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Gesundheitssystem ohne Zucker

LAGOS – Bei einem Abendessens in einem Restaurant in Nigerias Hauptstadt Abuja habe ich ein ungleiches Paar beobachtet. Der Mann war mindestens 60 Jahre alt, hatte aber enge Jeans und ein hautenges, ärmelloses Hemd an und trug dazu eine dicke Goldkette und eine dunkle Sonnenbrille, obwohl es nach acht Uhr abends war. Seine Begleitung, nicht älter als 22, hatte drei Freundinnen mitgebracht. Sie versuchte, ihn in die Unterhaltung einzubeziehen und hat sich sogar ab und zu ihm gelehnt, um ihn zu küssen, aber das schwaches Grinsen ihres Sugardaddy konnte über sein wachsendes Unbehagen nicht hinwegtäuschen.

Natürlich sind derartige Beziehungen weder neu noch auf Nigeria beschränkt. Nur wenig Menschen sind schockiert, wenn sie einen wohlhabenden älteren Mann mit einer jüngeren, ärmeren Frau sehen, ihr verspricht, im Gegenzug zu ihrer Gesellschaft ihre Ausbildung, eine Reise oder ihre Einkäufe zu bezahlen. Überraschend wäre es vielmehr, wenn so eine Verbindung sich zu einer tiefen und dauerhaften Beziehung entwickeln würde.

Aleppo

A World Besieged

From Aleppo and North Korea to the European Commission and the Federal Reserve, the global order’s fracture points continue to deepen. Nina Khrushcheva, Stephen Roach, Nasser Saidi, and others assess the most important risks.

Die Beziehung zwischen Afrika und dem Westen, ganz besonders in Bezug auf das Gesundheitswesen, hat viel von dieser Sugardaddy-Dynamik. Jahrzehnte lang wurden Innovationen des Gesundheitswesens aus entwickelten Ländern kopiert, vielleicht mit geringen Abänderungen, in der Annahme, Papa weiß es am besten. Aber die Ergebnisse waren schwerfällig, teuer und fast nie nachhaltig.

Die Realität ist, dass sich Bedarf, Interessen und Ressourcen afrikanischer Länder erheblich von denen westlicher Länder unterscheiden. In den meisten europäischen Ländern zum Beispiel gibt es ca. 30 Ärzte pro 1000 Patienten, in Nigeria liegt der Betreuungsschlüssel bei ca. 4 zu 100.000. Angesichts dieser Diskrepanz ist es nicht überraschend, dass das medizinische Protokoll des Westens in den Entwicklungsländern nicht funktioniert.

Das Problem ist, dass der Glaubenssatz unerschütterlich zu sein scheint, Innovation bewege sich nur in eine Richtung, nämlich von Norden nach Süden. Aber Entwicklungsländer können dazu beitragen, die Gesundheitssysteme des Westens zu verbessern, die alles andere als perfekt sind (noch nicht einmal da).

Tatsache ist, dass die Bevölkerung der Industrienationen altert und die Kosten der Gesundheitssysteme völlig außer Kontrolle geraten. Aktuellen Schätzungen zufolge werden die gesamten Kosten des Gesundheitssystems der USA bis 2021 4,8 Billionen Dollar erreichen - fast ein Fünftel des BIP -, verglichen mit 2,6 Billionen Dollar 2010 und 75 Milliarden Dollar 1970. Gleichermaßen werden die Ausgaben für die Gesundheitssysteme in Europa von acht Prozent des BIP 2000 auf 14 Prozent im Jahr 2030 ansteigen.

Fortschritte in der Medizintechnik tragen auch erheblich zu der Zunahme der Gesundheitsausgaben bei, nämlich laut der Robert Wood Johnson Stiftung 38-65 Prozent. Die Technik eröffnet den Patienten zwar eine größere Behandlungsvielfalt, aber oft ersetzt sie preisgünstige Optionen durch teurere Leistungen. Kosteneffizientere Lösungen sind unbedingt erforderlich, um sicherzustellen, dass die Menschen lebensrettende Medizintechnik in Anspruch nehmen können.

Und da setzen die Innovationen der Entwicklungsländer an. Die immer weiter zunehmende globale Vernetzung hat die Innovationslandschaft neu definiert und verschafft jedem, der ein Mobiltelefon oder einen Internetanschluss hat, Zugang zu den Ideen und Ressourcen, die er benötigt, um bahnbrechende Systeme zu entwickeln. Dazu kommt der Druck der zu lindernden Not, der in den entwickelten Ländern nicht vorhanden ist, und die Entwicklungsländer können nicht nur ihre eigenen Gesundheitswesen revolutionieren, sie können auch dazu beitragen, Lösungen für die Notlage der Gesundheitssysteme der entwickelten Länder zu finden.

Die gute Nachricht ist, dass das Innovationspotenzial der Entwicklungsländer immer offenkundiger wird. Um die Beschränkungen zu überspringen, die ihnen die fehlende Infrastruktur ihrer Länder auferlegt, nutzen Afrikaner zunehmend mobile Technologien und erneuerbare Energien wie Solarenergie.

Im Zusammenhang mit dem Gesundheitswesen wäre da das mPedigree Network in Ghana zu nennen: das erste Unternehmen, das mobile Kurzcodesysteme einsetzt, um gefälschte Medikamente zu erkennen, die jeden Tag weltweit 2000 Todesfälle verursachen. Jeder kann sofort - und gratis - mit einem normalen Mobiltelefon nachprüfen, ob ein bestimmtes Medikament echt ist oder nicht. Oder der in Indien entwickelte Babyschlafsack Embrace Infant Warmer, der circa 200 Dollar kostet - verglichen mit den 2000 Dollar für einen herkömmlichen Brutkasten in den USA -, der Millionen von Frühchen und Neugeborenen mit niedrigem Geburtsgewicht Zugang zu einer lebensrettenden Ressource verschafft.

Hunderte von Innovationen dieser Art bieten denjenigen, die es am dringendsten brauchen, eine qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung zu einem Preis von 1 Prozent der Kosten in Amerika, Europa oder Japan. Diese Art von Innovation kann das Leben von Millionen Menschen in den Entwicklungsländern verbessern und gleichzeitig helfen, die eskalierenden Kosten der Gesundheitsversorgung im Westen zu reduzieren.

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Die Beziehungen zwischen Sugardaddies und ihren Begleiterinnen halten selten. Aber eine Partnerschaft auf Augenhöhe hat eine Chance. Es ist Zeit, dass die führenden Politiker der Welt und die multilateralen Organisationen das Potenzial Afrikas für Innovation erkennen und unterstützen - zum Wohle aller.

Aus dem Englischen von Eva Göllner