigen.

Chile ist heute das reichste Land Lateinamerikas und verfügt mit rund 23.000 US-Dollar  über ein ähnlich hohes Pro-Kopf-BIP wie mitteleuropäische Länder. Für ein Land, das in so hohem Maße von der Kupferproduktion abhängig ist wie Chile, ist das ein beachtlicher Erfolg, der es von vielen seiner Nachbarn unterscheidet. Chile ist, wie viele andere Länder auch, mit wirtschaftlichen Herausforderungen konfrontiert und seine Wachstumsrate lässt zu wünschen übrig. Zugleich stehen dem Land aber zahlreiche vielversprechende Möglichkeiten außerhalb seiner Grenzen offen.

In meiner Zeit als Leiter eines Gremiums, das sich mit antimikrobieller Resistenz beschäftigt, habe ich beispielsweise gelernt, dass Kupfer wirkungsvolle antibakterielle Eigenschaften besitzt und ein ideales Material für den Einsatz in Gesundheitseinrichtungen ist, um die Ausbreitung von Bakterien zu bekämpfen. Das bedeutet, dass Kupferproduzenten wie Chile, Australien und Kanada die globale Gesundheit verbessern – und den Export ankurbeln – können, indem sie eine erschwingliche Versorgung von Krankenhäusern und anderen klinischen Umgebungen weltweit mit Kupferwerkstoffen aufbauen.

Auch im Katastrophenmanagement von Erdbeben und Tsunamis verfügt Chile über umfassende Expertise. Bei meinem Besuch war ich in der Küstenstadt La Serena, die 2015 vom sechststärksten Erdbeben in der Geschichte Chiles erschüttert worden ist. Bei dem darauffolgenden Tsunami sind elf Menschen ums Leben gekommen – in vielen anderen Regionen wäre die Zahl der Todesopfer sicher weitaus höher gewesen. Hier haben die professionelle Vorbereitung und die schnelle Reaktion der chilenischen Behörden offenbar den Unterschied gemacht. Andere Länder, die von Erdbeben bedroht sind, können von der umfangreichen institutionellen Erfahrung in Chile profitieren.

Unweit von La Serena befindet sich zudem einer der weltweit besten Standorte für Beobachtungen des Sternhimmels, der führende Astronomen aus aller Welt anlockt. Tatsächlich gibt es in Chile viele bemerkenswerte Projekte, in denen internationale Wissenschaftler zusammenarbeiten, was zum Teil auf seine unmittelbare Nähe zur Antarktis zurückführen ist, in der die internationale Kooperation in den Bereichen Wissenschaft und Umwelt eine lange Tradition hat.

Über Chile hinaus ist es interessant, dass der chinesische Präsident Xi Jinping in diesem Jahr am Weltwirtschaftsforum in Davos teilnimmt. Nachdem Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde und das Vereinigte Königreich den Rückzug aus der Europäischen Union beschlossen hat, war ich davon ausgegangen, dass eine derart elitäre Veranstaltung ihre beste Zeit hinter sich hat. Xis Teilnahme lässt darauf schließen, dass China auslotet, wo es sich auf der Weltbühne positionieren kann und welche Elemente der Globalisierung es nun, da die westlichen Mächte den Blick nach innen wenden, zu seinem Vorteil nutzen kann.

In meiner Radiosendung hat der chinesische Botschafter im Vereinigten Königreich darauf hingewiesen, dass China schon heute für mindestens 70 Länder der größte Importeur ist – ganz recht, Importeur – und rund 10-11% aller Waren weltweit importiert. Trotz seiner mutmaßlichen wirtschaftlichen Herausforderungen wird China wahrscheinlich noch vor Ende dieses Jahrzehnts ein größerer Importeur sein als die EU und bald darauf auch die USA übertreffen.

