0

Der Luzifer-Effekt

Warum werden rechtschaffene, normale Menschen manchmal zu Schergen des Bösen? Die extremste Wandlung dieser Art stellt natürlich die Geschichte von Gottes liebstem Engel Luzifer dar – und diese Geschichte setzt den Rahmen für meine psychologischen Untersuchungen der niederen menschlichen Wandlungen als Reaktion auf den zersetzenden Einfluss starker situationsbedingter Kräfte.

Derartige Kräfte wirken in vielen alltäglichen Verhaltenskontexten und verzerren unser sonst gutes Wesen, indem sie uns zu abweichendem, zerstörerischem oder bösartigem Verhalten antreiben. Wenn wir neuen und unvertrauten Situationen ausgesetzt sind, funktionieren unsere üblichen Muster des Denkens, Fühlens und Handelns nicht mehr und können unseren moralischen Kompass, der uns in der Vergangenheit verlässlich geführt hat, nicht mehr stützen.

Aleppo

A World Besieged

From Aleppo and North Korea to the European Commission and the Federal Reserve, the global order’s fracture points continue to deepen. Nina Khrushcheva, Stephen Roach, Nasser Saidi, and others assess the most important risks.

In den letzten drei Jahrzehnten haben meine Untersuchungen und die meiner Kollegen gezeigt, mit welch relativer Leichtigkeit normale Leute dazu gebracht werden können, sich in einer Weise zu verhalten, die als bösartig bezeichnet werden muss. Wir haben Untersuchungsteilnehmer in Experimenten getestet, in denen starke situationsbedingte Kräfte – Anonymität, Gruppenzwänge oder die Verteilung der persönlichen Verantwortung – sie dazu veranlassten, blind einer Autorität zu gehorchen und Unschuldige anzugreifen, nachdem sie diese entmenschlicht hatten.

In meinem vor kurzem erschienenen Buch Der Luzifer-Effekt: Die Macht der Umstände und die Psychologie des Bösen beschreibe ich die radikalen Wandlungen, die bei College-Studenten zu beobachten waren, die in einem Scheingefängnis, das in der Stanford University aufgebaut worden war, zufällig zugewiesene Rollen als Häftlinge oder Wärter spielten. Im Weiteren werden direkte Parallelen zu den von amerikanischen Soldaten im irakischen Gefängnis Abu Ghraib begangenen Misshandlungen gezogen; zudem präsentiert das Buch einen Großteil der sozialwissenschaftlichen Forschung, die illustriert, mit welcher Macht soziale Situationen über individuelle Neigungen dominieren können.

Das Werk hinterfragt die traditionelle Betonung der Veranlagung, der persönlichen Züge und des inneren Wesens des Menschen als wichtigste – und häufig einzige – Faktoren, die zum Verständnis des menschlichen Versagens beitragen. Stattdessen argumentiere ich, dass die meisten Menschen, obwohl sie sich fast immer gut verhalten, leicht zu unsozialem Verhalten verleitet werden können, weil sie selten als einsame Figuren auf der leeren Bühne des Lebens Monologe improvisieren.

Im Gegenteil: Häufig sind die Menschen in ein Ensemble unterschiedlicher Akteure integriert – auf einer Bühne mit verschiedenen Requisiten, Kostümen, Texten und Bühnenanweisungen von Produzenten und Regisseuren. Zusammen stellen diese Einflüsse situative Faktoren dar, die das Verhalten dramatisch beeinflussen können. Was der Einzelne zu einer bestimmten Szene beisteuert, ist wichtig, aber genauso wichtig sind die situationsbedingten Kräfte, die auf ihn wirken, und die systemischen Kräfte, die eine Situation schaffen und aufrechterhalten.

Die meisten Einrichtungen, die eine individualistische Ausrichtung vertreten, stellen die Person als sündig, schuldig, befallen, verrückt oder irrational hin. Besserungsprogramme folgen entweder einem medizinischen Modell der Rehabilitierung, Therapie, Umerziehung und Behandlung oder einem Strafmodell mit Haft und Hinrichtung. Doch sind alle derartigen Programme zum Scheitern verurteilt, wenn Situation oder System die Hauptursachen sind und nicht die Person.

Daher sind zwei Arten von Paradigmenwechsel erforderlich. Erstens müssen wir ein gesundheitswissenschaftliches Modell zur Prävention von Gewalttaten, Misshandlung in der Ehe, Schikane, Voreingenommenheit u.amp#160;a. einführen, das die Vektoren der Gesellschaftskrankheit identifiziert, gegen die man die Öffentlichkeit impfen muss. Zweitens muss in der Rechtstheorie neu abgewogen werden, in welchem Maße starke situationsbedingte und systemische Faktoren bei der Bestrafung Einzelner berücksichtigt werden müssen.

Obwohl in weiten Teilen des Buches Der Luzifer-Effekt untersucht wird, wie einfach es ist, ganz normale Menschen zu boshaften Taten zu verleiten oder dem Leiden anderer gegenüber passiv gleichgültig zu sein, ist die tiefer liegende Botschaft eine positive. Indem wir das Wie und Warum solcher Taten begreifen, sind wir besser in der Lage, sie aufzudecken, ihnen entgegenzutreten, uns ihnen zu widersetzen und über sie zu triumphieren. Indem wir das Böse besser kennenlernen, bauen wir eine Widerstandskraft auf, die uns dagegen wappnet, unseren moralischen Kompass in negativer Weise umpolen zu lassen.

Support Project Syndicate’s mission

Project Syndicate needs your help to provide readers everywhere equal access to the ideas and debates shaping their lives.

Learn more

In diesem Sinne zelebriert Der Luzifer-Effekt die menschliche Fähigkeit, sich für Güte anstelle von Grausamkeit, Achtsamkeit anstelle von Gleichgültigkeit, Kreativität anstelle von Destruktivität und Heldentum anstelle von Niedertracht zu entscheiden. Am Ende meiner Ausführungen ermutige ich die Leser dazu, sich mit den grundlegenden Strategien auseinanderzusetzen, mit denen sie unerwünschten gesellschaftlichen Einflüssen widerstehen und diese hinterfragen können, und ich führe die Idee der „Banalität des Heldentums“ ein. Schließlich sind die meisten Helden normale Menschen, die außergewöhnlich moralisch handeln.

Vor diesem Hintergrund schlage ich, genau wie für das Böse, eine situationsabhängige Sichtweise des Heldentums vor: Dieselbe Situation, die in einigen von uns feindliche Fantasien und das Böse entzünden kann, kann andere zu heldenhaften Fantasien inspirieren. Wir müssen den Menschen beibringen, besonders unseren Kindern, sich selbst als „Helden in spe“ zu verstehen, immer bereit, in einer bestimmten Situation, die sich vielleicht nur einmal in ihrem Leben ergibt, heldenhaft zu handeln.