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Ist der russische Nationalcharakter autoritär?

NEW HAVEN – Die russische Aggression gegen die Ukraine und die Duldung einer direkten staatlichen Kontrolle der Medien durch die russische Öffentlichkeit veranlasst viele Menschen sich zu fragen, ob die Russen eine gewisse Prädisposition gegenüber dem Autoritarismus aufweisen. Die Frage scheint vernünftig. Allerdings weiß ich aus Erfahrung, dass man mit Schlussfolgerungen hinsichtlich des Nationalcharakters aufgrund von Einzelereignissen sehr vorsichtig sein muss.

Im Jahr 1989 war ich im damals noch sowjetischen Moskau zu einer Wirtschaftskonferenz eingeladen, die von der sowjetischen Denkfabrik IMEMO (heute bekannt als Primakow Institut für Weltwirtschaft und Internationale Beziehungen) und dem amerikanischen Forschungsinstitut National Bureau of Economic Research gemeinsam ausgerichtet wurde. Derartige gemeinsame  Konferenzen waren Teil eines historischen Durchbruchs nach dem Tauwetter in den Beziehungen zwischen den USA und der Sowjetunion. Die sowjetischen Ökonomen schienen von einem Übergang zur Marktwirtschaft begeistert und ich war erstaunt, wie offen sie darüber mit uns während der Kaffeepausen oder bei den Abendessen sprachen.

 1972 Hoover Dam

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Allerdings äußerten die Sowjets im Rahmen der Konferenz auch ernsthafte Bedenken, ob die Öffentlichkeit funktionierende freie Märkte jemals ermöglichen würde. Einzelne Marktereignisse, so meinten sie, würde man als falsch, unfair und unerträglich empfinden.

Ich traf einen der jüngeren IMEMO-Ökonomen, Maxim Boiko, und war beeindruckt von seiner Aufrichtigkeit und seinem Intellekt. (Unter Boris Jelzin wurde er später stellvertretender Ministerpräsident Russlands sowie Minister für Privatisierungen, verließ die Regierung aber vor Wladimir Putins Amtsantritt und kam vor kurzem in die USA, wo er als Vortragender im Fach Ökonomie an den Universitäten Harvard und Brown lehrt.) Wir führten angeregte Diskussionen. Ich sagte ihm, dass auch viele Amerikaner kapitalistische Praktiken für unfair hielten. Waren die Haltungen in den beiden Ländern wirklich so unterschiedlich?

Es schien als hätte noch nie jemand eine Studie über derartige Einstellungen durchgeführt. Im Jahr 1989 allerdings ergab sich die Möglichkeit, genau das zu tun. Wir beschlossen auf der Stelle eine Untersuchung auf Grundlage eines sorgfältig erarbeiteten Fragebogens durchzuführen, im Rahmen derer Haltungen hinsichtlich des freien Marktes verglichen werden sollten.

Nachdem wir die mühevolle Kleinarbeit zu Feinheiten in den Übersetzungen und eventuell ergebnisverzerrenden unterschiedlichen Assoziationen hinter uns gebracht hatten, lag ein Fragebogen mit praktisch identischen Fragen auf Russisch und auf Englisch vor. Wir führten die Studie 1990 (mit Hilfe des ukrainischen Umfrage-Experten Wladimir Korobow) in New York und in Moskau durch und publizierten unsere Ergebnisse 1991 im American Economic Review und 1992 im IMEMO-Journal MEIMO.

Die Unterschiede der Haltungen gegenüber freien Märkten waren in vielen Fällen gering und es war schwierig, sie im Hinblick auf Autoritarismus und Demokratie zu deuten. So lautete beispielsweise eine Frage: „An manchen Feiertagen ist die Nachfrage nach Blumen hoch und die Preise gehen in der Regel nach oben. Ist es fair, wenn Blumenverkäufer die Preise in dieser Art erhöhen?“ Genau wie es die Ökonomen des IMEMO vorausgesagt hatten, hielten dies die meisten Befragten in Moskau (66 Prozent) für unfair. Doch wir erlebten eine Überraschung: In New York hatten wir es praktisch mit den gleichen Ergebnissen zu tun (dort hielten es 68 Prozent für unfair).  