Darüber hinaus hat die wirtschaftliche Ungleichheit zwischen den Ländern in den letzten 20 Jahren stark abgenommen, was teilweise auf den Aufstieg Chinas sowie die wirtschaftliche Entwicklung in Asien, Lateinamerika und anderswo zurückführen ist. Tatsächlich haben die Vereinten Nationen ihr Milleniumsziel die Armut bis 2015 zu halbieren bereits 2010 erreicht, und aktuelle Prognosen lassen darauf schließen, dass die Armut bis 2050 überall, außer in Afrika, beseitigt sein wird.

Ohne die Globalisierung wird es nicht dazu kommen. Besonders afrikanische Länder werden mehr Handel miteinander treiben müssen, und es ist die Rede von der Schaffung einer afrikanischen Freihandelszone. Aber das könnte sich im zunehmend handelsfeindlichen Klima als schwierig erweisen. Sind die Kritiker der Globalisierung – jene, die sie fälschlicherweise als Nullsummenspiel betrachten – dagegen, die Armut auf der Welt zu beseitigen?

Politische Entscheidungsträger können etwas unternehmen, um Ängste in Bezug auf die Globalisierung abzubauen. Zunächst einmal muss das schier endlose Profitwachstum im Verhältnis zum globalen BIP endlich aufhören. Jeder, der findet, dass das radikal klingt, muss sein wirtschaftliches Wissen aufpolieren. Höhere Gewinne sollten ein Anreiz für neue Marktteilnehmer sein, die die Profite der Platzhirsche aufgrund des Wettbewerbs schmälern würden. Die Tatsache, dass das nicht passiert, lässt darauf schließen, dass einige Märkte manipuliert worden sind oder einfach nicht funktionieren. In einigen Bereichen müssen politische Entscheidungsträger mit stärkerer Regulierung dagegen vorgehen. Wie ich bereits an anderer Stelle dargelegt habe, ist etwa der gegenwärtige Umgang mit Aktienrückkaufprogrammen viel zu lax.

Gleichzeitig müssen politische Entscheidungsträger Maßnahmen treffen, um die Löhne der untersten Einkommensschichten zu erhöhen, was tatsächlich dazu beitragen kann, die Produktivität anzukurbeln, da Kapital im Verhältnis zur Arbeit billiger wird. Und wir müssen die Durchsetzung von Rechtsvorschriften für Handelsabkommen verstärken und mehr dafür tun, Branchen der heimischen Industrie zu helfen, die aufgrund dieser Abkommen Nachteile hinnehmen müssen, wie Weltbankpräsident Jim Yong Kim unlängst im Gespräch mit mir betont hat.

Das erinnert mich an eine traurige Geschichte, die mir einige entlassene Arbeiter des Reifenkonzerns Goodyear Tire in Wolverhampton in der Region West Midlands erzählt haben. Sie berichteten, dass Stellenausschreibungen für die Arbeitsplätze, die sie gerade verloren hatten, am Schwarzen Brett hingen und es ihnen freigestellt wurde, sich dafür zu bewerben, wenn sie nach Mexiko ziehen würden. Die Arbeiter vermuteten, dass es einfacher für die Firma war, die britische Fabrik zu schließen als noch weniger produktive Fabriken in Frankreich oder Deutschland. Solche Veränderungen lassen sich bestimmt besser handhaben.

Zu guter Letzt müssen politische Entscheidungsträger Entwicklungsprojekten wie dem britischen „Northern Powerhouse“ − das darauf abzielt, die Wirtschaft im Norden Englands neu zu beleben, der früher das Zentrum der produzierenden Industrie war – und dem vergleichbaren Modell „Motor Mittelengland“ Priorität einräumen.

Trotz der vielen Herausforderungen, vor die sie uns stellt, hat die Globalisierung die Welt besser gemacht, als sie es sonst gewesen wäre. Und wir brauchen sie nach wie vor, um die Armut zu beseitigen und einen höheren Lebensstandard für alle Menschen zu erreichen.

Aus dem Englischen von Sandra Pontow.