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Flüchtlinge und Armut in ländlichen Gebieten

ROM – Entwicklungsexperten und politische Entscheidungsträger befassen sich vornehmlich mit Migration in städtische Gebiete und der Notwendigkeit nachhaltiger Stadtentwicklung. Dabei sollten sie allerdings die dramatischen Veränderungen im ländlichen Raum nicht aus den Augen verlieren, die allzu oft außer Acht gelassen werden.

Die wachsende Nachfrage nach Lebensmitteln – aufgrund steigender Bevölkerungszahlen und Einkommen – eröffnet den Bewohnern ländlicher Gebiete zwar Möglichkeiten, doch es sind weiterhin ländliche Regionen in Entwicklungsländern, die vorrangig von Hunger und Armut betroffen sind. Solange ländliche Entwicklung nicht mehr Aufmerksamkeit erfährt, werden junge Menschen die Landwirtschaft aufgeben und den ländlichen Raum auf der Suche nach einer besseren Existenzgrundlage in Städten oder im Ausland verlassen.

Aleppo

A World Besieged

From Aleppo and North Korea to the European Commission and the Federal Reserve, the global order’s fracture points continue to deepen. Nina Khrushcheva, Stephen Roach, Nasser Saidi, and others assess the most important risks.

Im vergangenen Jahr hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen die Agenda 2030 mit den Zielen für eine nachhaltige Entwicklung, den Sustainable Development Goals (SDGs) beschlossen, die die Zusicherung beinhalten „niemanden zurückzulassen“. Und da die Zahl der gewaltsam Vertriebenen in diesem Jahr einen historischen Höchststand erreicht, werden die Vereinten Nationen bei einem Gipfeltreffen am 19. September die Themen Flucht und Migration erörtern.

Doch alle Bemühungen, die Probleme im Zusammenhang mit der weltweit wachsenden Zahl an Migranten und Flüchtlingen zu bewältigen, werden im Sande verlaufen, sofern sie nicht gezielt bei der Not der armen Weltbevölkerung in ländlichen Gebieten ansetzen.

Angaben der Weltbank zufolge mussten 1990 rund 37% der Bevölkerung in Entwicklungsregionen mit weniger als 1,90 US-Dollar pro Tag auskommen. Im Jahr 2012 waren es 12,7% und damit sind über eine Milliarde Menschen der extremen Armut entkommen. Und trotzdem hat die Ungleichheit zwischen dem ländlichen und dem urbanen Raum zugenommen. Heute leben drei Viertel der weltweit ärmsten und hungrigsten Menschen auf dem Land.

Kleinbäuerliche Betriebe ernähren 2,5 Milliarden Menschen weltweit und erzeugen bis zu 80% der Nahrungsmittel in Asien und Afrika südlich der Sahara. Aber die meisten Kleinbauern arbeiten noch immer ohne viele grundlegende Voraussetzungen, die notwendig sind, um ihre Betriebe auszubauen und in ihre Gemeinschaften zu investieren, wie etwa Finanzierungsmöglichkeiten, Infrastruktur, Marktzugang und gesicherte Eigentumsrechte an Boden und Ressourcen.

Das bedeutet, dass Entwicklungsbemühungen in ländlichen Gebieten auf diese institutionellen Faktoren abzielen müssen (zusammen mit der Verbesserung der Gleichstellung der Geschlechter und der Gewährleistung von Rechtsstaatlichkeit) und außerdem auf die Einführung neuer Technologien in lokalen Gemeinschaften. Dabei ist es am wichtigsten, dass die ländliche Bevölkerung einbezogen wird, nicht nur als Interessengruppe oder Hilfeempfänger, sondern als Partner.

Zwei neue Studien bieten wichtige Perspektiven auf die Herausforderung, Armut, Hunger und Ungleichheit auf aller Welt zu verringern. Der Internationale Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (International Fund for Agricultural Development, IFAD) wird am 14. September seinen Rural Development Report vorstellen, der neue Forschungserkenntnisse für politische Entscheidungsträger und andere Akteure enthält, die an der Beseitigung der Armut arbeiten. Führende Köpfe haben Entwicklungsbemühungen im ländlichen Raum in über 60 Ländern analysiert und Schlussfolgerungen gezogen, was funktioniert und was nicht.

Ein zentrales Ergebnis ist, dass Entwicklung, die speziell auf ländliche Gemeinschaften ausgerichtet ist, wesentliche positive Auswirkungen auf Einkommen, Sicherheit und Nahrungsmittel und Ernährung hat. Und diese Verbesserungen der Lebensqualität resultieren anschließend in besserer Bildung, Gesundheitsversorgung und anderen ausschlaggebenden Diensten. Zugleich waren diesen Errungenschaften nicht gleichmäßig verteilt und Afrika südlich der Sahara hat weitaus weniger Fortschritt verzeichnet als andere Regionen.

Die zweite Studie, finanziert vom IFAD und vor kurzem vom International Food Policy Research Institute veröffentlicht, untersucht die Folgen der 2012 eingetretenen globalen Konjunkturabschwächung für die Landbevölkerung. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass 2030 infolge des Abschwungs 38 Millionen mehr weiterhin in extremer Armut leben werden als es wahrscheinlich sonst der Fall gewesen wäre, wobei landwirtschaftliche Haushalte in Ländern mit mittlerem Einkommen besonders gefährdet sind.

Das stellt die Umsetzung des SDG-Ziels Armut „in allen Formen und überall“ zu beenden vor eine große Herausforderung und unterstreicht die Notwendigkeit, Politiken und Investitionen gezielt auf ländliche Gebiete auszurichten, wo Maßnahmen zur Armutsbekämpfung dringender erforderlich sind und größeren Einfluss haben werden.

Der bisherige Fortschritt in ländlichen Gebieten zeigt ihr zukünftiges Potenzial. In vielen Fällen hat sich die Wirtschaft diversifiziert und ist dynamischer geworden, und neue Straßen und Kommunikationsnetzwerke haben die räumliche und kulturelle Distanz zwischen Stadtbewohnern und Landbevölkerung verringert. In Ortschaften und Dörfern entwickeln sich neue Gesellschaftsmodelle, in denen Landwirtschaft zwar immer noch wichtig, aber nicht mehr das Einzige ist, was das wirtschaftliche und kulturelle Leben bestimmt.

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Es ist an der Zeit, Entwicklung ganzheitlicher zu betrachten und zu erkennen, dass ländliche und urbane Entwicklung einander nicht ausschließen – sie sind aufeinander angewiesen. Wenn wir ländliche Gebiete vernachlässigen, werden anhaltende Armut und Hunger weiter Migrationsbewegungen auslösen, nicht nur in die Ballungszentren, sondern auch in angrenzende und nahegelegene Länder und ins weiter entfernte Ausland. Es wird Entwicklungsländer nicht voranbringen, ländliche Regionen auf der Strecke bleiben zu lassen. Im Gegenteil: Viele laufen Gefahr, dass der Motor des Fortschritts den Rückwärtsgang einlegt.

Aus dem Englischen von Sandra Pontow.