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Ihre Daten oder Ihr Leben

LONDON – Apples neue Uhr zeichnet Ihre Gesundheitsdaten auf. Google Now sammelt die notwendigen Informationen, um den idealen Zeitpunkt für Ihre Abfahrt zum Flughafen zu berechnen. Amazon teilt Ihnen mit, welche Bücher Sie haben möchten, welche Lebensmittel Sie brauchen und welche Filme Ihnen gefallen werden – und verkauft Ihnen das Tablet, mit dem Sie diese und andere Dinge bestellen können. Wenn Sie sich Ihrem Haus nähern, wird das Licht eingeschaltet und das Haus stellt auch die von Ihnen gewünschte Raumtemperatur ein.

Diese Verschmelzung und Synthese von digitalen Diensten und Hardware ist dazu gedacht, uns das Leben zu erleichtern und das ist zweifellos auch gelungen. Aber haben wir aufgehört, sowohl uns selbst als auch den Firmen, denen wir die Erledigung dieser Dinge anvertrauen, grundlegende Fragen zu stellen? Haben wir den potenziellen Preis dieses Komforts und der Annehmlichkeiten in ausreichendem Maße berücksichtigt und uns gefragt, ob es das wert ist?

 1972 Hoover Dam

Trump and the End of the West?

As the US president-elect fills his administration, the direction of American policy is coming into focus. Project Syndicate contributors interpret what’s on the horizon.

Jedes Mal, wenn wir uns ein neues Gerät zulegen, geben wir ein kleines Stück von uns selbst preis. Wir tun das vielfach ohne genau zu wissen, an wen wir diese Informationen weitergeben, geschweige denn, ob wir Ethik und Werte dieses Unternehmens teilen. Wir haben vielleicht eine auf dem Ankreuzen diverser Kontrollkästchen beruhende Ahnung, was die Unternehmen hinter diesen bequemen Anwendungen mit unseren Daten machen, aber jenseits des Marketings sind die Menschen in diesen Organisationen gesichts- und namenlos. Wir wissen wenig über sie, dafür wissen sie bestimmt eine Menge über uns.

Noch vor einer Generation war uns die Vorstellung, dass Firmen über unseren Aufenthaltsort, unsere Unterhaltungsgewohnheiten oder den Inhalt unserer Krankenakte Bescheid wissen, ein Gräuel. Die Vielzahl der Details, die eine Person definieren, waren weit verstreut. Die Bank wusste etwas, der Arzt wusste etwas, die Steuerbehörde wusste etwas, aber sie standen untereinander nicht in Kontakt. Heute wissen Apple und Google alles und speichern die Daten an einem Ort, wo man sie immer parat hat.  Im Hinblick auf Zweckmäßigkeit ist das großartig. Weniger großartig ist es allerdings, wenn diese Unternehmen beschließen, diese Informationen in einer Art zu verwenden, der wir nicht aktiv zugestimmt haben. 

Wir haben durchaus Grund, das Urteilsvermögen der Firmen hinsichtlich der Verwendung dieser Daten zu hinterfragen. Ein Beleg dafür war die Reaktion auf die Nachricht, wonach Facebook die Newsfeeds der Menschen benutzte, um herauszufinden, ob die Einträge, die sie sich ansahen, deren Stimmung verändern konnte. Ich kann mich nicht erinnern, irgendwo ein Kästchen angekreuzt und somit meine Zustimmung gegeben zu haben. Kürzlich vergriffen sich Hacker an Fotos, die via Snapchat versandt wurden - ein Dienst, der in erster Linie von jungen Leuten in Anspruch genommen wird und wo versprochen wird, alle Bilder zu löschen, nachdem sie gesehen wurden.

In gleicher Weise wurden auch Gesundheitsdaten stets als Privatsache betrachtet, um Offenheit und Ehrlichkeit der Patienten gegenüber Mitarbeitern im Gesundheitswesen zu gewährleisten. Nun, da die Grenzen zwischen Gesundheitswesen und Technologiefirmen zu verschwimmen beginnen, lobbyieren manche Hersteller von tragbaren Computersystemen (so genannten „Wearables“) und der darauf installierten Software,  diese Produkte nicht als Medizinprodukte einzustufen - und somit von den regulatorischen Anforderungen hinsichtlich Zuverlässigkeit und Datenschutz auszunehmen.

