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Mehr Chancen für Europas Roma

BUDAPEST – Überall in Europa leiden Millionen von Menschen unter Arbeitslosigkeit und der Aussicht auf eine langen Phase wirtschaftlicher Stagnation. Keine Gruppe jedoch ist hiervon härter betroffen als die Roma.

Es leben mehr als zehn Millionen Roma in Europa. Diese konzentrieren sich überwiegend auf dem Balkan und in den neuesten Mitgliedsstaaten der Europäischen Union – insbesondere in Rumänien, Bulgarien, der Slowakei und Ungarn. Und das wirklich Schockierende ist, dass sich ihre Lebensbedingungen tatsächlich verschlechtert haben, seit viele von ihnen EU-Bürger geworden sind. Zugleich ist die Einstellung der Mehrheitsbevölkerung den Roma gegenüber fast überall in Europa feindseliger geworden.

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Diese beiden Trends verstärken sich gegenseitig: Marginalisierung führt zu Geringschätzung und umgekehrt. Es gibt aus dieser Falle kein Entkommen ohne Investitionen in die Bildung, die enorme gesellschaftliche Dividenden zahlen würden. Man beachte etwa, dass in den oben genannten Ländern mehr als 20% derjenigen, die neu in den Arbeitsmarkt eintreten, Roma sind.

Die gute Nachricht ist: Wir wissen, wie wir Roma-Kinder darauf vorbereiten können, produktive Mitglieder der Gesellschaft zu sein. Meine Stiftungen sind seit mehr als 25 Jahren in der Roma-Bildung aktiv. Während dieses Zeitraums haben wir eine kleine Kohorte junger Roma ausgebildet. Diese bewahren sich ihre Identität und schaffen es doch, die feindseligen Stereotype jener, mit denen sie Kontakt haben, zu durchbrechen.

Zusammen mit der Weltbank haben wir 2005 den Roma Education Fund gegründet. Der REF steht bereit, um die nationalen Bildungsbehörden der EU bei der Verbesserung ihrer Leistungen zur Ausbildung von Roma-Kindern zu unterstützen. Seine Programme erreichen derzeit jährlich mehr als 100.000 Schüler und Studenten, darunter mehr als 1600 Universitätsstipendiaten.

Doch sind diese Zahlen angesichts der Größenordnung des Problems jämmerlich unzureichend. Die Hälfte der Roma sind im Schulalter, und die Bevölkerung wächst schneller als die Kapazität des REF. Das Jahresbudget des Fonds beträgt lediglich 12 Millionen Euro, wovon meine Stiftungen fast die Hälfte übernehmen, und wir haben Schwierigkeiten, die zusätzlichen Mittel zu beschaffen. Das ist nicht hinnehmbar. Die vom REF entwickelten Programme sollten von den Regierungen – mit Hilfe der EU – ausgeweitet und allen Roma-Kindern in Europa verfügbar gemacht werden.

Die Europäische Kommission hat durch ihre Strukturfonds, die bis zu 80% der bei der Integration der Roma anfallenden zusätzlichen Kosten abdecken, eine hilfreiche Rolle gespielt. Leider sind die verbleibenden 20% aufgrund der weit verbreiteten Ablehnung der Roma in Europa schwer aufzubringen.

Um die negativen Stereotype zu durchbrechen, muss den Roma-Kindern beigebracht werden, ihr Roma-Erbe zu feiern und stolz darauf zu sein. Das ist, was der REF tut. Gebildete Roma passen nämlich nicht in die Stereotype und können sich also problemlos in die Mehrheitsbevölkerung einpassen. Doch die Feindseligkeit der Mehrheit bleibt. Würde man den vom REF entwickelten Ansatz allgemein übernehmen, würde dies einen großen Beitrag dazu leisten, die Stereotype zu durchbrechen.

Doch Bildung allein reicht nicht aus. Die Roma müssen auch in der Lage sein, eine Erwerbsbeschäftigung zu finden. Eine bleibende Lösung setzt voraus, dass Europa eine Roma-Arbeitnehmerschicht aufbaut. An dieser Stelle kommt der private Sektor ins Spiel. Die Experten der Europäischen Kommission und meiner Stiftungen entwickeln derzeit ein Musterprojekt, um an Berufsschulen eingeschriebenen Roma-Jugendlichen Praktika zu vermitteln.

Rumänien hat bereits ein ähnliches Programm für seine Mehrheitsbevölkerung, und Bildungsminister Remus Pricopie hat zugesagt, dieses für die Roma zu öffnen. Ich fordere andere Regierungen dringend auf, ähnliche Schritte zu ergreifen.

Seien wir ehrlich: Wir haben ein – sich verschärfendes – Roma-Problem in Europa. Doch sowohl das Problem selbst als auch seine Verschärfung spiegeln die toxische Kombination aus tief sitzender Feindseligkeit und ständiger Vernachlässigung wider.

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Tatsächlich beweisen die gebildeten Roma Europas tagtäglich, dass das Problem durchaus lösbar ist. Doch wird seine Lösung mehr als eine Generation erfordern, und Europa kann es sich nicht leisten, den wirtschaftlichen Aufschwung abzuwarten. Im Gegenteil: Angesichts der Zunahme seiner Roma-Bevölkerung ist Europas langfristiger Wohlstand davon abhängig, dass es die aktuellen Trends umkehrt – und damit sofort beginnt.

Aus dem Englischen von Jan Doolan