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Hin zu einem neuen Goldenen Zeitalter des Islam

SCHARDSCHA – Die muslimische Welt hat in der Vergangenheit außergewöhnliche Beträge zu Wissenschaft und Bildung geleistet. Das „Goldene Zeitalter“ des Islam, als Gelehrsamkeit und Lernen in der gesamten muslimischen Welt blühten und gediehen, währte viele Jahrhunderte und beinhaltete unter anderem die Gründung der ersten Universitäten weltweit. Heute freilich hinken die Länder mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit der übrigen Welt in Bezug auf Bildung und Forschung deutlich hinterher. Dies muss sich ändern, wenn die Region ihrer schnell wachsenden Bevölkerung moderne Arbeitsplätze und ein besseres Leben bieten und mit der globalen Entwicklung Schritt halten will.

Derzeit findet sich nur eine einzige Universität der muslimischen Welt – die türkische Middle East Technical University – unter den Top-100 eines internationalen Rankings, und nur rund ein Dutzend wird in den Top-400 verschiedener anderer Ranglisten geführt. Zwar gibt es in den Naturwissenschaften und in Mathematik auf Hochschulebene keine international standardisierten Prüfungen, doch die Testergebnisse von Viert-, Acht- und Zehntklässlern in der muslimischen Welt liegen in diesen Fächern laut Trends in International Mathematics and Science Study und dem Program for International Student Assessment unter dem weltweiten Durchschnitt. Und die Kluft im Vergleich zu Schülern und Studenten anderswo vertieft sich.

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Zudem fallen die Forschungsergebnisse – gemessen anhand von Veröffentlichungen und Zitierungen in internationalen Fachzeitschriften sowie an Patenten – im Vergleich zur Bevölkerung und zu den finanziellen Möglichkeiten unverhältnismäßig gering aus. Muslimische Länder geben im Schnitt nur rund 0,5% ihres BIP für Forschung und Entwicklung aus, während der weltweite Durchschnittswert bei 1,78% vom BIP liegt und der OECD-Durchschnitt bei über 2%. Die Zahl der Beschäftigten in naturwissenschaftlichen Berufen liegt in der muslimischen Welt ebenfalls deutlich unter dem weltweiten Durchschnitt.

Vor achtzehn Monaten begann eine nicht staatliche, überparteiliche Arbeitsgruppe aus internationalen Experten – die von der Muslim World Science Initiative und der malaysischen Industry-Government Group for High Technology einberufen und von mir koordiniert wurde –, den traurigen Zustand der Wissenschaften in der muslimischen Welt zu untersuchen und zu ermitteln, wie Universitäten zu einer Verbesserung der Situation beitragen könnten. Ein besseres Verständnis der verschiedenen Probleme und ihrer möglichen Lösungen könnte er ermöglichen, dass die Wissenschaften in der muslimischen Welt einmal mehr gedeihen – mit weitreichendem Nutzen für ihre Volkswirtschaften und Gesellschaften.

Unsere Sichtung des Zustands der Wissenschaften an den Universitäten in der muslimischen Welt berücksichtigte nicht allein Budgets und Forschung, sondern auch Fragen wie den Status von Frauen in den Naturwissenschaften und naturwissenschaftlichen Berufen. Zudem führten wir eine gründliche Überprüfung der naturwissenschaftlichen Lehre an den Universitäten in der muslimischen Welt – die Erste ihrer Art – durch, und zwar unter Einschluss der pädagogischen Methoden, der Lehrbücher, der Unterweisungssprache, der Zensur „kontroverser“ Themen (wie der Evolutionstheorie) und der Rolle der Religion im naturwissenschaftlichen Unterricht.

