Katars Dschihad

ABU DHABI – Katar mag winzig sein, doch es hat großen Einfluss auf die arabische Welt. Durch Unterstützung gewalttätiger Dschihadis im Nahen Osten, in Nordafrika und darüber hinaus (während es gleichzeitig die USA bei ihrem Kampf gegen sie unterstützt) hat das erdgasreiche Miniland – das reichste Land der Welt nach Pro-Kopf-Vermögen – sich von einer nervigen regionalen Mücke in einen gemeingefährlichen internationalen Elefanten verwandelt.

Unter Einsatz seiner enormen Ressourcen und von ungezügeltem Ehrgeiz angetrieben, hat sich Katar zu einem Dreh- und Angelpunkt für radikale islamistische Bewegungen entwickelt. Die riesige, kronleuchterbehangene Große Moschee in Doha – Katars opulenter Hauptstadt – ist ein Sammelpunkt für militante Islamisten, die den Dschihad in so unterschiedliche Länder wie den Jemen, Tunesien und Syrien tragen. Infolgedessen rivalisiert Katar als Exporteur des islamistischen Extremismus inzwischen mit Saudi-Arabien, einem weiteren wahhabitischen Staat von enormem Rohstoffreichtum.

Doch es gibt enorme Unterschiede zwischen Katar und Saudi-Arabien. Der Wahhabismus Katars ist weniger strikt als der Saudi-Arabiens; Frauen dürfen in Katar beispielsweise Auto fahren und allein reisen. In Katar gibt es keine Religionspolizei, die die Moral durchsetzt, auch wenn katarische Geistliche offen Geld für militante Unternehmungen im Ausland sammeln.

Angesichts dieser Sachlage kommt es möglicherweise nicht überraschend, dass, während Saudi-Arabiens sklerotische Führung eine reaktionäre, auf einem puritanischen Verständnis des Islam gründende Politik verfolgt, die jüngeren Mitglieder des katarischen Könighauses einen stärker zukunftsgerichteten Kurs eingeschlagen hat. Katar ist Heimat des Satelliten-Fernsehsenders Al Jazeera und von Education City, einem Bezirk außerhalb von Doha, der Schulen, Universitäten und Forschungszentren beherbergt.

Die Außenpolitik Katars ist von ähnlichen Ungereimtheiten gekennzeichnet. Tatsächlich steht die Beziehung des Landes zu den USA im direkten Widerspruch zu seinen Verbindungen zu radikalislamistischen Bewegungen.

Katar beherbergt den Luftwaffenstützpunkt Al Udeid mit seinen 8000 amerikanischen Militärangehörigen und 120 Flugzeugen – darunter riesigen Tankflugzeugen zur Luftbetankung –, von dem aus die USA ihre aktuellen Luftangriffe in Syrien und dem Irak steuern. Camp As-Sayliyah – eine weitere Militäreinrichtung, für die Katar keine Miete verlangt – dient als vorgeschobene Kommandobasis des US-Zentralkommandos. Im Juli vereinbarte Katar den Kauf von US-Waffen im Wert von elf Milliarden US-Dollar.

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Zudem hat Katar seinen Einfluss auf die von ihm finanzierten Islamisten genutzt, um die Freilassung westlicher Geiseln herbeizuführen. Und es war Ausrichter von Geheimgesprächen zwischen den USA und den von Pakistan unterstützten afghanischen Taliban. Um die Verhandlungen zu erleichtern, bot Katar (mit Unterstützung der USA) der faktischen diplomatischen Mission der Taliban – und den fünf Anfang des Jahres aus der US-Gefangenschaft in Guantánamo Bay entlassenen afghanischen Taliban-Führern – ein Zuhause.

Mit anderen Worten: Katar ist wichtiger Verbündeter der USA, Waffenlieferant und Financier von Islamisten und Friedensvermittler – alles zur selben Zeit. Nimmt man noch seine Position als größter Lieferant von Flüssigerdgas und Inhaber eines der größten Staatsfonds der Welt hinzu, so wird deutlich, dass Katar jede Menge Spielraum hat – sowie beträchtlichen internationalen Einfluss. Die deutsche Bundesregierung musste dies feststellen, als sie gezwungen war, die Aussage ihres Entwicklungshilfeministers zurückzuziehen, wonach Katar eine zentrale Rolle bei der Bewaffnung und Finanzierung des Islamischen Staates spiele.

Katars wachsender Einfluss hat wichtige Auswirkungen auf das Machtgleichgewicht in der arabischen Welt, insbesondere was die Rivalität des Landes mit Saudi-Arabien angeht. Diese Wettbewerbsdynamik, die erst vor kurzem deutlich geworden ist, stellt eine Abkehr von der langen Geschichte des gemeinsamen Bemühens beider dar, den islamistischen Extremismus zu exportieren.

Sowohl Katar als auch Saudi-Arabien haben die sunnitischen Extremisten in Syrien großzügig mit Waffen und Geld unterstützt und damit dem Aufkommen des Islamischen Staates den Weg bereitet. Beide haben die afghanischen Taliban gestützt. Und beide haben durch ihre Unterstützung islamistischer Milizen dazu beigetragen, Libyen in einen gescheiterten Staat zu verwandeln. Während der NATO-Kampagne zum Sturz von Oberst Muammar el-Qaddafi im Jahre 2011 setzte Katar sogar im Geheimen Bodentruppen innerhalb Libyens ein.

Heute jedoch stehen Katar und Saudi-Arabien auf unterschiedlichen Seiten. Katar unterstützt zusammen mit der Türkei islamistische Graswurzelbewegungen wie die Muslimbruderschaft und ihre Ableger in Gaza, Libyen, Ägypten, Tunesien, Irak und der Levante. Damit stellt es sich gegen Saudi-Arabien und Länder wie die Vereinigten Arabischen Emirate, Ägypten und Jordanien, deren Herrscher diese Bewegung als existentielle Bedrohung betrachten, wobei einige von ihnen – darunter das Haus Saud – in die Unterstützung von autokratischen Regimen wie ihrem eigenen investieren.

In diesem Sinne hat der Kurs Katars ein seltenes Schisma innerhalb des Golfkooperationsrates herbeigeführt, dessen Mitglieder zusammen fast die Hälfte der weltweiten Ölreserven besitzen. Die Stellvertreterkonkurrenz zwischen rivalisierenden Monarchien, die dazu geführt hat, dass einige von diesen im März ihre Botschafter aus Katar abgezogen haben, verstärkt die Gewalt und die Instabilität überall in der Region. So haben die Vereinigten Arabischen Emirate etwa mit ägyptischer Unterstützung heimlich im August Luftangriffe geflogen, um die von Katar unterstützten islamistischen Milizen zu hindern, die Kontrolle über die libysche Hauptstadt Tripoli zu erringen.

Katars Führung ist aus einem einfachen Grund bereit, ihre Nachbarn herauszufordern: Sie glaubt, dass sich die von ihr unterstützten islamistischen Graswurzelbewegungen – die aus ihrer Sicht die politischen Ziele einer Mehrheit repräsentieren – langfristig durchsetzen werden. Und da sie davon ausgeht, dass diese Gruppen die arabische Politik zunehmend gestalten und an die Stelle autokratischer Regime treten werden, hat Katar begonnen, ihnen zu mehr Macht zu verhelfen.

Damit destabilisiert Katar mehrere Länder und bedroht die Sicherheit säkularer Demokratien weit über die Grenzen der Region hinaus. Zum Wohle der regionalen und internationalen Sicherheit muss dieser Elefant gezähmt werden.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

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