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Artenvielfalt durch Menschenrechte

HEIDELBERG/LA PAZ – Im brasilianischen Cerrado, einem der Gebiete mit der größten Artenvielfalt der Welt, rodeten im Oktober 2021 zwei Traktoren mit einer großen Kette über 2.000 Hektar Wald. Leider sind solche Szenen dort an der Tagesordnung.

Allein 2021 wurden im Cerrado 8.531 Quadratkilometer Wälder, Wiesen und andere native Vegetationsgebiete zerstört – der höchste Wert seit 2015. Und in den letzten Jahrzehnten wurden dort 40-55% des Lebensraums in Ackerland, Weidefläche und Baumplantagen umgewandelt. Ein großer Teil der Rodungsgebiete wird für die Viehzucht und große industrielle Sojamonokulturen verwendet. Agrarunternehmen haben Tausende von Gemeinschaften ihres Landes beraubt und die umgebende Umwelt zerstört.

Der Cerrado ist ein tragisches und alarmierendes Beispiel dafür, wie schnell die weltweite biologische Artenvielfalt verloren geht. In der Region gibt es schätzungsweise 12.000 Pflanzenarten – von denen 35% nirgendwo anders in der Welt wachsen. Außerdem leben dort 25 Millionen Menschen, darunter auch indigene Völker, Kleinbauern und andere Gemeinschaften, deren traditioneller Lebenserwerb von der Artenvielfalt abhängt. Sie alle sind dringend schutzbedürftig.

In den letzten paar Jahren haben die Regierungen unter der Schirmherrschaft der UN-Konvention für biologische Vielfalt ein neues Rahmenwerk für Artenvielfalt verabschiedet. Aber bei den jüngsten Gesprächsrunden im Juni wurden kaum Fortschritte gemacht, und obwohl weltweit Konsens darüber besteht, dass gehandelt werden muss, beruht die aktuelle Debatte auf zwei gefährlichen Fehlannahmen:

Die erste ist die Ansicht, dass menschliche Gesellschaften und Ökosysteme unabhängig voneinander existieren, dass also der beste Schutz der Artenvielfalt darin besteht, Schutzgebiete auszuweisen, die sämtliche menschlichen Aktivitäten ausschließen. Deshalb geht es heute hauptsächlich um eine „30x30“-Kampagne, mit der 30% aller Land- und Meeresflächen bis 2030 unter Schutz gestellt werden sollen.

Aber dieser Ansatz der „Schutzburgen“ wurde bereits erprobt, und es wurde klar, dass er zur systematischen Verletzung der Rechte lokaler Gemeinschaften führt. Mit solchen Strategien ignorieren die Regierungen genau die Menschen, die am engsten mit den schutzbedürftigen Ökosystemen verbunden sind – und die eine wichtige Rolle dabei spielen, diese Ressourcen zu verwalten, um ihren eigenen Lebenserwerb zu sichern.

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Die zweite Fehlannahme der heutigen Verhandlungen besteht darin, dass der Schutz der Artenvielfalt zu einem Geschäft gemacht werden muss. Statt zu gewährleisten, dass industrielle und finanzielle Aktivitäten reguliert werden, damit sie den Menschen und dem Planeten nicht mehr schaden, beschränken sich die momentanen Vorschläge auf den Versuch, die Krise der Artenvielfalt zu einer weiteren Möglichkeit unternehmerischer Gewinnmaximierung zu machen.

In „grünen“ Unternehmens- und Finanzkreisen sind „naturnahe Lösungen“ der letzte Schrei – ein Begriff, mit dem Eingriffe beschrieben werden, die von Wiederaufforstung bis hin zu Kohlenstoffmärkten reichen. Das Konzept klingt gut, und es wurde bereits von der UN-Umweltversammlung bestätigt. Aber es ist auf gefährliche Weise falsch definiert.

Wer den Begriff benutzt, bezieht sich dabei selten auf Menschenrechte, sondern meist auf Kompensationsprogramme wie Kohlenstoffmärkte, die den Schutz der Artenvielfalt auf einen bestimmten Ort beschränkt, während die Zerstörung woanders ungehindert fortschreitet. Statt zur Lösung werden „naturnahe Lösungen“ so zum Teil des Problems, indem sie als Freibrief dafür dienen, so weiter zu machen wie bisher – oder gar zu mehr Landraub in Gebieten verleiten, die traditionell von indigenen Völkern oder lokalen Gemeinschaften verwaltet werden.

