Las Vegas Shooting David Becker/ Stringer

Keine Einigkeit zwischen US-Bundesstaaten bei der Schusswaffenkontrolle

LONDON – Das Massaker von Las Vegas und die Ereignisse in seinem Gefolge sind Amerika in Reinkultur: Ein psychisch gestörter Mann schleppt fast zwei Dutzend Hightech-Sturmgewehre in ein Hotelzimmer im 32. Stock, ermordet zuerst massenhaft Konzertbesucher und tötet sich dann selbst. Als Reaktion darauf flackern wieder Kulturkämpfe auf zwischen Befürwortern der Schusswaffenkontrolle und Schusswaffenfans. Zugleich besteht weitegehende Einigkeit darüber, dass sich nicht viel ändern wird. Nach einer Woche herzzerreißender Fernsehübertragungen von Beerdigungen wird in Amerika das Leben wieder seinen gewohnten Gang gehen, bis zum nächsten Massaker.

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Die Massengewalt ist in der amerikanischen Kultur tief verwurzelt. Amerikas europäische Siedler verübten einen zwei Jahrhunderte währenden Genozid an der einheimischen Bevölkerung und errichteten eine Sklavenwirtschaft, die so fest etabliert war, dass nur ein verheerender Bürgerkrieg sie beenden konnte. In fast allen anderen Ländern, selbst im zaristischen Russland, wurden Sklaverei und Leibeigenschaft per Verordnung oder Gesetz beendet. In Amerika bedurfte es eines vierjährigen Aderlasses, und als dieser vorbei war, führte das Land für ein Jahrhundert ein Apartheidsystem ein und setzte es durch.

Bis zum heutigen Tage sind die Mord- und Inhaftierungsraten in Amerika mehrere Male höher als in Europa. Jedes Jahr ereignen sich etliche Massenmorde mit Schusswaffen – in einem Land, das zugleich scheinbar endlose Auslandskriege führt. Amerika ist, um es auf den Punkt zu bringen, ein Land mit einer Geschichte und Gegenwart, die durch krassen Rassismus und ethnischen Chauvinismus und unverhüllte massenhafte Gewalt geprägt ist.

Die Schüsse von Las Vegas zeigen einmal mehr die klare Notwendigkeit eines Verbots von Angriffswaffen. Als es in Amerika ein derartiges Verbot gab – vom September 1994 bis zum September 2004 –, trug dies dazu bei, die Zahl der Massenmorde zu begrenzen. Der Kongress jedoch verlängerte das Verbot aufgrund der intensiven der Waffenlobby nicht, und es dürfte auf Bundesebene auf absehbare Zeit auch nicht wieder in Kraft gesetzt werden. Ein Verbot von „Bump Stocks“ – der Vorrichtung, die der Killer von Las Vegas nutzte, um seine halbautomatischen Gewehre dauerfeuerfähig zu machen –, scheint möglich, aber darüber hinaus wird sich auf Bundesebene kaum etwas tun.

Als Australien 1996 Angriffswaffen verbot, bewirkte dies ein abruptes Ende der Massenmorde mit Schusswaffen. Amerikas Schusswaffenfans jedoch verweigern sich derartigen Erkenntnissen, und Massenmorde wie der in Las Vegas bestärken sie lediglich in ihrer Überzeugung, dass Schusswaffen in einer gefährlichen Welt der einzig echte Schutz sind. Laut überzeugenden aktuellen Umfragedaten ist die Verbundenheit zu Schusswaffen besonders ausgeprägt unter weniger gebildeten weißen Republikanischen Männern mit Wohnsitz vor allem in den ländlichen Gegenden und Vorstädten im Süden und Mittleren Westen – derselben Bevölkerungsgruppe also, aus der sich die Kernanhängerschaft von Präsident Donald Trump rekrutiert.

