Russia and Ukraine Nazar Furyk via ZUMA Wire

Ist der russische Nationalcharakter autoritär?

NEW HAVEN – Die russische Aggression gegen die Ukraine und die Duldung einer direkten staatlichen Kontrolle der Medien durch die russische Öffentlichkeit veranlasst viele Menschen sich zu fragen, ob die Russen eine gewisse Prädisposition gegenüber dem Autoritarismus aufweisen. Die Frage scheint vernünftig. Allerdings weiß ich aus Erfahrung, dass man mit Schlussfolgerungen hinsichtlich des Nationalcharakters aufgrund von Einzelereignissen sehr vorsichtig sein muss.

Im Jahr 1989 war ich im damals noch sowjetischen Moskau zu einer Wirtschaftskonferenz eingeladen, die von der sowjetischen Denkfabrik IMEMO (heute bekannt als Primakow Institut für Weltwirtschaft und Internationale Beziehungen) und dem amerikanischen Forschungsinstitut National Bureau of Economic Research gemeinsam ausgerichtet wurde. Derartige gemeinsame  Konferenzen waren Teil eines historischen Durchbruchs nach dem Tauwetter in den Beziehungen zwischen den USA und der Sowjetunion. Die sowjetischen Ökonomen schienen von einem Übergang zur Marktwirtschaft begeistert und ich war erstaunt, wie offen sie darüber mit uns während der Kaffeepausen oder bei den Abendessen sprachen.

Allerdings äußerten die Sowjets im Rahmen der Konferenz auch ernsthafte Bedenken, ob die Öffentlichkeit funktionierende freie Märkte jemals ermöglichen würde. Einzelne Marktereignisse, so meinten sie, würde man als falsch, unfair und unerträglich empfinden.

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