In einem gerade veröffentlichten Bericht kommt die Arbeitsgruppe zu dem Schluss, dass sich – auch wenn der Gesamtzustand der Naturwissenschaften in der muslimischen Welt schlecht bleibt – eine Menge tun lässt, um ihn auf wirksame und wirtschaftliche Weise zu verbessern. Die Arbeitsgruppe bietet konkrete Empfehlungen für akademische Einrichtungen, nationale politische Gremien und andere Interessengruppen wie etwa naturwissenschaftliche Akademien, Branchenverbände und zivilgesellschaftliche Organisationen.

Ein wichtiges Ziel akademischer Einrichtungen sollte darin bestehen, die Fähigkeit der Studenten zu kreativem Denken und kritischem Hinterfragen auszubauen. Die Arbeitsgruppe empfiehlt daher, die Ausbildung von Studierenden mit naturwissenschaftlichem Schwerpunkt um Geistes- und Sozialwissenschaften, Sprachen und Kommunikationswissenschaften zu ergänzen. Zugleich fordert sie die Übernahme international bewährter Lehrmethoden, insbesondere „problemgestütztem” und „aktivem“ Lernen. Natürlich würde eine derartige Umstellung die Schulung der Professoren in diesen Methoden erfordern.

Die Professoren sollten zudem angeregt werden, Lehrbücher zu verfassen und Öffentlichkeitsarbeit im Bereich der Naturwissenschaften leisten, statt  nur wissenschaftliche Aufsätze zu publizieren. Diese Empfehlung mag überraschen angesichts der geringen Forschungsproduktivität der muslimischen Welt. Es ist jedoch eine Tatsache, dass derartige Bemühungen einen größeren praktischen Nutzen haben als eine einseitige Ausrichtung auf Veröffentlichungen, die unbeabsichtigt Plagiate und Minderwissenschaft fördern kann.

Die Arbeitsgruppe hat empfohlen, dass nationale politische Gremien den Universitäten mehr Freiraum für Innovationen (insbesondere beim Curriculum) und zur Entwicklung (bei Forschungsprogrammen und Kollaborationen) nach eigener Manier gemäß ihren jeweiligen Stärken und Schwächen gewähren sollten. Und sie ruft alle Einrichtungen dazu auf, Leistung zu fördern und auf Gimmicks wie die Bezahlung von „Kollaborationen“ zur Steigerung der Publikationszahl zu verzichten. Eine schnelle Verbesserung des Platzes auf Ranglisten ist längerfristig nie das Risiko einer Rufschädigung wert.

Diese Schritte erfordern ein Programm der Veränderungen von unten nach oben. Daher hat die Arbeitsgruppe nun Universitäten überall in der muslimischen Welt öffentlich aufgefordert, sich am Netzwerk NEXUS (Network of Excellence of Universities for Science) zu beteiligen. Diese Peer-Group aus universitären Verwaltungsmitarbeitern und Lehrkräften mit freiwilliger Mitgliedschaft wird von der Arbeitsgruppe beaufsichtigt und soll die die von ihr entwickelten Schritte umsetzen.

Dahinter steht die Hoffnung, dass, wenn die Bemühungen der ersten Gruppe von Universitäten beginnen, Früchte zu tragen, weitere Einrichtungen dazu stoßen werden. Die hieraus resultierende Dynamik wird Druck auf Ministerien, Aufsichtsbehörden und andere politische Gremien – die besonders veränderungsresistent sein können – ausüben, ergänzende Schritte einzuleiten.

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Universitäten sind Zentren der Forschung, des kritischen Denkens und lebhafter Debatten, in denen die kommende Generation nicht nur mit bestehenden Fakten und Theorien konfrontiert wird, sondern zugleich lernt, Ideen zu analysieren, ihre Schwachstellen zu ermitteln und dazu beizutragen, unseren Wissensschatz zu bereichern und auszuweiten. In einer Zeit, in der die muslimische Welt vor nie dagewesenen Herausforderungen steht, kann man die Wichtigkeit der Schaffung eines gesunden akademischen Umfeldes gar nicht überbetonen.

Aus dem Englischen von Jan Doolan