Trotz der tiefen ideologischen Spaltungen im Lande gibt es ein Fünkchen Hoffnung. Laut der US-Verfassung haben die US-Bundesstaaten die Befugnis, Angriffswaffen zu verbieten und den Schusswaffenbesitz zu regulieren (obwohl sie Handfeuerwaffen und Jagdgewehre angesichts der Auslegung des „Rechts, Waffen zu tragen“ im zweiten Verfassungszusatz durch den Obersten Gerichtshof nicht komplett verbieten dürfen). Mein eigener Staat, New York, verbietet Angriffswaffen bereits, und eine Handvoll weiterer Staaten tut dasselbe. Statt einen weiteren aussichtslosen Kampf in Washington zu führen, ist es vielversprechender, viele weitere Staaten zur Ausübung ihrer Rechte zu bewegen.

Staaten, die dies tun, werden die Rate der mit Schusswaffen verübten Massenmorde verringern, die Sicherheit ihrer Bürger erhöhen und ihre Wirtschaft stärken. Las Vegas wird nicht nur unter dem Trauma des jüngsten Massakers leiden, sondern auch unter einer Abwanderung von Touristen und Tagungsbesuchern – zumindest so lange, bis Nevada gegen Angriffswaffen vorgeht und die Sicherheit seiner Besucher garantieren kann.

Amerika umfasst heute nicht bloß rote (konservative) und blaue (progressive) Staaten, sondern faktisch rote und blaue Länder, d. h. klar zu unterscheidende Regionen, in denen sich Kulturen, Helden, Politik, Dialekte, Volkswirtschaften und Vorstellungen von Freiheit eindeutig unterscheiden. In New York City bedeutet Freiheit, keine Angst haben zu müssen, dass die tausenden von Fremden, die an jedem beliebigen Tag die Gehsteige und Parks der Stadt mit einem teilen, mit tödlichen Waffen herumlaufen. In Texas oder Las Vegas bedeutet Freiheit das tröstliche Gefühl, seine treuen Schusswaffen überall hin mitnehmen zu können.

Es ist Zeit, rote und blaue Staaten ihren eigenen Weg gehen zu lassen. Wir brauchen keinen weiteren Bürgerkrieg, um uns auf einen einvernehmlichen und begrenzten Schritt hin zu deutlich lockereren Beziehungen zwischen den Bundesstaaten zu einigen. In dieser Hinsicht haben die Konservativen Recht: Wir sollten die Macht der US-Bundesregierung beschneiden und wieder einen größeren Teil der Steuereinnahmen und gesetzgeberischen Befugnisse den Einzelstaaten überlassen – allerdings unter dem Vorbehalt der verfassungsmäßigen Beschränkungen zur Gewaltenteilung und zu den Grundrechten. Auf diese Weise kann jede Seite dieses Kulturkampfes ihrem bevorzugten Ergebnis näher kommen, ohne die andere Seite zu hindern, dasselbe zu tun.

Mein eigener Staat würde von einer derartigen, lockereren Föderation profitieren. Er würde seinen erhöhten Spielraum nutzen, um seine eigenen Regeln zu verschärfen und durch Einsparungen bei den Steuern, die heute an die Bundesregierung fließen, seine sozialen Dienste auszubauen. Und die Schwächung der US-Bundesregierung hätte zur Folge, dass es weniger „gewollte Kriege“ im Mittleren Osten gäbe.

An irgendeinem Punkt werden die USA letztlich im Bund Gesetze zur Schusswaffenkontrolle einführen. Wenn mehr Kongressabgeordnete erkennen, dass ihr eigenes Leben in Gefahr ist (was leider der Fall ist), werden wir endlich nationale Maßnahmen erleben. Es wurden in diesem Jahrzehnt bereits zwei Kongressabgeordnete angeschossen (Gabrielle Giffords 2011 und Steve Scalise in diesem Jahr). Derzeit jedoch stehen die Abgeordneten weiter im politischen Kreuzfeuer bewaffneter Verrückter und der Waffenlobby. Dies ist erschreckend, aber traurigerweise eine Tatsache.

In Donald Trumps Amerika werden Schusswaffengewalt und Instabilität täglich neu angeheizt. Eine rasch umgesetzte Lösung im nationalen Rahmen wäre ideal. Doch bis das passiert, sollten mehr US-Bundesstaaten ermutigt werden, sich in Bezug auf Schusswaffen für den Weg der Vernunft zu entscheiden.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

http://prosyn.org/13Vx55f/de;

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