Pope Francis waves to the pilgrims gathered in St. Peter's Squar Franco Origlia/Getty Images

Energie für das Gemeinwohl

NEW YORK – Die Klimakrise, mit der wir uns derzeit konfrontiert sehen, ist Ausdruck einer umfassenderen Krise: nämlich einer globalen Verwechslung von Mittel und Zweck. Wir bedienen uns weiterhin fossiler Brennstoffe, weil es uns möglich ist (Mittel), aber nicht, weil es gut für uns ist (Zweck).

Diese Verwechslung ist der Grund, warum Papst Franziskus und der Ökumenische Patriarch Bartholomäus uns dazu anspornen, gründlich darüber nachzudenken, was wirklich gut für die Menschheit ist und wie man es erreicht. Anfang dieses Monats luden sowohl der Papst in Rom als auch der Patriarch in Athen Vertreter aus Wirtschaft und Wissenschaft ein, um den Übergang von fossilen Brennstoffen zu sicheren erneuerbaren Energien zu beschleunigen.

In den meisten Teilen der Welt von heute werden Sinn und Zweck von Politik, Wirtschaft und Technologie verfälscht. Politik wird als erbarmungsloser Machtkampf betrachtet, Wirtschaft als rücksichtsloses Streben nach Reichtum und Technologie als Wundermittel für mehr Wirtschaftswachstum. In Wahrheit, so Franziskus und Bartholomäus, brauchen wir Politik, Wirtschaft und Technologie, damit diese viel umfassenderen Zwecken als Macht, Reichtum und Wirtschaftswachstum dienen. Wir brauchen sie, um das Wohlergehen der Menschen von heute und zukünftiger Generationen zu fördern.

Amerika ist womöglich jenes Land, das dieser Verwechslung am stärksten anhängt. Der Reichtum der Vereinigten Staaten übersteigt jede Vorstellungskraft, wobei das Median-Haushaltseinkommen und das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf jeweils bei fast 60.000 Dollar liegen. Die USA könnten alles haben. Doch stattdessen hat man es mit zunehmender Einkommensungleichheit,  sinkender Lebenserwartung, steigenden Selbstmordraten sowie epidemisch auftretender Fettleibigkeit, Opioid-Abhängigkeiten, Schießereien an Schulen, depressiven Störungen sowie anderen schweren Krankheiten zu tun. Die USA erlitten im vergangenen Jahr Verluste in Höhe von 300 Milliarden Dollar durch Klimakatastrophen, darunter drei massive Hurrikane, deren Häufigkeit und Intensität aufgrund der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen gestiegen sind. Die USA verfügen über enorme Macht, Reichtum und Wachstum und leiden trotzdem unter schwindendem Wohlergehen. 

Wirtschaft und Politik der USA befinden sich in den Händen von Unternehmenslobbys, darunter auch Big Oil. Unerbittlich werden Ressourcen dafür aufgewendet, noch mehr Öl- und Gasfelder zu erschließen und zwar nicht, weil das gut für Amerika oder die Welt ist, sondern weil es die Aktionäre und Manager von ExxonMobil, Chevron, Conoco Philipps und anderen fordern. Trump und seine Lakaien arbeiten täglich daran, globale Vereinbarungen und nationale Vorschriften zu untergraben, die den Übergang von fossilen Brennstoffen zu erneuerbaren Energien beschleunigen sollen.

Ja, wir können mehr Öl, Kohle und Gas produzieren. Aber wofür? Bestimmt nicht zu unserer Sicherheit: mit den Gefahren der globalen Erwärmung sind wir bereits konfrontiert. Und auch nicht, weil es an Alternativen mangelt: die USA verfügen über reichlich Wind-, Solar-, und Wasserkraft sowie andere Primärenergiequellen, die keine globale Erwärmung verursachen. Die US-Wirtschaft ist leider ein außer Kontrolle geratenes Monstrum, das dem Ölreichtum hinterherjagt und unser Überleben aufs Spiel setzt.

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Freilich stehen die USA mit ihrem verrückten Streben nach Reichtum statt Wohlergehen nicht alleine da. Genau die gleiche Verwechslung von Mitteln und Zwecken im Sinne des schnellen Reichtums veranlasste Argentinien, das Gastgeberland des heurigen G20-Gipfels, Erdgas-Fracking mit allen damit verbundenen Klima- und Umweltrisiken voranzutreiben, anstatt sein enormes Potenzial an Wind-, Solar- und Wasserkraft zu erschließen. Die gleiche Verfälschung des Zwecks führt dazu, dass die kanadische Regierung eine neue Pipeline garantiert, um die Produkte aus der umweltverschmutzenden und kostspieligen Ölproduktion aus Ölsanden nach Asien zu exportieren, während man in Kanadas reichlich vorhandene erneuerbare Energiequellen zu wenig investiert.