Datenschutz ist nur ein Teil einer umfassenderen Diskussion hinsichtlich Dateneigentum, Datenmonopol, Sicherheit und Wettbewerb. Die Debatte dreht sich auch um Kontrolle und die Frage, wozu Daten bestimmt sind sowie um Wahlmöglichkeiten und die aktive Entscheidung, wie die Daten der Menschen genutzt werden und wie sie ihre eigenen Daten nutzen.   

Mündiger agierende Unternehmen haben schrittweise formale Protokolle eingeführt mit Ethikbeauftragten, Risikoausschüssen und anderen Strukturen zur Kontrolle hinsichtlich der gesammelten und verwendeten Daten - auch wenn sie dabei nicht immer erfolgreich (und oftmals auf den Ansatz Versuch und Irrtum angewiesen) waren.  Kleine neue Firmen verfügen möglicherweise weder über derartige Protokolle noch über die Mitarbeiter - unabhängige Vorstandsmitglieder beispielsweise - um derartige Strukturen zu etablieren. Kommt es zu schwerwiegenden ethischen Verfehlungen, nutzen viele Verbraucher den Dienst einfach nicht mehr, ungeachtet dessen, wie vielversprechend das Geschäftsmodell auch ist.

Uns gefallen neue Anwendungen und wir probieren sie auch aus. Damit öffnen wir den Zugang zu unseren Facebook- und Twitter-Konten ohne groß über die Migration unserer persönlichen Daten von Großunternehmen mit einem Mindestmaß an Aufsicht zu kleineren Firmen ohne strenge Strukturen oder Grenzen nachzudenken. Die Verbraucher glauben oder erwarten, dass irgendwer irgendwo ein Auge auf diese Daten hat, aber wer genau soll das sein?

In Europa ist die Gesetzgebung zum Schutz persönlicher Daten nicht umfassend und in großen Teilen der restlichen Welt fehlen sogar rudimentäre Sicherheitsvorkehrungen. Nachdem dieses Thema in den letzten Monaten mit Gesetzgebern mehrerer Länder erörtert wurde, steht eindeutig fest, dass viele keine lückenlose Vorstellung von den unzähligen Fragen haben, die es zu berücksichtigen gilt. Es handelt sich um ein schwieriges Thema und die Lösung der Probleme wird durch Lobby-Aktivitäten und unvollständige Informationen behindert.

Kurzfristig sollten junge Firmen ethische Fragen nicht als Marketing-Gag, sondern als Kernanliegen betrachten. Alle Unternehmen sollten in Ethikbeauftragte oder eine Art Überprüfungsprozess investieren, an dem Menschen beteiligt werden, die alle Folgen und Auswirkungen einer gut klingenden Idee abschätzen können. Die Gesetzgeber müssen sich selbst - und die Öffentlichkeit - informieren und stärkere Aufsicht walten lassen. Ebenso wie man das in vielen Ländern beispielsweise vor einer Generation in der Frage der Sicherheitsgurte im Auto machte, könnte eine öffentliche Sicherheitskampagne neue gesetzliche  Bestimmungen begleiten, um die zweistufige Authentifizierung zu erklären und zu fördern.

Auf längere Sicht werden wir uns wohl in Richtung des universellen Internetzugangs bewegen und dabei stellt sich die Frage: Wie viel sind wir bereit, von uns preiszugeben? Was passiert, wenn Einsichtnahme verpflichtend wird - wenn Zugang zum persönlichen Facebook-Konto Voraussetzung für den neuen Job ist oder wenn Gesundheitsdienstleistungen vorenthalten werden, solange der Patient keinen Einblick in seine Fitbit-Daten gewährt?  

Fake news or real views Learn More

Wenn das die Zukunft ist, die wir anstreben, sollten wir ihr in vollem Bewusstsein und mit Entschlossenheit entgegenschreiten und nicht ziellos dahindümpeln, bis wir in ein Loch fallen, hinaufsehen und uns wundern, wie wir da hineingekommen sind.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier