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Aus Überzeugung Leben retten

GENF – Die Misere der über 200 Mädchen, die im Norden Nigerias verschleppt worden sind, führt uns auf drastische Weise vor Augen, wie gefährdet Kinder – vor allem Mädchen – in Afrika sein können. Es ist allerdings ebenso wichtig zu erkennen, dass es sich dabei nicht um ein Abbild der Verhältnisse im modernen Afrika handelt und sich afrikanische Staats- und Regierungschefs nachdrücklich für den Schutz der Kinder ihrer Länder einsetzen. Zwei entscheidende Faktoren sind notwendig, damit sie denselben Schutz gewähren können, den Kinder in wohlhabenden Ländern genießen: Partnerschaft und Überzeugung.

Denn Terrorismus stellt zwar eine heimtückische Bedrohung dar, doch die größte Gefahr für afrikanische Kinder geht von Krankheiten aus, die sich oftmals durch routinemäßige Schutzimpfungen verhindern lassen. Während die Welt über die beste Möglichkeit zur Rettung der vermissten Mädchen berät, befindet sich eine andere Bedrohung erneut auf dem Vormarsch: Die Weltgesundheitsorganisation hat die Ausbreitung der Kinderlähmung unlängst zur gesundheitlichen Notlage von internationaler Tragweite erklärt; die Gefahr, dass die Erreger „exportiert“ werden geht derzeit von mehreren afrikanischen Ländern aus.

Erdogan

Whither Turkey?

Sinan Ülgen engages the views of Carl Bildt, Dani Rodrik, Marietje Schaake, and others on the future of one of the world’s most strategically important countries in the aftermath of July’s failed coup.

Glücklicherweise gibt es sofort verfügbare und konkrete Mittel im Kampf gegen Polio und viele andere Krankheiten, die sich durch Impfungen verhindern lassen und die gegenwärtig in Afrika und darüber hinaus Unschuldige das Leben kosten. Afrikanische Staats- und Regierungschefs sind sich bewusst, dass routinemäßige Schutzimpfungen die beste Methode sind, Kinder langfristig und nachhaltig zu schützen. Anfang des Monats haben führende afrikanische Politiker bei einem Treffen in der nigerianischen Hauptstadt Abuja der Immunize Africa 2020-Erklärungzugestimmt und sich verpflichtet, in eine gesunde und nachhaltige Zukunft für alle Kinder ihrer Länder zu investieren.

Solche Erklärungen sind wichtig, weil wir nur durch die Kraft unserer Überzeugungen wirklich positive Veränderungen bewirken können. Und Veränderungen finden tatsächlich statt. Seit 2001 hat es dank der lokalen Verantwortlichen und der Unterstützung durch meine Organisation, der GAVI Alliance, und ihrer Partner UNICEF, der Weltgesundheitsorganisation, der Weltbank und der Bill & Melinda Gates Foundation nicht weniger als 140 neue Impfstoffeinführungen in Afrika gegeben. Als Resultat dieser Arbeit ist die Immunisierungsrate in Afrika enorm gestiegen, von 10% im Jahr 1980 auf 72% im Jahr 2012.

Und nun werden Afrikas über 50 Staaten von 2016 bis 2020 über 700 Millionen US-Dollar bereitstellen, die direkt in die Finanzierung von Impfstoffen für Kinder durch GAVI und ihre Partner investiert werden. Damit wird Afrika zum viertgrößten Investor in GAVI, gleich hinter dem Vereinigten Königreich, der Bill & Melinda Gates Foundation und Norwegen. Diese Form von Engagement signalisiert einen Übergang in der Entwicklungshilfe vom traditionellen Wohltätigkeitsmodell hin zu einem Modell, das auf Partnerschaft beruht.

In Anbetracht der Tatsache, dass afrikanische Länder bereits Milliarden von Dollar für das Gesundheitswesen ausgeben und der Kontinent so viele andere miteinander konkurrierende Bedürfnisse hat, mag die Entscheidung in Impfstoffe zu investieren nicht immer naheliegend scheinen.

Norwegen hatte sich 2003 in einer ähnlichen Situation befunden, als ich in meiner damaligen Funktion als Minister für Gesundheit und Soziales die Kampagne für ein Rauchverbot an öffentlichen Plätzen anführte. Es hat damals großen Widerstand gegen das Verbot gegeben und ich wurde mit den schlimmsten Diktatoren der Welt verglichen. Doch ich wusste, dass die Bemühungen über Jahre hinweg viele Leben retten würden und war überzeugt, dass ich meiner Aufgabe nicht gerecht würde, wenn ich untätig bliebe. Und ich war nicht allen: Meine Amtskollegen in Irland teilten meine Auffassung.

Als klar wurde, welche Vorteile sich für Einzelne – und die Gesellschaft – aus dem Verbot ergeben, sind über 100 andere Länder dem Vorbild Norwegens und Irlands gefolgt und heute hat sich die Anzahl der Raucher in Norwegen halbiert und neun von zehn Befragten unterstützen das Verbot. Im Nachhinein mögen einige Lösungen naheliegend erscheinen; trotzdem bedurfte es der Kraft der Überzeugung, die Lösung überhaupt erst als offensichtlich hervorzuheben.

So ist es jetzt der Fall bei der Immunisierung in Afrika und armen Ländern auf aller Welt. Die Staats- und Regierungschefs dieser Länder haben bereits gesehen, was sich mit Impfstoffen erreichen lässt und sie sehen in den kommenden Jahren weitere Vorteile aus der Immunisierung. Tatsächlich hat GAVI seit ihrer Gründung im Jahr 2000 bereits die Impfung von weiteren 440 Millionen Menschen unterstützt und dazu beigetragen, sechs Millionen Leben zu retten.

Nun, da die Vorbereitungen für das Zusammentreffen der Partner und Geber der GAVI Alliance diese Woche in Brüssel laufen, bei dem die Finanzierung der GAVI in den kommenden fünf Jahren geplant werden soll, gibt es eine sehr reale Chance mehr zu tun. Mit der Unterstützung der GAVI Alliance ist die Chance zum Greifen nah, die Zahl der bis 2020 geimpften Kinder auf annähernd eine Milliarde zu verdoppeln und zwischen heute und 2020 den Tod von fünf Millionen Menschen zu verhindern.

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Afrikanische Staats- und Regierungschefs haben ihre Entschlossenheit demonstriert; doch in einer Zeit, in der viele Geberländer immer noch damit zu kämpfen haben, eine zaghafte wirtschaftliche Erholung zu konsolidieren, werden auch ihre politischen Entscheidungsträger Engagement und Überzeugung aufbringen müssen. Keiner von uns kann es allein schaffen, aber durch eine Partnerschaft können wir wirklich dazu beitragen, die am stärksten gefährdeten Kinder dieser Welt zu schützen.

Aus dem Englischen von Sandra Pontow.