Im Rahmen seines Treffens mit den Chefs der wichtigsten Öl- und Gaskonzerne ließ Franziskus diese wissen: „Unser Bestreben, Energie für alle zu gewährleisten, darf nicht zu einer unerwünschten Spirale extremer Klimaänderungen aufgrund eines katastrophalen Anstiegs globaler Temperaturen, rauerer Umweltbedingungen und erhöhter Armut führen.” Er stellte fest, dass die Ölkonzerne „weiterhin auf der Suche nach neuen Reserven an fossilen Brennstoffen“ seien, obwohl im Pariser Abkommen klar und deutlich festgehalten ist, den Großteil der Lagerstätten fossiler Brennstoffe ungenutzt zu lassen. Und er erinnerte die Manager daran, dass „die Zivilisation Energie benötigt, aber der Energieverbrauch die Zivilisation nicht zerstören darf!“

Franziskus unterstrich die moralische Dimension des Problems:

„Der Übergang zu zugänglicher und sauberer Energie ist eine Pflicht, die wir Millionen von Brüdern und Schwestern auf der ganzen Welt, den ärmeren Ländern und zukünftigen Generationen schuldig sind. Entscheidende Fortschritte auf diesem Weg können nicht ohne ein gesteigertes Bewusstsein dafür erzielt werden, dass wir alle Teil einer menschlichen Familie sind, die durch Bande der Brüderlichkeit und Solidarität verbunden ist. Nur indem wir in fortgesetzter Sorge um diese alle Unterschiede aufhebende Einheit denken und handeln, nur indem wir ein Gefühl universeller Solidarität zwischen den Generationen entwickeln, können wir uns wirklich entschlossen auf den vor uns liegenden Weg machen.”

Zur gleichen Zeit als Franziskus letzte Woche die Manager in Rom traf, versammelte auch Bartholomäus führende Vertreter von wissenschaftlichen Institutionen, UN-Organisationen und wichtigen Glaubensgemeinschaften in Athen und auf dem Peloponnes, um einen Weg in Richtung Umweltsicherheit zu skizzieren. Auch Bartholomäus unterstrich den grundlegenden moralischen Aspekt. „Die Identität jeder Gesellschaft und das Maß jeder Kultur wird nicht nach dem Grad der technischen Entwicklung, des Wirtschaftswachstums oder der öffentlichen Infrastruktur beurteilt“, so der Patriarch. „Unser  Leben und unsere Zivilisation werden vor allem aufgrund unseres Respekts für die Würde der Menschheit und die Integrität der Natur definiert und beurteilt.”

Die 300 Millionen Gläubigen der Ostkirchen unter der Leitung des Ökumenischen Patriarchen leben in Ländern, die aufgrund der Gefahren der globalen Erwärmung extrem bedroht sind: heftige Hitzewellen, steigende Meeresspiegel und zunehmend schwere Dürren. Der Mittelmeerraum ist bereits von Umweltkatastrophen und erzwungener Migration aus Konfliktgebieten betroffen. Der ungebremste Klimawandel - der bereits zu Konflikten beigetragen hat - wäre für die Region ein Desaster.

Die Konferenz von Bartholomäus wurde im Herzen des antiken Athen, auf der Akropolis, eröffnet, wo Aristoteles vor 2.300 Jahren Ethik und Politik als das Streben nach Wohlergehen definierte. Die politische Gemeinschaft, so schrieb Aristoteles, sollte auf das „höchste Gut” abzielen, das durch die Kultivierung der Tugenden der Bürger zu erreichen sei.

Aristoteles stellte bekanntlich zwei Arten von Wissen gegenüber: techne (technisches Wissen) und phronesis (praktische Weisheit). Wissenschaftler und Techniker haben uns das technische Wissen gegeben, um rasch von fossilen Brennstoffen auf CO2-freie Energie umzusteigen. Franziskus und Bartholomäus rufen uns auf, die phronesis, also die praktische Weisheit, einzusetzen, um unsere Politik und Wirtschaft wieder auf das Gemeinwohl auszurichten.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

http://prosyn.org/4D8eH1a/de;

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