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Eine Perspektive für Yahoo!

NEW YORK – Viele Menschen glauben, Yahoo! sei so gut wie tot: Investoren haben den Aktienpreis seit dem jüngsten Deal mit Microsoft um fast 20 Prozent fallen lassen. Aber ich glaube, das Unternehmen ist jetzt in einer stärkeren Position, um neues Terrain abzustecken, anstatt mit Google um altes Gelände zu streiten. Das kann Microsoft erledigen.

Jetzt, da sich Yahoo! sich seines Streits mit Google entledigt hat, kann es sich auf seine Wurzeln als ein Unternehmen besinnen, das Internetnutzern mit Verzeichnissen dabei hilft, die Welt zu verstehen. 1994 begann Yahoo! als ein Team von Redakteuren, die die relativ geringe Menge an Informationen durchforstete, die damals online zu finden war, um Listen mit den besten Inhalten zu erstellen, komplett mit den entsprechenden Links. Dann kam Google mit einem automatisierten Tool für die Suche nach Inhalten, die beliebig sein können, und Yahoo! hat diesen Service genutzt, bevor es seine eigenen Suchfähigkeiten entwickelte.

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Aber die Welt hat sich seitdem verändert. Das Problem ist jetzt nicht mehr, Informationen zu finden, sondern sie zu filtern und zu strukturieren. TMI – too much information , zu viel Information – ist inzwischen ein anerkanntes Kürzel geworden.

Man kann sich bei der Strukturierung der Information nicht mehr auf menschliche Redakteure verlassen, man braucht automatisierte Tools, die durch menschliche Sachkenntnis und spezifisches Fachwissen ergänzt werden. Aber die Suchfunktion allein reicht auch nicht mehr aus, sie ist wie eine Taschenlampe in einem dunklen Raum: sie lässt ein oder zwei Dinge aufleuchten, aber der Rest bleibt undeutlich. Was die Menschen wirklich wollen, ist ein beleuchteter Raum, in dem die Dinge ordentlich auf gekennzeichneten Regalen ausgestellt werden.

Das ist es, was Microsoft mit Bing in einigen wenigen kommerziellen Domains gemacht hat. Aber die Chance geht über die Welt des Einkaufens hinaus, dorthin, wo all die Inhalte sind, die wir bei Google finden (und die so verlockend sind, aber letztlich als Geschäftsgelegenheit beschränkt).

Die größte Chance für Yahoo! liegt darin, über die Daten und die Gewohnheiten seiner halben Milliarde registrierten Nutzern zu verfügen - ihre Fotos und Freundschaften und elektronischen Angaben, die jetzt ausgedehnt und komplex genug sind, um gemanagt werden zu müssen.

Das ist die Chance für Yahoo!: Einzelpersonen zu helfen, die Welt zu verstehen. Verschiedene existierende Firmen sind führend auf diesem Gebiet, aber sie genießen nicht dasselbe Vertrauen wie Yahoo! und sie haben auch nicht die große Nutzerbasis, die es Yahoo! ermöglichen wird, Daten nicht nur zu speichern und zu verwalten, sondern auch anderen zur Verfügung zu stellen, so dass die Nutzer ihre eigenen Informationen im Kontext der Daten anderer sehen können.

Die Menschen verbringen ziemlich viel Zeit damit, nach Neuem zu suchen, aber oft würden sie Neues gern mit Altem verbinden, insbesondere mit ihren eigenen Informationen. Es ist ein noch diffuser, aber immer deutlich werdender Trend auszumachen, der darin besteht, dass Menschen ihre eigenen Daten online verwalten – nicht nur ihre Finanzen bei Mint oder Wesabe, sondern auch ihre Bücherreferenzen bei Amazon, Handyberichte (Skydeck), sportlichen Aktivitäten (Nike, Garmin u. ä.), Freundschaften und Freizeitaktivitäten (Facebook/Friendfeed und andere), Reisen (Dopplr und TripIt), Gesundheit (Polka.com), Musik (iTunes, IHeardItOn) usw.

