Die aufgegebene Renaissance des Islam

Es gibt ein beliebtes Kinderspiel, bei dem alle im Kreis sitzen und ein Kind seinem Nachbarn etwas zuflüstert. Dieser gibt die Informationen dann im Flüsterton an das nächste Kind weiter, und so fort, bis sie wieder beim Urheber angekommen ist. Zu diesem Zeitpunkt unterscheidet sich die Botschaft vollkommen von dem, was ursprünglich gesagt wurde.

Etwas Derartiges scheint auch mit dem Islam passiert zu sein. Der Prophet des Islam, Mohammed, brachte eine – und nur eine – Religion. Heute aber haben wir es mit vielleicht tausend Religionen zu tun, die alle von sich behaupten, der Islam zu sein.

Durch diese unterschiedlichen Interpretationen voneinander entfremdet, spielen die Muslime heute nicht länger jene Rolle in der Welt, die sie einst innehatten; stattdessen sind sie geschwächt und wurden in eine Opferrolle hineingedrängt. Das Schisma zwischen Schiiten und Sunniten ist so tief, das jede Seite die andere als Kafirs verurteilt, als vom Glauben Abgefallene. Die Vorstellung, dass es sich bei der Religion der jeweils anderen nicht um den Islam handelt und dass ihre Anhänger keine Muslime seien, war die Grundlage für mörderische Kriege, denen Millionen von Menschen zum Opfer fielen und noch immer zum Opfer fallen.

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