A television cameraman tests his equipment Paul J. Richards/Getty Images

Das falsche Narrativ der Realpolitik

GENF – Im Zeitalter polarisierender sozialer Medien und tendenziöser „Fake News” hat die Vorstellung, wonach „Taten mehr sagen als Worte“ ihre Gültigkeit verloren. Wie wir erneut feststellen, entfalten Worte im Zusammenhang mit Geopolitik sowohl machtvolle als auch problematische Wirkung. Die letzte Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York rief erneut in Erinnerung, dass Worten in der Diplomatie noch immer große Bedeutung zukommt.

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Viel Aufmerksamkeit zog eine Bemerkung des amerikanischen Präsidenten Donald Trump auf sich, wonach „wir keine andere Wahl haben werden als Nordkorea völlig zu zerstören“, sollte die Demokratische Volksrepublik Korea (DVRK) die USA oder ihre Verbündeten bedrohen. Tatsächlich herrscht unter den meisten Militärexperten Einigkeit, dass ein physischer Krieg auf der koreanischen Halbinsel die DVRK und mit ihr wohl auch Südkorea vernichten würde.

Andere Teile der Rede Trumps vor den Vereinten Nationen, insbesondere die Passagen über nationale Interessen und Souveränität, erfordern jedoch weitere Überlegungen. Trump macht kein Geheimnis aus seinem Wunsch „Amerika zuerst“ auf seine Agenda zu setzen und er bekräftigte dieses Bekenntnis auch auf dem UN-Podium. Dennoch drängte er auch andere Staats- und Regierungschefs, ihre Länder vorrangig zu behandeln. „Um die Gefahren der Gegenwart zu überwinden, und die Versprechen der Zukunft zu erfüllen, müssen wir mit dem Wissen der Vergangenheit beginnen“, wie er sagte. „Unser Erfolg ist abhängig von einer Koalition starker und unabhängiger Staaten, die ihre Souveränität hochhalten, um Sicherheit, Wohlstand und Frieden für sie selbst und für die Welt voranzutreiben.”

Daraus könnte man schließen, – und viele haben das auch getan - dass derartige Äußerungen auf die Wiederkehr der amerikanischen Hinwendung zur Realpolitik in internationalen Angelegenheiten deuten. Der Historiker John Bew beschrieb in seiner 2016 erschienenen Geschichte dieses Ausdrucks, dass diese Pendelbewegung zu erwarten gewesen sei: „Unsere außenpolitischen Debatten folgen gewissen Zyklen, im Rahmen derer politische Entscheidungsträger sich selbst für eher idealistisch oder eher realistisch erklären.“

Doch Bews Untersuchungen erinnern uns auch daran, dass es sich bei der singulären Verfolgung nationaler Interessen – jene Weltsicht, wie sie Trump vertritt -  überhaupt nicht um Realpolitik handelt, wenn sie von einer transformativen Idee oder einem normativen Zweck abgekoppelt ist. Die Trennung moralischer Bedenken von internationalen Angelegenheiten würde nur die USA und alle, die ihnen nacheifern, schwächen.

Das Konzept der Realpolitik entstand aus den uneinheitlichen Ergebnissen der Revolutionen in Europa im Jahr 1848, als die künftige Vereinigung Deutschlands zwar viele Arrangements zuließ, aber das übergeordnete politische Ziel – eine internationale Ordnung bestehend aus starken Nationalstaaten – klar war. Doch im Gefolge von Trumps Doktrin des „Amerika zuerst“ besteht die Herausforderung für die Welt von heute darin, zu erkennen, worin der Zweck des politischen Realismus besteht. 

Eine Antwort darauf wurde beim Jahrestreffen des Weltwirtschaftsforums (WEF) Anfang dieses Jahres in Davos gegeben. Dort verteidigte der chinesische Präsident Xi Jinping die Globalisierung in nachdrücklichen Worten und unterstrich seine Ansicht, wonach die Länder bei der Verfolgung nationaler Agenden die Ziele in „einen allgemeineren Kontext“ betten sollten und darauf „verzichten, ihre eigenen Interessen auf Kosten anderer zu wahren.“

Wenn nun die Staatschefs der beiden mächtigsten Länder der Welt hinsichtlich ihres Ansatzes im Bereich internationale Beziehungen so grundlegend unterschiedliche Ansichten haben, stellt sich die Frage nach den Aussichten für eine Stärkung der globalen Kooperation.