Bei der Suche im Internet stößt man auf Seiten, auf denen man seinen Urlaub buchen, Musik kaufen, Wanderwege finden und mit Aktien handeln kann, aber normalerweise können die Nutzer auf diesen Seiten nicht ihren eigenen Inhalt und ihre eigenen Daten sammeln, verwalten und analysieren. Yahoo! kann dieser Ort werden.

Was bedeutet das von einem geschäftlichen Standpunkt aus? Befreit von den Ablenkungen der Suchmaschinen-Kriege kann sich das Unternehmen darauf konzentrieren, die gesamte Yahoo!-Erfahrung verläßlicher und integrierter zu gestalten. Intern müssen die Dienste enger miteinander verknüpft werden. Es gibt bereits eine einzige Anmeldung für alle Dienste, einschließlich Yahoo! Mail und anderer wie Veranstaltungen oder Flickr (Fotos und Videos). Die neue Homepage macht es dem Nutzer einfacher, verschiedene Dienste an einem Ort zu vereinen.

Yahoo! ist offen genug, um Informationen von Dritten anzubieten, wie von der New York Times und vom Wall Street Journal, aber selbst seine eigenen Dienste bieten normalerweise nur allgemeine Inhalte in Bezug auf Gesundheit und Aktienkurse an, anstatt der Möglichkeit, die eigenen Gesundheitsdaten oder das eigene Aktienportfolio zu verwalten.

Und das führt zu einem anderen Problem: man kann es Transparenz nennen oder Datenschutz. Yahoo! und eine Reihe anderer Unternehmen, einschließlich Google, arbeiten bereits an einer Norm für die Darstellung von Informationen über die Werbung, die ein Nutzer sieht. Das Gute an Yahoo! ist, dass es diese Informationen geradeheraus zeigen kann. Es zeigt seinen Nutzern Werbung von Dritten, aber es verkauft die Daten seiner Nutzer an niemand anderen.

In einer Welt, in der sich die Nutzer über die Rückverfolgbarkeit von Daten sorgen, und die Gesetzgeber dagegen vorgehen, muss Yahoo! seine Nutzer nicht im Netz verfolgen. Es weiß genug von ihnen, durch das, was diese selbst offen bei Yahoo! angeben.

Die Nutzer können festlegen, was sie zum Beispiel von ihren Reiseplänen offen legen wollen, ob zum Beispiel Freunde und Kollegen erfahren sollen, wohin die Reise gehen soll, oder ob man später einen Reisebericht ins Netz stellen will. Ich hätte nichts dagegen, dass zum Beispiel British Airways von meinen Reisplänen erführe, wenn ich ein gutes Angebot bekäme.

Die Nutzer wissen, was Yahoo! von ihnen kennt: keinen Bericht über all die Seiten, auf denen sie gewesen sind, sondern ihr Verhalten bei Yahoo! und möglicherweise ihre Daten. Aber es sind die Nutzer, nicht Yahoo!, die entscheiden, ob die Daten an British Airways weitergeleitet werden oder nicht. Für diejenigen, denen das wichtig ist, ist das eine großartige Sache. Diejenigen, denen es nicht wichtig ist, wissen nur, dass Yahoo! eine gute Datenschutzpolitik hat.

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Um dieses große Versprechen einzulösen, sollte Yahoo! verschiedene Dienste kaufen oder entwickeln, die den Nutzern helfen, ihre eigenen Daten zu verwalten. Diese Dienste wären ein guter Anfang, aber es gibt noch viel mehr zu tun und Yahoo! hat die Tools und das Publikum, um eigene Standards zu entwickeln.

Das wird alles nicht einfach sein. Es könnte fast so komplex sein wie die Entwicklung einer Suchmaschine. Aber es wäre es wert. Denn schließlich gibt es für einige Leute auf der Welt nichts Faszinierenderes, als in einen Spiegel zu schauen.