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Der Umsetzungsgipfel

ADDIS ABEBA – Die 27. Klimakonferenz der Vereinten Nationen (COP 27) findet in einer Zeit wirtschaftlicher und geopolitischer Krisen statt, die eine Bedrohung für die Lebensmittelsicherheit, die öffentliche Gesundheit und viele weitere Lebensbereiche darstellen. Diese unmittelbaren Probleme dürfen uns jedoch nicht von einer unabweisbaren Wahrheit ablenken: die bei weitem wichtigste Schlacht, die unsere Generation zu schlagen hat, ist der Kampf gegen den Klimawandel.

Im Frühjahr dieses Jahres haben extreme Niederschläge in Südafrika eine der tödlichsten Katastrophen dieses Jahrhunderts verursacht. Zurzeit steht nach dem schlimmsten Überschwemmungen in der Geschichte Pakistans ein Drittel des Landes unter Wasser. Solche extremen Wetterereignisse sind inzwischen keine seltenen Ausnahmen mehr, sondern unsere neue Normalität. Experten zufolge kommen extreme Regenfälle heute doppelt so häufig vor wie früher. Grund ist der Klimawandel, der auch Dürren, Waldbrände und andere Desaster verursacht.

Afrika leidet besonders stark unter diesen Klimafolgen. Dem amtierenden Chefökonom der Afrikanischen Entwicklungsbank (AfDB) zufolge, kostet der Klimawandel den Kontinent zwischen 5 und 15 Prozent seines BIP-Wachstums. Diese Verluste könnten künftig noch deutlich höher ausfallen und besonders die Landwirtschaft beeinträchtigen. Dies hätte nicht nur für die wirtschaftliche Entwicklung, sondern auch für die Ernährungssicherheit verheerende Konsequenzen.

Viele nennen die 27. UN-Klimakonferenz, die im ägyptischen Scharm asch-Schaich stattfindet, „Afrikas Klimagipfel“. Wir in Afrika sehen ihn aber lieber als „Umsetzungsgipfel“, d. h. als eine Konferenz, die hochfliegende Hoffnungen und wage Versprechen hinter sich lässt und stattdessen eine umfassende ergebnisorientierte Agenda hinterlässt. Und ja, diese Agenda müsste mehr – finanzielle und sonstige – Unterstützung für Afrika enthalten, den Kontinent, der am wenigsten zum Klimawandel beigetragen hat.

Aber um den Präsident der AfDB Akinwumi Adesina zu zitieren: wir Afrikaner kommen nicht als Bettler, wir kommen mit Ressourcen und Lösungen. Wir haben bereits begonnen, durch konkrete Maßnahmen die grüne Wende zu beschleunigen und uns gegen die schlimmsten Folgen des Klimawandels zu wappnen.

Erstens setzen die afrikanischen Länder inzwischen voll auf den Ausbau sauberer Energien. In den letzten Jahren sind die Kapazitäten zur Nutzung erneuerbarer Energie dank eines zweistelligen Wachstums bei der Solar-, Wind- und Wasserkraft rasant gestiegen. Afrika ist Standort der beiden größten Solarprojekte der Welt (in Ägypten und Marokko), und 2022 waren zwei der 20 am schnellsten wachsenden afrikanischen Unternehmen in der Solarbranche tätig. Von Nigeria bis Namibia setzen afrikanische Länder auf die Wasserstofftechnologie und anderer klimafreundliche Technologien.

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Auch die Kommission der Afrikanischen Union (AU) beteiligt sich an vielen Fronten am Kampf gegen den Klimawandel. Das Mandat der AU-Kommission für Landwirtschaft, ländliche Entwicklung, blaue Wirtschaft und nachhaltige Umwelt (ARBE) wurde erweitert und umfasst jetzt auch die wichtigen Aufgaben Resilienzaufbau, Klimaanpassung und Klimaschutz. In diesem Rahmen arbeitet die ARBE gemeinsam mit Partnerorganisationen an bahnbrechenden Projekten, zu denen auch die Weiterentwicklung der Klimastrategie der AU gehört. Außerdem hat sie vor kurzem an der Formulierung einer integrierten Strategie für die Entwicklung und Umsetzung von Wetter- und Klimadiensten in Afrika mitgewirkt.

Gleichzeitig unterstützen spezialisierte Organe der AU wie die African Risk Capacity (ARC) Group afrikanische Länder dabei, durch technologiegestützte Frühwarn- und Katastrophenschutzsysteme ihre Krisenfestigkeit zu verbessern. Die Organisation arbeitet eng mit Regierungen zusammen und hilft ihnen dabei, ihre Kapazitäten zur Rettung von Menschenleben und zum Wiederaufbau beschädigter Infrastruktur nach Naturkatastrophen zu stärken. Über ARC Limited, eine zur Gruppe gehörende Versicherungsgesellschaft, bietet sie parametrische Versicherungen gegen extreme Wetterereignisse an.