So beschlossen wir letztes Jahr, im Rahmen einer Studie herauszufinden, ob diese Ähnlichkeit zwischen Moskau und New York heute immer noch besteht oder ob die russische Einstellung gegenüber den Märkten angesichts des wieder erstarkten Autoritarismus in Russland negativer geworden ist. 2015 legten wir also in beiden Städten den gleichen Fragebogen erneut vor.  Die Ergebnisse präsentierten wir im Rahmen der Jahreskonferenz der American Economic Association letzten Januar.

Bei der Blumen-Frage ergaben sich sehr geringe Änderungen der Haltung in Moskau (67 Prozent meinten, Preiserhöhungen an Feiertagen wären unfair). In New York hingegen wurde die öffentliche Meinung etwas marktfreundlicher (55 Prozent sagten, Preiserhöhungen seien unfair).  

Boicko und ich beschlossen, in unserer Untersuchung des Jahres 2015 auch die Haltungen gegenüber der Demokratie zu untersuchen. Glücklicherweise gelang es uns, eine im Jahr 1990 von den Politologen James Gibson, Raymond Duch und Kent Tedin (GDT) durchgeführte Studie zu finden, in der man, ebenso wie in unserer Untersuchung, über reine Schlagwörter hinaus grundlegende Werte analysierte. Obwohl diese Studie keinen Vergleich mit New York enthielt, entschieden wir uns 2015, einen derartigen Vergleich anzustellen.

Überraschenderweise lieferten die meisten Ergebnisse hinsichtlich demokratischer Werte keinen Hinweis darauf, dass die Russen eine starke autoritäre Regierung bevorzugen. So fragten GDT beispielsweise 1990, ob die Befragten folgender Aussage zustimmten: „Die Presse sollte durch das Gesetz vor der Verfolgung durch die Regierung geschützt werden.“ Im Jahr 1990 widersprachen dieser Aussage nur 2 Prozent; im Jahr 2015 waren wesentlich mehr Russen  anderer Meinung (nämlich 20 Prozent), was auf einen Niedergang demokratischer Werte hindeutet. Doch die wahre Überraschung brachten die Ergebnisse des Jahres 2015 in New York: 27 Prozent widersprachen der Aussage. Die New Yorker scheinen die Idee einer freien Presse heute in geringerem Umfang zu unterstützen als die Moskowiter!  

Der größte Unterschied zwischen Moskau und New York ergab sich bei folgender Aussage in der GDT-Studie: „Es ist besser in einer strengen Gesellschaftsordnung zu leben, als den Menschen so viel Freiheit einzuräumen, dass sie Zerstörung in die Gesellschaft bringen.” Im Jahr 1990 stimmten 67 Prozent der Moskowiter zu und 76 Prozent im Jahr 2015, während in New York 2015 die Zustimmung nur bei 36 Prozent lag. Vielleicht ist dieser Wert von Bedeutung, aber es handelt sich um einen Ausreißer – nämlich um den größten Unterschied zwischen Moskau und New York in der gesamten Studie.   

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Insgesamt ist festzustellen, dass die Ergebnisse trotz aller Unterschiede keine starken Hinweise darauf lieferten, dass jüngste Ereignisse einfach durch unterschiedliche Haltungen gegenüber freien Märkten oder Autoritarismus erklärt werden könnten. Es ist falsch, Russland als vom Westen grundverschieden abzuschreiben. Im Jahr 1991 gelangten wir zu der Schlussfolgerung, dass der russische Nationalcharakter kein Hindernis für die Einführung einer Marktwirtschaft in Russland darstellt – und wir haben Recht behalten. Wir hoffen, auch diesmal richtig zu liegen und dass der Nationalcharakter Russland nicht daran hindern wird, eines Tages eine wahrhaft demokratische Gesellschaft zu werden.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier