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Die Gesundheitskosten der Umweltveränderung

OXFORD – In den vergangenen Jahren ist weltweit die Sorge um das Katastrophenpotential der Erderwärmung und anderer vom Menschen herbeigeführter Umweltveränderungen gestiegen, und zu Recht. Aber bisher wurde eines der ernsthaftesten Risiken ignoriert: das für die menschliche Gesundheit.

Natürlich ist die Sorge darum, was ein Anstieg der globalen Temperaturen über die vorindustriellen Werte für den Planeten bedeuten könnte, absolut berechtigt. Und viele sind verständlicherweise sehr beunruhigt, dass die Ärmsten der Welt unverhältnismäßig davon betroffen sind, während die USA, weltweit der zweitgrößte Erzeuger von Kohlendioxidemissionen, ihre Verantwortung anscheinend nicht wahrzunehmen gedenken.

Aber die gesundheitlichen Folgen der vom Menschen verursachten Umweltveränderung werden größtenteils übersehen, während die Lebensqualität zukünftiger Generationen für wirtschaftliche Gewinne verpfändet wird. Nirgendwo sind diese Zusammenhänge sichtbarer als in den Schwellenländern Afrikas, Asiens, Amerikas und Europas.

Schnelles Wachstum und steigende Einkommen haben zu beispiellosen Verbesserungen bei Ernährung, Bildung und sozialer Mobilität geführt. In den vergangenen 35 Jahren haben Länder wie Brasilien, Russland, Südafrika und die Türkei außerordentliche Fortschritte bei der menschlichen Entwicklung gemacht.

Aber dieser Fortschritt wurde oft ohne Rücksicht auf die Stabilität der Ökosysteme erzielt. Die Kontamination von rund der Hälfte der Trinkwasserversorgung, die Zerstörung von über 2,3 Millionen Quadratkilometern Wald seit 2000, Vermüllung, Artensterben, Zerstörung von Ökosystemen und Überfischung zerstören genau die Ressourcen, die wir brauchen, um zu überleben.

Die Menschen verändern die natürliche Umgebung derart dramatisch, und zu unserem eigenen Nachteil, dass Wissenschaftler bereits von einer neuen geologischen Epoche sprechen: dem „Anthropozän” – das um 1950 begann, und dessen Hauptmerkmal eine noch nie da gewesene Verschmutzung der Erde ist.

Das Symposium der Schwellenmärkte am Green Templeton College der Universität Oxford hat vor kurzem darauf hingewiesen, dass diese Veränderungen ernsthafte Folgen für die menschliche Gesundheit haben, besonders in den Schwellenländern. Das Symposium ist zu dem Schluss gekommen, dass bis zu einem Viertel der globalen Krankheitslast mit vom Menschen verursachten Umweltfaktoren in Zusammenhang zu bringen ist. Kinder unter fünf sind dem größten Risiko ausgesetzt, eine Krankheit zu erleiden, die durch schlechten Umweltschutz verursacht wird.

Die Reparatur der natürlichen Systeme der Erde und die Wiederherstellung der Gesundheit der schwächsten Gemeinschaften des Planeten ist möglich. Aber ein Erfolg ist nur möglich, wenn Umwelt-, Wirtschafts- und Sozialpolitik radikal verändert werden.

Länder, die sich früh entwickelt haben, vor dem Aufkommen der modernen Umweltwissenschaft, können zu Recht anführen, dass sie es nicht besser wussten. Erst als Wissenschaftler nachwiesen, dass beispielsweise Asbest krebserregend ist oder dass Wasser nicht durch bleihaltige Leitungen gepumpt werden darf, wurden Gesetze und Vorschriften erlassen, um diese Probleme in den Griff zu bekommen.

Aber heute können sich die Länder nicht mehr hinter dem Vorwand der wissenschaftlichen Ignoranz verstecken. Sogar Entwicklungsländer müssen wirtschaftliche Ambitionen mit dem vollen (oder zumindest teilweisen) Wissen um die Umweltfolgen von Wachstum vereinbaren. Führungspersönlichkeiten überall müssen darauf vorbereitet sein, Veränderungen in der Einstellung, dem Lebensstil und den Entwicklungsstrategien zu fördern. Und sie müssen größeres Gewicht auf die Entwicklungsziele legen, die Umwelt und öffentliche Gesundheit schützen.

Es wird schwierig sein, diese Anpassungen strukturell zu bewältigen und noch schwieriger, sie politisch durchzusetzen. In bestimmten Fällen wird das Wohlergehen des Planeten über nationale Interessen gestellt werden müssen. Aber nicht nur in den Schwellenländern, sondern überall muss erkannt werden, dass es keine Alternative gibt. Jahre des ungehinderten Wachstums sowie die falsche Annahme, die natürlichen Systeme könnten immer weiter geben, egal wie umfassend sie ausgebeutet werden, haben uns an diesen Punkt gebracht.

Aber es gibt auch gute Nachrichten. Strenger Umweltschutz ist kompatibel mit Wirtschaftswachstum, sozialem Fortschritt und politischer Stabilität. Das gilt sogar für die ärmsten Länder, die korrekten Umweltschutz betreiben und eine Politik verfolgen, die gesunde, nicht-destruktive Entwicklungsmodelle verfolgen.

Kurzsichtige Entscheidungen, wie die der Trump-Administration, sich aus dem Pariser Klimaabkommen zurückzuziehen, haben das Potential, die Welt in eine andere Richtung zu bewegen. Wir dürfen das nicht zulassen. Die verbleibenden Unterzeichner des Abkommens müssen zusammenarbeiten, die Umweltherausforderungen der Welt zu lösen und dabei besonders die gesundheitlichen Kosten der Passivität berücksichtigen. Die aktuelle Entwicklung kann nur korrigiert werden, wenn alle Länder akzeptieren, dass Wirtschaftswachstum und Umweltschutz koexistieren können.

Globale Foren wie der G20 und die Vereinten Nationen können eine Schlüsselfunktion bei der Förderung nachhaltiger Entwicklung übernehmen. Besonders Strategien, die Gesundheit und Wohlbefinden fördern, müssen besser in lokale, nationale und internationale Politik eingebunden werden.

Wir dürfen uns nicht der Illusion hingeben, entschlossene Gegner würden die wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht in Frage stellen und diejenigen nicht kritisieren, die aussprechen, dass die menschliche Gesundheit durch ein Missachten der Natur gefährdet wird. Aber diesen Kritikern stelle ich nur eine Frage: „Sind Sie bereit, zu riskieren, dass Sie im Unrecht sind?”

Aus dem Englischen von Eva Göllner.