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Autopsien retten Kinderleben

SEATTLE – Daten sind heutzutage in einem solchen Überfluss vorhanden und zugänglich, dass wir uns daran gewöhnt haben, uns erst zu entscheiden, wenn wir so viele Fakten wie möglich gesammelt haben. Je wichtiger die Entscheidung, desto eifriger wollen wir sicherstellen, dass unsere Nachforschungen gründlich und unsere Informationen richtig sind.

Und trotzdem stehen uns für eine der wichtigsten Entscheidungen, die wir heutzutage zu treffen haben, nur sehr wenig Daten zur Verfügung. Als Teil der Nachhaltigen Entwicklungsziele, die von den Vereinten Nationen im vergangenen September verabschiedet wurden, hat sich die internationale Gemeinschaft verpflichtet, den vermeidbaren Todesfällen von Kindern unter fünf Jahren bis 2030 ein Ende zu bereiten. Und dennoch verfügen wir in den Regionen mit den höchsten Sterblichkeitsraten nicht über die grundlegendsten Informationen darüber, warum Kinder sterben. Wir wissen, dass Infektionskrankheiten die meisten Todesfälle verursachen, aber wir wissen nicht, welche. Wenn es darum geht, wie wir unsere Ressourcen am effektivsten einsetzen, sind wir praktisch mit Blindheit geschlagen.

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Seit 1990 haben wir die Kindersterblichkeit weltweit um die Hälfte verringert. Trotzdem sterben immer noch fast sechs Millionen Kinder in der afrikanischen Sahelzone oder in Südasien, Regionen mit wenig Ärzten und noch weniger Pathologen. Routinemäßige Untersuchungen der Todesursachen sind selten. In vielen Fällen gibt es nicht einmal eine Sterbeurkunde.

Wenn die Todesursache untersucht wird, geschieht dies fast ausschließlich durch eine „verbale Autopsie”. Eltern werden in der Regel drei Monate nach dem Todesfall zu den Umständen des Todes ihrer Kinder befragt. Selbst wenn sie berichten können, dass ihr Baby an schneller Atmung oder Durchfall litt, können sie die Ursache dieser Symptome nicht identifizieren.

Das Problem verschärft sich noch, wenn man die fast 45 Prozent der Todesfälle betrachtet, die sich im ersten Lebensmonat ereignen. In diesen Fällen wird als Todesursache meist einfach „neonataler Tod” vermerkt, ein Etikett, das keine weitere Angaben benötigt. Diese Information ist nutzlos und helfen anderen Familien nicht, Tragödien dieser Art zu verhindern.

Erfahrungen aus erfolgreichen Gesundheitskampagnen wie der Ausrottung der Kinderlähmung oder der Kontrolle von Ebola zeigen, dass frühe Fortschritte zwar relativ einfach zu erzielen sind, langfristige Ergebnisse aber einen enormen Aufwand und sehr genaue Überwachungsdaten erfordern. Und um genau diese wichtigen Informationen zu sammeln, wurde das CHAMPS-Programm zur Überwachung von Kindesgesundheit und zur Vorbeugung von Kindersterblichkeit ins Leben gerufen.

CHAMPS ist eine langfristig angelegte Initiative, die von dem Emory Global Health Institute geleitet wird, zu deren Partnern die internationale Vereinigung von nationalen Gesundheitsinstituten, US-Zentren zur Prävention und Kontrolle von Krankheiten und die Arbeitsgruppe für globale Gesundheit gehören. Geplant sind 20 Standorte in den Regionen mit der höchsten Kindersterblichkeitsrate.  Das wird es uns erlauben, die Krankheitsursachen genauer aufzuzeichnen und den Fortschritt von Impfkampagnen und anderen Maßnahmen zu verfolgen.

Diese Standorte werden anhand einer neuen Technik winzige Proben wichtiger Organe wie Leber oder Lungen mit einer Nadel entnehmen, wodurch der Körper eines verstorbenen Kindes nur minimal beschädigt wird. Diese Proben werden dann zur Analyse an lokale Labors und Referenzzentren geschickt, damit ein besseres Verständnis aller Todesursachen entsteht.

Es gibt viele mögliche Interventionen - wie zum Beispiel die Verabreichung von Folsäure zur Verhinderung von Geburtsfehlern, die Einführung von neuen Impfstoffen oder die frühere Behandlung von Infektionen -, von denen wir wissen, dass sie die Kindersterblichkeit verringern können. CHAMPS wird uns die Informationen liefern, die wir brauchen, um diese Maßnahmen zu priorisieren.

Zudem trägt jeder Standort dazu bei, die Kapazitäten der Gesundheitssysteme der jeweiligen Partnerländer zu stärken, da diese wertvolle Daten und technische Unterstützung liefern, deren Auswirkungen weit über die Reduzierung der Kindersterblichkeit hinausgehen. Die Überwachungszentren erzeugen zum Beispiel die Daten, die erforderlich sind, um Infektionskrankheiten zu bekämpfen, Seuchenfrühwarnsysteme einzurichten und allgemein die Gesundheit zu fördern.

Die CHAMPS-Initiative steht noch ganz am Anfang. Die Standorte, von denen sechs mit einer einmaligen Zahlung von 73 Millionen US-Dollar von der Bill- und Melinda-Gates-Stiftung für die ersten drei Jahre finanziert werden, befinden sich gerade im Aufbau. Es werden. weitere Partner und mehr Finanzmittel notwendig sein, um das Netzwerk zu vergrößern und es langfristig zu erhalten. Und es wird Zeit brauchen, bis die Nutzen klar werden.

Die ersten Ergebnisse sind ermutigend. Sorgen, dass Eltern einer Obduktion ihrer Kinder nicht zustimmen, haben sich als unbegründet herausgestellt. Im Gegenteil, unsere Erfahrung zeigt, dass Eltern ein großes Interesse daran haben, herauszufinden, warum ihre Kinder gestorben sind. An einem gut etablierten Pilotstandort in Soweto, Südafrika, kehren sowohl Mütter als auch Väter zurück, um die Testergebnisse zu erfahren, ein beispielloses Interesse.

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Ich glaube, dass die Arbeit von CHAMPS mehr bewirken wird, als alles, worin ich in den letzten 20 Jahren in der Gesundheitsarbeit involviert war. Durch die korrekte Verfolgung der Ursachen der Kindersterblichkeit können wir Behandlungen genauer abstimmen und ein neues Zeitalter einläuten - ein Zeitalter, in dem vermeidbare Todesfälle von Kindern der Vergangenheit angehören.

Aus dem Englischen von Eva Göllner.