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Drohnen für die Entwicklung

GENF – In den letzten Jahren haben unbemannte Luftfahrzeuge Fantasie und Albträume der Menschen auf der ganzen Welt bevölkert. Im April kündigte die US-Marine ein Versuchsprogramm namens LOCUST („Heuschrecke“, kurz für Low-Cost UAV Swarming Technology) an, mit dem man -  so das Versprechen offizieller Vertreter - „den Feind autonom überwältigen“ und „Matrosen und Marinesoldaten einen entscheidenden taktischen Vorteil“ verschaffen wird. Bei einem derartigen Namen und einer solchen Mission – und angesichts der durchwachsenen ethischen Bilanz des Drohnenkriegs – ist es kein Wunder, dass viele ein mulmiges Gefühl im Hinblick auf die fortgesetzte Verbreitung von Flugrobotern befällt.

Doch die industrielle Nutzung des bodennahen Luftraums wird anhalten. Jeden Tag nutzen mehr als drei Millionen Menschen das Flugzeug. Jede große menschliche Ansiedlung auf diesem Planeten ist mit den anderen über den Luftweg verbunden. DJI, ein chinesischer Hersteller von unbemannten Luftfahrzeugen, strebt einen Unternehmenswert von 10 Milliarden Dollar an.  Frachtdrohnen werden sich in den nächsten Jahren zu einer noch größeren Branche entwickeln, einfach weil sie ohne das zusätzliche Gewicht einer menschlichen Besatzung und deren lebenserhaltender Systeme bei gleicher Geschwindigkeit und Sicherheit kostengünstiger fliegen können.

Erdogan

Whither Turkey?

Sinan Ülgen engages the views of Carl Bildt, Dani Rodrik, Marietje Schaake, and others on the future of one of the world’s most strategically important countries in the aftermath of July’s failed coup.

In den reichen Ländern konzentrierte sich das erste Interesse an Frachtdrohnen auf die so genannte letzte Meile – quasi als Liefermethode für Luxusartikel auf den gepflegten Vorort-Rasen. Doch die größeren Chancen ergeben sich auf der mittleren Meile in ärmeren Ländern. Ungefähr 800 Millionen Menschen auf der ganzen Welt verfügen nur über eingeschränkten Zugang zu Notfalldiensten und das wird sich in absehbarer Zukunft auch nicht ändern, weil für den Straßenbau nicht genügend Geld vorhanden ist. Durch den Lufttransport von Gütern mittlerer Größe über mittlere Distanzen in viele dieser abgelegenen Orte können Drohnen Leben retten und Arbeitsplätze schaffen.

Frachtdrohnen verkörpern die „Wissenschaft der Lieferung” wie es Weltbank-Präsident Jim Yong Kim formuliert. Was wir zu liefern haben, wissen wir: die Lösungen für viele der drängendsten Probleme bestehen bereits. Die Frage lautet vielmehr, wie wir dies bewerkstelligen.

Um darauf eine Antwort zu finden, haben sich Humanisten, Roboteringenieure, Architekten, Logistiker und andere zu einer neuen Initiative namens Red Line zusammengetan. Dabei handelt es sich um ein in der Schweiz ansässiges Konsortium, das es sich zur Aufgabe gestellt hat, die Entwicklung von Frachtdrohnen für Notfälle zu fördern und die ersten Drohnenflughäfen der Welt zu errichten – in Afrika.

Das klingt nach technischem Utopismus – oder zumindest nach einer enormen Verschwendung von Ressourcen. Schließlich zeigen die Erfahrungen der erfolgreichsten Entwicklungsorganisationen, dass Skepsis durchaus angebracht ist, wenn es um die Möglichkeiten hochentwickelter Technologien geht, sinnvolle Änderungen für die Armen zu bewirken. Ja, die sinkenden Kosten der Rechenleistung schaffen neue Effizienz, insbesondere bei Smartphones und der damit zusammenhängenden Sky-Fi-Konnektivität. Doch zumeist sind Gadgets spaßorientierter Schnickschnack. Vielmehr sind es die langweiligen Inhalte wie kostengünstige Lehrerausbildung, kommunale Gesundheitsversorgung und Ausbildungsplätze, die greifbare Ergebnisse für die Armen bringen. 

Aus diesem Grund ziehen viele Entwicklungsexperten die „frugale Innovation“ der Technologie vor. Die in Bangladesch ansässige größte NGO im Entwicklungsbereich, BRAC, sorgt dafür, dass 1,3 Millionen Kinder Ein-Raum-Schulen besuchen – und dabei ist kaum ein Laptop in Sicht.

Warum sollte man also hinsichtlich Frachtdrohnen Optimismus zeigen? Im Silicon Valley trägt man sprachlich dick auf und spricht von einem „Umbruch”, aber ein Grund Frachtdrohnen zu befürworten besteht genau darin, dass sie diesen eben nicht bewirken. Vielmehr sind sie in der Lage, bestehende Vertriebsnetze in abgelegenen Gebieten Afrikas, Asiens und Lateinamerikas zu verbessern, wo Armut und Krankheit allgegenwärtig, die Entfernungen enorm, aber Straßen nicht vorhanden sind.

Frachtdrohnen eignen sich besonders gut für das so genannte Modell der Lieferung durch lokale Beauftragte. Unternehmen und Organisationen haben gezeigt, dass als Kleinunternehmerinnen geschulte Frauen in schwer zugänglichen Gebieten Afrikas und Asiens oft am besten in der Lage sind, die Belieferung mit lebensnotwendigen Gütern und Leistungen in ihren Dörfern zu übernehmen, auch wenn diese Frauen nur über eingeschränkte Lese- und Schreibfähigkeit sowie formale Bildung verfügen. Das auf Gemeindeebene tätige Gesundheitspersonal von BRAC beispielsweise arbeitet gänzlich auf Basis des Mikrofranchisings. Die Mitarbeiter verdienen ihr Geld durch Verkaufsmargen auf Produkte wie Entwurmungsmedikamente, Malaria-Präparate und Verhütungsmittel.

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Obwohl Frachtdrohnen den Transport auf dem Landweg nicht ersetzen werden, kann man damit sicherstellen, dass lebensnotwendige Güter und Dienstleistungen dort ankommen, wo sie gebraucht werden. Mobiltelefone hatten in Afrika derartigen Erfolg, weil die Technologie um so vieles billiger war als Investitionen in die Festnetz-Infrastruktur. Das Gleiche gilt heute für die Straßen Afrikas. Ebenso wie das Mobiltelefon kann sich auch die Frachtdrohne als äußerst rares Phänomen erweisen: nämlich als durchaus sinnvolles Gadget für diejenigen, die es am meisten brauchen.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier