Martin Luther's translation Sean Gallup/Getty Images

Was uns Martin Luther über technische Umwälzungen lehrt

GENF – Diese Woche vor fünfhundert Jahren schritt ein wenig bekannter Priester und Universitätsprofessor zu einer für seine Zeit wenig bedeutsamen Tat: er schlug eine Grundsatzerklärung an ein Tor, in der er eine akademische Debatte über die Praxis des Ablasshandels der katholischen Kirche forderte – im Rahmen dessen dem Käufer von Ablassbriefen oder einem Verwandten versprochen wurde, nach dem Tod weniger Zeit im Fegefeuer verbringen zu müssen.

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Heute sind Martin Luthers „95 Thesen“, die er an die Schlosskirche zu Wittenberg schlug (gleichzeitig sandte er ein Exemplar an seinen Chef, Kardinal Albrecht von Brandenburg), weithin als jener Funke anerkannt, der die Reformation auslöste. Innerhalb eines Jahres war Luther zu einer der bekanntesten Persönlichkeiten Europas geworden. Seine Ideen – die nicht nur die Praxis der Kirche und die Autorität des Papstes, sondern letztlich auch die Beziehung des Menschen zu Gott kritisch hinterfragten - hatten begonnen, Systeme der Macht und Identität auf eine Art und Weise umzugestalten, die bis heute zu spüren ist.

Warum aber waren Luthers Handlungen so folgenreich? Immerhin hatte es seit Jahrhunderten regelmäßig Aufrufe zur Reform der Kirche gegeben. Wie der britische Historiker Diarmaid MacCulloch in seinem Buch A History of Christianity: The First Three Thousand Years schreibt, wurde das päpstliche Supremat in Fragen der Philosophie, Theologie und Politik in den zwei Jahrhunderten vor Luther beinahe ständig infrage gestellt. Wie konnten die Anliegen eines  wenig bedeutenden Theologen aus Sachsen zu derart weitverbreiteten religiösen und politischen Umbrüchen führen?

Ein zentrales Element des Rätsels besteht in der Rolle einer aufstrebenden Technologie. Ein paar Jahrzehnte bevor Luther seine Thesen entwickelte, hatte ein Schmied namens Johannes Gutenberg ein neues System des Buchdrucks mit beweglichen Lettern erfunden, wodurch die Reproduktion des geschriebenen Wortes mit größerer Geschwindigkeit und zu geringeren Kosten möglich war als mit dem mühsamen und weniger beständigen Holzblock-Verfahren.

Die Druckerpresse war eine revolutionäre – und exponentielle – Technologie zur Verbreitung von Ideen. Im Jahr 1455 wurde die Gutenberg-Bibel mit einer Leistung von etwa 200 Seiten pro Tag gedruckt, also deutlich mehr als die 30 Seiten, die ein gut geschulter Schriftgelehrter an einem Tag produzieren konnte. Bis zur Zeit Luthers war die tägliche Druckleistung einer einzelnen Presse auf etwa 1.500 einseitig bedruckter Blätter angestiegen. Die höhere Druck-Effizienz in Kombination mit drastischen Kostensenkungen führte zwischen 1450 und 1500  zu einem dramatisch verbesserten Zugang zu geschriebener Sprache, obwohl nur  geschätzte 6 Prozent der Bevölkerung lesen und schreiben konnten.

Luther erfasste das Potenzial der Druckerpresse zur Verbreitung seiner Botschaft rasch und erfand praktisch neue Formen der Veröffentlichung, die knapp, klar und auf Deutsch – der Sprache der Menschen - verfasst waren. Der vielleicht dauerhafteste persönliche Beitrag Luthers kam in Form seiner Übersetzung der Bibel aus dem Griechischen und Hebräischen ins Deutsche. Er war entschlossen, zu „sprechen wie der gemeine Mann auf dem Markt”. In den folgenden Jahrzehnten wurden in Wittenberg über 100.000 Exemplare der „Luther-Bibel“ gedruckt – im Vergleich zu gerade einmal 180 Exemplaren der lateinischen Gutenberg-Bibel.

Dieser neue Einsatz der Drucktechnologie zur Herstellung kurzer, ausdrucksstarker Pamphlete in örtlichem Idiom veränderte auch die Branche selbst. In den zehn Jahren vor Luthers Thesen veröffentlichten die Drucker in Wittenberg im Schnitt acht Bücher pro Jahr, allesamt auf Latein und für ein akademisches Publikum an den lokalen Universitäten bestimmt. Doch zwischen 1517 und Luthers Tod im Jahr 1546 brachten die lokalen Herausgeber nach Angaben des britischen Historikers Andrew Pettegree „mindestens 2.721 Werke“ heraus – durchschnittlich „91 Bücher pro Jahr“ – was insgesamt etwa drei Millionen Exemplaren entspricht.

Pettegree schätzt, dass ein Drittel aller während dieses Zeitraums veröffentlichten Bücher von Luther selbst geschrieben wurden und dass die Geschwindigkeit der Veröffentlichung nach seinem Tod weiter stieg. Tatsächlich veröffentlichte Luther alle zwei Wochen ein Schriftstück – und das 25 Jahre lang.

Die Druckerpresse ermöglichte es, die von Luther mitgeschürten religiösen Kontroversen weithin bekannt zu machen, wodurch sie die Revolte gegen die Kirche befeuerte. Forschungen des Wirtschaftshistorikers Jared Rubin deuten darauf hin, dass vor dem Jahr 1500 die bloße Existenz einer Druckerpresse in einer Stadt die Wahrscheinlichkeit enorm steigen ließ, dass diese Stadt bis 1530 protestantisch werden würde. Mit anderen Worten: je näher man an einer Druckerpresse lebte, desto wahrscheinlicher war es, dass die Menschen ihren Blick auf ihre Beziehung zur Kirche, der mächtigsten Institution dieser Zeit, und zu Gott verändern würden.

Aus dieser technologischen Umwälzung sind zumindest zwei Lehren für die Gegenwart zu ziehen. Im Kontext der „Vierten Industriellen Revolution” der Moderne – die Klaus Schwab vom Weltwirtschaftsforum als eine Verschmelzung von Technologien definiert, im Rahmen derer sich physische, digitale und biologische Welten zusammenfügen - ist es verlockend darüber nachzudenken, welche Technologie wohl die nächste Druckerpresse sein könnte. Diejenigen, die aufgrund dieser Technologie zu verlieren drohen, könnten zur Verteidigung des Status quo sogar aktiv werden, wie das Konzil von Trient im Jahr 1546, wo man den Druck und Verkauf jeder anderen Bibelversion als der offiziellen lateinischen Vulgata ohne kirchliche Genehmigung verbot.

Doch die vielleicht nachdrücklichste Lehre aus Luthers Forderung nach einer Gelehrtendebatte – und aus seinem Einsatz der Technologie zur Verbreitung seiner Ansichten – besteht darin, dass es ein Fehlschlag war. Statt eine Reihe öffentlicher Diskussionen über die sich herausbildende Autorität der Kirche in Gang zu setzen, wurde aus der Reformation eine bittere, mittels Massenkommunikation ausgetragene Schlacht, die nicht nur eine religiöse Institution, sondern auch eine ganze Region spaltete. Schlimmer noch: sie entwickelte sich zu einem Mittel zur Rechtfertigung jahrhundertelanger Gräuel und löste den Dreißigjährigen Krieg aus, den tödlichsten religiösen Konflikt in der europäischen Geschichte.

Die Frage von heute lautet, wie wir sicherstellen können, dass neue Technologien eine konstruktive Debatte unterstützen. Die Welt bleibt voller Häresien, die unsere Identitäten und von uns geschätzte Institutionen bedrohen; die Schwierigkeit besteht darin, sie nicht als Ideen zu betrachten, die gewaltsam unterdrückt werden müssen, sondern als Chancen, zu verstehen, wo und wie die Institutionen von heute Menschen ausschließen oder daran scheitern, versprochene Vorteile zu liefern.

Forderungen nach konstruktivem Engagement hören sich vielleicht banal, naiv oder sogar moralisch prekär an. Die Alternative sind allerdings nicht nur verstärkte Spaltungen und die Entfremdung der Gemeinschaften, sondern weitverbreitete Entmenschlichung - eine Tendenz, die aktuelle Technologien offenbar fördern.

Die Vierte Industrielle Revolution von heute kann eine Chance sein, unsere Beziehung zu Technologie zu reformieren und das Beste der menschlichen Natur zu stärken. Um das zu begreifen werden die Gesellschaften allerdings ein subtileres Verständnis von der Wechselwirkung zwischen Identität, Macht und Technologie entwickeln müssen, als dies zu Luthers Zeiten geschah.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

http://prosyn.org/FER7VjB/de;

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