In der Geschichte wimmelt es von Beispielen für Konflikte, die ihren Ursprung darin haben, dass eine aufsteigende Macht den Einfluss und die Interessen eines vorherrschenden Landes infrage stellt. Während des Peloponnesischen Krieges ließen dem griechischen Historiker Thukydides zufolge „der Aufstieg Athens und die Angst, die das in Sparta hervorrief, einen Krieg unausweichlich werden.“ Wie China und die USA die von Graham Allison von der Universität Harvard als „Thukydides-Falle” bezeichnete Entwicklung vermeiden wollen, ist von ebenso großer Bedeutung für die Welt, wie zu gewährleisten, dass geostrategische Konflikte anderswo nicht zu Gewalt führen. 

Robert Sapolsky, Biologe an der Universität Stanford, argumentierte, dass sich Verhaltensdichotomien, die in einem Moment möglicherweise unausweichlich und höchst bedeutsam sind, unter den richtigen Umständen „im Handumdrehen auflösen” können. Für Sapolsky kann die in den 1950er Jahren von dem Psychologen Gordon Allport entwickelte „Kontakthypothese“ für eine Versöhnung unter Rivalen sorgen und ihnen helfen, die Kluft zwischen dem „Wir“ und dem „Sie“ zu überbrücken. Der „Kontakt“ – ob zwischen Kindern in einem Ferienlager oder zwischen Unterhändlern an einem Verhandlungstisch – kann zu größerem gegenseitigen Verständnis führen, wenn die Begegnung über längere Zeit erfolgt und auf neutralem Territorium stattfindet sowie ergebnisorientiert, informell und persönlich abläuft und Angst oder Konkurrenz vermeidet.  

Von entscheidender Bedeutung ist, was während dieser Begegnungen gesagt wird. Wie Wirtschaftsnobelpreisträger Robert J. Shiller anmerkte, sind Geschichten – ob nun wahr oder nicht – die Triebfeder größerer, insbesondere wirtschaftlicher Entscheidungen. In seiner Studie über „narrative Ökonomie” hebt Shiller hervor, welche Auswirkungen „virale“ Geschichten auf die Weltwirtschaft haben können. Er verweist darauf, dass die Entscheidungen und Beurteilungen des aktuellen Zeitgeschehens durch die Menschen teilweise auf Geschichten beruhen, die sie über vergangene Ereignisse gehört haben. So wird beispielsweise die globale Finanzkrise der Jahre 2007-2009 deshalb als „Große Rezession” bezeichnet, weil die traumatischen Schilderungen der Großen Depression in unserem kollektiven Gedächtnis fortbestehen. 

Wörter und Narrative beeinflussen internationale Angelegenheiten in ähnlicher Weise. Narrative, die als Reaktion auf nationale, regionale und globale Spaltungen entstehen – oder als deren Ergebnis – sind oftmals durch eine „Wir-Sie-Dichotomie” gekennzeichnet. Doch diese nationalen Narrative, so reizvoll sie für manche auch sein mögen, dürfen nicht mit Realpolitik verwechselt werden, da es ihnen an Innovation, Inspiration und Idealismus mangelt, die für einen tiefgreifenden Wandel notwendig sind.

Geschichten, in denen es darum geht, die einzigartigen Vorteile globaler Integration zu bewahren und gleichzeitig die gemeinsamen Verpflichtungen zu beschränken, können auf nationaler Ebene tatsächlich „viral“ werden, weil sich die Bürger nach responsiver Führerschaft sehnen, die sich lokaler und nationaler Anliegen annimmt. Doch eine gemeinsame Identität und ein kollektives Ziel bleiben trotz der Tatsache, dass wir im Zeitalter sozialer Netzwerke leben, schwer erreichbar.

Dieses Faktum alleine kann Regierungen nicht von ihren regionalen und globalen Verantwortungen entbinden. Die entstandenen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Brüche dürfen nicht zur Förderung von Intoleranz, Unentschlossenheit und Untätigkeit führen. Aus diesem Grund wird man beim nächsten Jahrestreffen des Weltwirtschaftsforums versuchen, die führenden Persönlichkeiten wieder für die Entwicklung eines gemeinsamen Narrativs zu gewinnen, das die Zusammenarbeit dieser und jeder künftigen Generation stärkt.   

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

http://prosyn.org/VkQO0bA/de;

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