Auch die AfDB wendet ihre Aufmerksamkeit – und Ressourcen – immer stärker dem Klimawandel zu. Im Jahr 2020 flossen 63 Prozent der Finanzmittel der AfDB in Projekten, die der Anpassung an den Klimawandel dienen, und damit relativ mehr als bei jeder anderen Institution zur Entwicklungsfinanzierung. Weitere 12,5 Milliarden US-Dollar zur Finanzierung von Klimaanpassungsprojekten brachte die Bank über das Africa Adaptation Acceleration Program (AAAP) auf, ein 2021 gegründeter Zusammenschluss vieler unterschiedlicher Akteure unter afrikanischer Führung.

Schätzungen zufolge müsste Afrika bis 2030 jährlich 52,7 Milliarden US-Dollar für die Anpassung an den Klimawandel aufwenden. Das Finanzierungsziel des AAAP liegt bei 25 Milliarden US-Dollar, die restliche Mittel sollen von den reichen Ländern der Welt beigesteuert werden. Obwohl Afrika also bereits Klimamaßnahmen ergreift – und finanziert – sind die Zusagen der internationalen Gemeinschaft weiterhin unzureichend.

Und Zusagen sind nur der erste Schritt. Die britische Regierung hat beim letzten Weltklimagipfel in Glasgow nicht nur die internationale Gemeinschaft, sondern auch den privaten Sektor und die Zivilgesellschaft mobilisiert und sie dazu gebracht, rekordhohe Finanzhilfen für den Klimaschutz zuzusagen. Das war ein großer Erfolg. Ein Jahr später sind viele dieser Zusagen aber immer noch nur dies: Versprechen.

Das sollte uns eigentlich nicht überraschen. Schließlich hatten die reichen Länder 2009 auf der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen versprochen, den Entwicklungsländern bis 2020 jährlich 100 Milliarden US-Dollar für Maßnahmen im Bereich Klimaschutz und Klimaanpassung bereitzustellen. Auch zwei Jahre nach Ablauf dieser Frist haben sie diese Zusagen zum größten Teil nicht erfüllt.

Aus diesem Grund fordern wir die Einführung verbesserter Mechanismen zur Überwachung und Nachverfolgung von finanziellen Klimaversprechen. Es sollte nicht schwer sein, Zusagen mit klaren Zeitplänen und Bezugswerten für die Umsetzung zu versehen. Auch die Verfahren für den Zugang zu diesen Mitteln muss vereinfacht werden.

Beim 27. Klimagipfel muss es um konkrete Handlungen gehen, nicht um Entscheidungen. Wir brauchen nicht noch mehr Beschlüsse über künftige Fortschritte. Wir müssen die Erfolge der letzten Gipfel in eine globale Zusammenarbeit für wirksamen Klimaschutz ummünzen. So müssen beispielsweise Initiativen für ein besseres Katastrophenmanagement einem ganzheitlichen Ansatz folgen, der von der Mobilisierung von Ressourcen und Frühwarnsystemen bis zum Technologietransfer und Kapazitätsaufbau alle relevanten Aspekte berücksichtigt.

Diesen ganzheitlichen Ansatz brauchen wir auch in Afrika, das durch den Klimawandel nicht nur besonders gefährdet ist, sondern auch einen großen Entwicklungsbedarf hat. Dieser Ansatz erfordert einen hohen Kapitaleinsatz, der nicht durch Darlehen finanziert werden kann, ohne bereits stark verschuldete afrikanische Länder in die Krise zu treiben.

Deshalb müssen internationale Akteure nicht nur ihre Mittelzusagen erfüllen, sondern allen afrikanischen Ländern unabhängig von deren finanzieller Lage mehr unterschiedliche Finanzierungsoptionen bieten. Das gilt auch für den privaten Sektor. Für eine gelungene Umsetzung brauchen die afrikanischen Ländern eine angemessene technische Unterstützung.

Die Probleme durch den Klimawandel lassen sich kaum überschätzen. Bekämpft werden können sie nur durch eine Kombination aus Klimaschutz, Resilienzaufbau und Klimaanpassung auf der Grundlage von strategischen Partnerschaften, einem effizienten Wissensaustausch und der Bereitstellung von angemessenen finanziellen Hilfen und technischem Know-how.

Afrika leistet seinen Beitrag. Der Rest der Welt muss dies auch – ab dem 27. Klimagipfel.

https://prosyn.org/E1yltQBde