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Auf der Überholspur in Richtung saubere Energien

LONDON – Der weltweite Übergang von kohlenstoffintensiven fossilen Brennstoffen hin zu saubereren, zuverlässigeren Formen erneuerbarer Energien wie Wind und Sonne ist bereits in vollem Gange. Die große Frage – der 2020er Jahre und darüber hinaus – lautet jedoch, wie rasch diese Entwicklung über die Bühne gehen wird. Ein langsamer Übergang würde bedeuten, dass die etablierten Unternehmen des Energiesektors weiterhin florieren und wir die im Pariser Klimaschutzabkommen von 2015 festgelegten Emissionsreduktionsziele mit Sicherheit verfehlen werden. Wenn der Übergang jedoch zügig vonstatten geht, werden die etablierten Unternehmen in unterschiedlichem Maße von Brüchen betroffen sein –  der Preis, den es zu zahlen gilt, um die Klimaziele von Paris in Reichweite zu halten. Aus heutiger Sicht sind beide Szenarien möglich, die sich in Gestalt zweier vor uns liegender Wege darstellen.

In einem neuen Bericht für das Global Future Council on Energy des Weltwirtschaftsforums haben wir und unsere Ko-Autoren vier Bereiche ermittelt, in denen entschieden wird, welchen Kurs wir einschlagen. Der Bericht unter dem Titel The Speed of the Energy Transitionliefert überzeugende Beweise dafür, dass die Umstellung rasch auf uns zukommt und dass sich alle relevanten Akteure im weltweiten Energiesystem vorbereiten müssen – soll heißen: es betrifft jeden einzelnen von uns.

Ein Bereich, in dem sich das schrittweise vom raschen Szenario unterscheidet, ist der Einsatz erneuerbarer Energien. Wann werden erneuerbare Energien beginnen, etablierte Energiequellen zu verdrängen? Auf den Märkten wird der entscheidende Moment gekommen sein, wenn das gesamte Wachstum der Energieversorgung sowie auch der Stromversorgung auf erneuerbare Energien entfällt. Dies wird höchstwahrscheinlich in den frühen 2020er Jahren der Fall sein, lange bevor fossile Brennstoffe ihren beherrschenden Anteil an der gesamten Energieversorgung verlieren. Da sich die Erneuerbaren zu den führenden Wachstumsbranchen im Energiesektor entwickeln, werden auch die Finanzmärkte das Kapital in zunehmendem Maße entsprechend umschichten.

Ein zweiter Bereich betrifft die Innovationen in der Energietechnologie und die Frage, ob das Wachstum bei neuen Anwendungen linear (schrittweises Szenario) oder exponentiell (schnelles Szenario) verläuft. Im Falle der Stromerzeugung sind Solar- und Windenergie bereits günstiger als fossile Brennstoffe und elektrische Fahrzeuge werden für Autos mit Verbrennungsmotoren hinsichtlich des Preises bald eine Herausforderung darstellen. Es spricht einiges dafür, dass die Wachstumsbarrieren für Elektrofahrzeuge in absehbarer Zukunft überwunden werden können. Darüber hinaus stehen Innovationen in Form neuer, aber bereits realisierbarer Technologien wie dem grünen Wasserstoff bevor. Die Preise für erneuerbare Energien werden höchstwahrscheinlich weit unter jene der etablierten Energieträger fallen und - schnell - zu exponentiellem Wachstum der grünen Energie führen.

Ein dritter Schlüsselbereich ist die Politik. Bleibt die politische Entscheidungsfindung vorsichtig oder wird sie sich dynamischer und ehrgeiziger gestalten, wenn neue Technologien für Chancen sorgen, die Gestaltung und Funktionsweise der Märkte zu verbessern? Da Trägheit eine starke Kraft darstellt, ist der Umfang bestehender politische Strategien begrenzt. Aber die Geschichte lehrt uns, dass Wendepunkte irgendwann erreicht werden: sobald echte Veränderungen eintreten, werden sie tendenziell auf breiter Front rasch übernommen – wie dies auch im Falle des gesetzlichen Rauchverbots in Innenräumen passierte.

Angesichts der Tatsache, dass neue Technologien bereits bessere Lösungen für den Energiebedarf der Verbraucher bieten, werden die politischen Entscheidungsträger unweigerlich auf die Anforderungen ihrer Wähler reagieren. Wenn genügend Politiker erkennen, dass die Energiewende nicht kostspielig ist und tatsächlich die Wettbewerbsfähigkeit ankurbelt (was die Preise sinken lässt), werden sie die Regeln für die Energiemärkte anpassen, um dem bereits eingeleiteten Wandel Platz zu verschaffen.

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Den letzten Schlüsselbereich bilden die Schwellenländer, die entweder den mit fossilen Brennstoffen gepflasterten Weg der Industrieländer folgen oder sich gleich auf neuere Energietechnologien verlegen können. Länder wie China und Indien müssen zweifellos viel mehr Energie für ihre Bürger erzeugen und weltweit haben fast eine Milliarde Menschen noch keinen Zugang zu Elektrizität. Das heißt jedoch nicht, dass sich Schwellen- und Entwicklungsländer für emissionsreiche fossile Brennstoffe entscheiden müssen. Ebenso wie Mobiltelefone in weiten Teilen der Entwicklungsländer die Festnetztelefonie bedeutungslos machten, können zunehmend erschwingliche erneuerbare Energieträger zur offenkundig ersten Wahl für die Energieerzeugung werden.

Aus unserer Sicht deuten die Beweise eindeutig auf eine rasche Energiewende in den kommenden Jahren hin. Die Gefahr besteht darin, dass wichtige Akteure - ob politische Entscheidungsträger oder Investoren - den eingeschlagenen Weg verwechseln und schlechte Entscheidungen treffen. In diesem Fall werden wir alle die Kosten für kohlenstoffintensive Stranded Assets und verlorene Investitionen in veraltete Technologien tragen müssen. Noch schlimmer:  wir werden die Chance, Nachhaltigkeit zu erreichen und die Gefahr einer katastrophalen Klimaentwicklung zu minimieren, vertan haben.

Alle – angefangen bei innovativen Technologie-Start-ups bis hin zu etablierten Energieversorgern und staatlichen Entscheidungsträgern - müssen eine Rolle spielen, wenn es darum geht zu bestimmen, welchen Weg wir beschreiten. Wenn die relevanten Akteure das rasante Tempo der bereits eingeleiteten globalen Energiewende erkennen und sich diesen Wandel zu eigen machen, können wir die Pariser Klimaziele noch erreichen und auf einem für alle lebenswerten Planeten leben. 

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

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