Die Regierungen müssen über „30x30“ und „naturnahe Lösungen“ hinausgehen und die Menschenrechte in den Mittelpunkt des Rahmenwerks für Artenvielfalt stellen. So wird berücksichtigt, dass menschliche Gemeinschaften und natürliche Ökosysteme unauflöslich miteinander verbunden sind, und dass der Schutz der Artenvielfalt einen Übergang zu nachhaltigeren Sozial- und Wirtschaftsmodellen erfordert. Das Ziel sollte nicht das Wohlergehen der Aktionäre sein, sondern das der Menschen und Ökosysteme.

Stellt man die Menschenrechte in den Mittelpunkt, schärft das den Blick auf jene Menschen und Gemeinschaften, die von der heutigen Zerstörung am stärksten betroffen sind. So sehen wir, dass wir uns auf die Triebkräfte des Verlusts der Artenvielfalt – Rohstoffgewinnung und industrielle Aktivitäten – konzentrieren müssen, statt den Schutz der weltweiten Ökosysteme den Konzernen und Finanzmärkten zu überlassen. Die Regierungen müssen diese Akteure für den Schaden, den sie der Umwelt und den menschlichen Gemeinschaften zufügen, zur Verantwortung ziehen. Sie müssen die Rechte der indigenen Völker, der Kleinbauern und anderer schützen, die traditionell zum Schutz der wertvollen weltweiten Ökosysteme beitragen.

Ein gutes Beispiel dafür, warum wir einen anderen Ansatz brauchen, sind unsere Ernährungssysteme: Die Nutzpflanzen und Tiere, von denen die Menschen leben, haben sich über Jahrtausende gemeinsam mit der menschlichen Landwirtschaft entwickelt. Aber durch die immer stärkere Industrialisierung der Landwirtschaft seit dem 20. Jahrhundert haben wir mit dieser Tradition radikal gebrochen – und für unsere Ernährungs- und Landwirtschaft 75% der Artenvielfalt zerstört. Die meisten der heutigen Nahrungsmittelsysteme beruhen auf Abholzung, Landverödung, Pestiziden, Verschmutzung, hohem Energieverbrauch, genetischer Homogenität und sozioökonomischer Ungleichheit.

Ohne diese dysfunktionalen Nahrungsmittelsysteme zu verändern, können wir die Krise der Artenvielfalt nicht lösen. Dazu sollten wir das Konzept der Agroökologie anwenden, das sich als mächtiger und effektiver Ansatz zur Erzeugung, zur Verteilung und zum Konsum von Lebensmitteln erwiesen hat. Eine solche Agroökologie fördert die Artenvielfalt, indem sie Synergien innerhalb von Ökosystemen stimuliert, um Resilienz und Produktivität zu erhöhen. Statt das Land zu veröden, erweckt sie die Böden wieder zum Leben und trägt zu ihrem Schutz bei.

Schon immer wurde dieser Ansatz – der sich an der Erzeugung integralen Wohlbefindens orientiert – von indigenen Völkern, Landarbeitern und anderen Kleinbauern verfolgt. Entscheidend für die Verwaltungssysteme dieser Gruppen sind traditionelles, kollektives Wissen über nachhaltigen Landbau (das häufig von Frauen bewahrt wird) und lokale Innovationen, die die Selbstversorgung fördern. Dieses Wissen zu schützen und die Agroökologie zu unterstützen, ist für eine nachhaltige, gesunde und gerechte Produktions-, Verteilungs- und Verbrauchsweise von Nahrungsmitteln von entscheidender Bedeutung.

Ein gutes Beispiel dafür ist Kuba, wo Landarbeiter und städtische Bauern die Produktion und Resilienz von Nahrungsmitteln gesteigert und gleichzeitig den Verbrauch von Agrochemikalien dramatisch verringert haben. Ein wichtiger Faktor für ihren Erfolg war die Stärkung der Landarbeiternetzwerke, um die Weitergabe von Wissen zu fördern.

Die Verhandlungen zur Artenvielfalt in diesem Jahr bieten den weltweiten Staatschefs eine wichtige Gelegenheit, sich auf einen Plan zu einigen, der sowohl die Natur als auch die Menschen schützt. Aber ein solcher neuer Rahmen wird nur erfolgreich sein, wenn er die Rechte der indigenen Völker, der Landarbeiter und anderer Kleinproduzenten von Nahrungsmitteln schützt und gleichzeitig die weltweiten Ernährungssysteme auf einen agroökologischen Weg bringt.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

https://prosyn.org/YvRDUkFde