Kim Jong-Un attending a photo session with teachers STR/Getty Images

Der nordkoreanische Kult

NEW YORK – Für Karikaturisten ist die Absurdität der Diktatur in Nordkorea eine Steilvorlage. Kim Jong-un selbst ähnelt mit seinem 30er-Jahre-Topfschnitt (eine Frisur, die angeblich die Ähnlichkeit mit seinen Großvater und Staatsgründer Kim Il-sung betonen soll), seinem altmodischen Mao-Anzug und seinem kleinen, dicken Körper einer Comicfigur. Von Staats wegen gilt er als allmächtiges Genie, das verehrt wird wie ein Gott und auf Bildern stets umringt von Menschen zu sehen ist, darunter seine hochrangigen Militärs, die mit Orden behängt sind und lachen, applaudieren oder frenetisch jubeln.

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Dabei ist das Leben in Nordkorea bekanntlich alles andere als lustig. Die Bevölkerung wird regelmäßig von Hungersnöten heimgesucht. Bis zu 200.000 politische Gefangene werden in brutalen Arbeitslagern wie Sklaven gehalten und können von Glück reden, wenn sie nicht zu Tode gefoltert werden. Freie Meinungsäußerung gibt es nicht. Es ist nicht nur verboten, Zweifel an Kims göttlichem Status zu äußern; wer am Leben bleiben will, muss regelmäßig seine Ergebenheit bekunden.

Es ist möglich, ja sogar wahrscheinlich, dass viele Nordkoreaner Kim nur verehren, weil sie es müssen. Andere fügen sich, weil sie es nicht besser wissen. Wie Menschen überall auf der Welt passen sie sich reflexartig den Normen der Welt an, in der sie leben, ohne deren Werte zu hinterfragen. Doch manche Nordkoreaner, vielleicht sogar viele, könnten wirklich an den Kult um die Kim-Dynastie glauben, der wie alle Kulte (oder auch Religionen) vielerlei Elemente aus anderen Kulturen, Glaubensvorstellungen und Traditionen vereint.

Der Kult um die Kim-Dynastie beinhaltet Elemente des Stalinismus, Elemente des messianischen Christentums, Elemente der konfuzianischen Ahnenverehrung, Elemente des koreanischen Schamanismus und Elemente der Kaiserverehrung der Japaner, die Korea in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts als Kolonialmacht beherrschten. Kims Vater, Kim Jong-il, soll auf dem Berg Paektusan das Licht der Welt erblickt haben, der als heilige Stätte verehrt wird, wo der göttliche Gründer des ersten koreanischen Königreichs, ein Halbgott namens Dangun, vor über 4.000 Jahren geboren wurde. Bei der Geburt des „Geliebten Führers“ Kim Jong-il (sein Vater Kim Il-sung war der „Große Führer“) erfolgte ein Wechsel der Jahreszeiten vom Winter in den Frühling und der Himmel wurde von einem strahlenden Stern erleuchtet.

All das mag verrückt klingen, aber das haben Geschichten über Wunder in allen Religionen so an sich. Entscheidend ist, dass die Menschen daran glauben.

In dieser Hinsicht sind Nordkoreaner nicht sonderbarer als Gläubige anderswo auf der Welt. Oftmals gibt es gute Gründe, warum von bestimmten Überzeugungen eine große Anziehungskraft ausgeht. Der Islam und das Christentum haben bereitwillige Konvertiten unter Ausgestoßenen und Unterdrückten gefunden, weil sie Gleichheit vor Gott versprachen. Der nordkoreanische Glaube ist insgesamt weniger offen. Er ist durchdrungen von einer Idee ethnischer Reinheit und hat einen religiösen Nationalismus befördert, der um jeden Preis gegen feindliche Kräfte verteidigt werden muss.

Korea ist, ähnlich wie Polen, wo das christliche Märtyrer-Motiv fest zum nationalen Selbstbild gehört, in der Vergangenheit von größeren Mächten beherrscht worden, vor allem von China, aber auch von Russland und, seit den brutalen Invasionskriegen des sechzehnten Jahrhunderts, insbesondere von Japan. Die Amerikaner kamen erst später hinzu, aber der offizielle Hass auf den amerikanischen Imperialismus in Nordkorea ist nicht allein auf den grausamen Koreakrieg zurückzuführen, sondern auch auf die lange Geschichte der Unterdrückung durch fremde Mächte.

In der koreanischen Geschichte hat sich die Vorherrschaft externer Mächte sowohl in Form von Kollaboration als auch in Form von Widerstand ausgeprägt. Einige Eliten der koreanischen Königreiche haben mit ausländischen Mächten kooperiert, andere haben sich gegen sie aufgelehnt. So ist ein tief verwurzelter Hass der Koreaner untereinander entstanden.  

Kim Il-sung hat seine Karriere als Kollaborateur begonnen. Er war von Stalin handverlesen und als kommunistischer Führer im Norden installiert worden. Umso wichtiger war die Legende von Kim als Widerstandsheld gegen die Japaner während des Zweiten Weltkrieges und später gegen die Amerikaner und ihre südkoreanischen „Kollaborateure“.

Der nordkoreanische Nationalismus mit seiner Juche-Ideologie, die Eigenständigkeit zum obersten Gebot erklärt, ist sowohl religiös als auch politisch. Die Verteidigung der Kim-Dynastie, die zum Symbol des koreanischen Widerstandes gegen ausländische Mächte aufgebaut wurde, ist eine heilige Pflicht. Und wenn das Heilige die Oberhand über die Politik gewinnt, sind Kompromisse quasi ausgeschlossen. Widerstreitende Interessen sind verhandelbar, nicht aber Angelegenheiten, die als heilig gelten.

Donald Trump, ein Immobilienentwickler, glaubt, dass alles verhandelbar ist. Im Geschäft ist nichts heilig. In seiner Vorstellung macht man einen Deal, indem man blufft und die andere Partei ordentlich einschüchtert; folglich sein Versprechen „Nordkorea völlig zu zerstören“ (ein Versprechen, das nebenbei bemerkt, 20 Millionen Todesopfer bedeuten würde). Es ist schwer   vorstellbar, dass derartige verbale Ausfälle Kim Jong-un als göttlichen Beschützer seines Volkes überzeugen könnten Verhandlungen aufzunehmen.

Es ist möglich, dass Kim ‒ und vielleicht auch einige Untertanen seiner despotischen Herrschaft ‒ lieber ausgelöscht würden als aufzugeben. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Kult im Suizid mündet.

Es gibt jedoch ein weiteres, wahrscheinlicheres Risiko. Da Trumps feindseligen Twitter-Tiraden und seiner öffentlichen Kraftmeierei normalerweise zurückhaltendere Erklärungen von hochrangingen Mitgliedern seines Kabinetts nachgeschoben werden, nimmt Kim die vielleicht gar nicht ernst. Er könnte durchaus zu dem Schluss kommen, dass Trump nur blufft und seine Drohungen niemals wahrmachen wird.

Das könnte Kim zu irgendeinem verwegenen Unterfangen verleiten – eine Rakete auf Guam abfeuern vielleicht – was die USA in die Situation versetzen würde, entsprechend reagieren zu müssen. Eine Katastrophe wäre die Folge, nicht nur für die Koreaner, die an Kims heilige Mission glauben, sondern vor allem für Millionen von Koreaner, die nur gut 50 Kilometer von der Grenze zu Nordkorea entfernt leben und mit dem Kult um Kim überhaupt nichts zu tun haben.

Aus dem Englischen von Sandra Pontow.

http://prosyn.org/rCx2s32/de;

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