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Der Gott des Leidens?

PRINCETON:  Leben wir in einer Welt, die von einem allmächtigen, allwissenden und vollkommen guten Gott erschaffen wurde? Die Christen glauben das. Doch wir werden täglich mit einem triftigen Grund konfrontiert, daran zu zweifeln: Auf dieser Welt herrscht nämlich ein immenses Maß an Schmerz und Leiden. Wenn Gott allwissend ist, weiß er auch um dieses Leid. Wenn er allmächtig ist, hätte er eine Welt mit weniger Schmerz und Leid erschaffen können – was er wohl auch getan hätte, wenn er vollkommen gut wäre.

Christen antworten darauf normalerweise, dass uns Gott den freien Willen geschenkt hat und daher für die bösen Taten des Menschen nicht verantwortlich ist. Das allerdings erklärt noch nicht das Leiden derer, die bei Überschwemmungen ertrinken, in Waldbränden, die durch Blitzschlag ausgelöst wurden, bei lebendigem Leib verbrennen oder derjenigen, die während einer Dürreperiode verhungern oder verdursten.

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Manchmal versuchen Christen, dieses Leiden zu erklären, indem sie darauf hinweisen, dass alle Menschen Sünder sind und daher ihr Schicksal verdienen, selbst wenn es sich um ein entsetzliches Schicksal handelt. Aber ebenso wie Erwachsene leiden und sterben auch Babys und Kleinkinder bei Naturkatastrophen und es erscheint ausgeschlossen, dass sie Leid und Tod verdienen.

Darauf antworten manche Christen, dass wir alle mit der Erbsünde behaftet sind, seit Eva entgegen Gottes Anweisung von den Früchten am Baum der Erkenntnis aß. Das ist eine dreifach abstoßende Vorstellung, denn sie impliziert, dass Erkenntnis schlecht ist,  das es die größte aller Sünden ist, sich dem Willen Gottes zu widersetzen und dass alle Kinder die Sünden ihrer Vorfahren erben und dafür gerechterweise auch noch bestraft werden können.

Aber selbst wenn wir alle diese Theorien akzeptieren, bleibt das eigentliche Problem ungelöst. Denn auch Tiere leiden unter Überschwemmungen, Bränden und Dürren und da sie nicht von Adam und Eva abstammen, können sie auch nicht mit der Erbsünde behaftet sein.

Früher, als man die Theorie der Erbsünde noch ernster nahm als dies heute im Allgemeinen der Fall ist, stellte das Leiden der Tiere ein besonderes schwieriges Problem für gottesfürchtige Christen dar. Der französische Philosoph René Descartes löste das Problem im 17. Jahrhundert sehr drastisch, indem er Tieren einfach ihre Leidensfähigkeit absprach. Tiere, so argumentierte Descartes, wären nichts weiter als ausgeklügelte Maschinen, deren Schreie und Kämpfe  nicht als Zeichen für Schmerz gesehen werden dürfen, ebenso wenig wie wir das Klingeln des Weckers nicht als Zeichen dafür werten, dass die Uhr über ein Bewusstsein verfügt. Menschen, die mit einem Hund oder einer Katze leben, werden dieser Theorie wahrscheinlich nicht allzu viel abgewinnen können.

Letzten Monat nahm ich an der Biola University, einem christlichen College in Südkalifornien, mit dem konservativen Kommentator Dinesh D’Souza an einer Diskussion über die Existenz Gottes teil. D’Souza widmete sich in den letzten Monaten gezielt der Debatte mit prominenten Atheisten, aber auch er hatte alle Mühe, eine überzeugende Antwort auf das oben angeführte Problem zu finden.

Zuerst argumentierte er folgendermaßen: Weil Menschen im Himmel ewig leben können, hat das Leiden auf dieser Welt weniger Bedeutung als dies der Fall wäre, wenn wir nur ein einziges Leben auf Erden hätten. Damit ist allerdings noch immer nicht erklärt, warum ein allmächtiger und vollkommen guter Gott das Leiden überhaupt zulässt. So unbedeutend dieses Leiden aus der Perspektive der Ewigkeit erscheinen möge, ginge es der Welt ohne dieses Leiden  - oder zumindest großer Teile davon – wohl besser. (Manche meinen, dass wir ein gewisses Maß an Leiden brauchen, um es schätzen zu können, wenn wir glücklich sind. Das kann schon sein, aber wir brauchen gewiss nicht so viel Leid, wie wir haben.) 

Als nächstes argumentierte D’Souza, dass es uns nicht zukommt, darüber zu klagen, dass unser Leben nicht perfekt ist, weil wir dieses Leben ja von Gott geschenkt bekamen. Er brachte das Beispiel eines Kindes, dem bei seiner Geburt eine Gliedmaße fehlt. Wenn das Leben selbst ein Geschenk ist, so D’Souza, wird uns kein Unrecht getan, wenn wir weniger bekommen als wir vielleicht möchten.  Ich wandte ein, dass wir Mütter verurteilen, die ihren Babys durch den Konsum von Alkohol oder Kokain während der Schwangerschaft schaden. Der Meinung D’Souzas folgend, haben sie aber in der Schwangerschaft nichts falsch gemacht, da sie ihren Babys ja das Leben schenkten.

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Schließlich griff D’Souza wie viele Christen, wenn sie unter Druck geraten, auf die Behauptung zurück, dass wir nicht erwarten dürfen, Gottes Gründe für die Erschaffung der Welt wie sie ist, zu verstehen. Das wäre so, als wollte eine Ameise unsere Entscheidungen verstehen, denn so winzig klein ist unsere Intelligenz im Vergleich zur unendlichen Weisheit Gottes. (Diese Antwort erscheint in poetischerer Form auch im Buch Hiob .) Aber wenn wir uns auf diese Art und Weise von unserem Denkvermögen verabschieden, können wir überhaupt alles glauben.

Außerdem ist die Behauptung, wonach unsere Intelligenz im Vergleich zu Gottes unendlicher Weisheit völlig unbedeutend wäre, eine Vorbedingung  für den fraglichen Diskussionspunkt – dass es einen allmächtigen, allwissenden und vollkommen guten Gott gibt. Die Beweislage vor unseren eigenen Augen lässt es allerdings plausibler erscheinen, dass die Welt nicht von irgendeinem Gott erschaffen wurde. Wenn wir jedoch auf dem Glauben an göttliche Schöpfung beharren, sind wir gezwungen, zuzugeben dass dieser Gott, der die Welt erschuf, nicht allmächtig und nicht vollkommen gut sein kann. Er muss entweder böse oder ein Stümper sein.