hurricane aftermath Cedrick Isham Calvados/Getty Images

Den Klimawandel stören

DENVER – Nach einer Saison der Rekord-Hurrikans in den Vereinigten Staaten und der Überschwemmungen in ganz Asien könnte man aufgrund des sich beschleunigenden Tempos des Klimawandels leicht verzweifeln. Doch trotz apokalyptischer Vorzeichen bleibt eine Energietransformation, deren Ausmaß und Tempo ausreicht, um den weltweiten Temperaturanstieg einzudämmen, in greifbarer Nähe. Noch besser: wir müssen nicht auf neue Erfindungen warten, um die notwendigen Änderungen umzusetzen; diese Transformation kann jetzt stattfinden, angetrieben von den Märkten und mit rentablen Lösungen von Unternehmen.

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Eine Begrenzung des globalen Temperaturanstiegs auf 2 Grad Celsius über vorindustriellem Niveau – dem im Pariser Klimaabkommen des Jahres 2015 festgelegten Zielwert – erfordert eine sinkende Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen sowie Änderungen im Anbau von Nutzpflanzen, der Holzernte und der Landnutzung. Neue Forschungsarbeiten des Rocky Mountain Institute (RMI) zeigen, dass beides möglich ist und dass die Auswirkungen dieser Maßnahmen, den Klimawandel „positiv“ stören können.

Unseren Untersuchungen zufolge bestehen Wege hinsichtlich des künftigen Angebots und der Nachfrage nach Energie sowie der Kohlenstoffspeicherung in Wald und Boden. Werden diese Wege entsprechend beschritten, ist es möglich, das Tempo der Erwärmung dramatisch zu verlangsamen. Durch die Beschleunigung des bereits stattfindenden Übergangs zu sauberer Energie können die Treibhausgasemissionen unter jenen Wert gesenkt werden, der in Anbetracht aktueller Verbrauchsmuster zu erwarten wäre.

Dieses Szenario ist nicht so weit hergeholt, wie manche vielleicht glauben. Die Welt stellt bereits rascher auf sauberere Energie um - auf Elektromobilität sowie intelligentere Strom- und Landnutzungssysteme – als sich das irgendwer, einschließlich der Experten, vorgestellt hätte.

Und es geschieht nicht zum ersten Mal, dass das Tempo der Veränderung die Erwartungen übertrifft. Im Jahr 1980 beispielsweise beauftragte AT&T die Firma McKinsey & Company mit einer Prognose hinsichtlich der Zahl an Mobiltelefonen, die in den USA zwei Jahrzehnte später in Betrieb sein würden. Die Berater prognostizierten, dass es im Jahr 2000 auf dem US-Mobiltelefonmarkt etwa 900.000 Geräte geben würde. Tatsächlich aber wurden in besagtem Jahr 10 Millionen Mobiltelefone verkauft. Heute gibt es auf unserem Planeten mehr Telefone als Menschen.

Für Solar- und Windenergie liegen ebenso fehlerhafte Prognosen vor. Jahrzehntelang unterschätzten Experten der Internationalen Energieagentur und der US-Energieinformationsbehörde wie rasch das Angebot aus diesen Energieträgern anwachsen würde. Sie gingen stets von niedrigen Werten aus und korrigierten ihre Prognosen jedes Jahr nur leicht nach oben, ohne jemals die Realität erkannt zu haben. Aber mit den Innovationen im Bereich saubere Energie sanken auch die Produktionskosten für Wind- und Solarenergie. Die Energie wurde billiger und infolgedessen stieg der Verbrauch. In staatlichen Modellen sind derartig steigende Erträge typischerweise nicht berücksichtigt.

Ein weiterer Grund, warum die Geschwindigkeit des Übergangs im Energiebereich unterschätzt wird, besteht darin, dass wir es in diesem Fall mit einer anderen Größenordnung zu tun haben als bei früheren Umstellungen auf neue Technologien. Als man von der Holzverbrennung zur Kohleverbrennung überging und später zur Verbrennung von Öl kamen die „neuen” Energieträger aus riesigen Kapitalprojekten wie Kohlebergwerken, aus Offshore-Öl- und Gasfeldern und Raffinerien. Die hohen Kosten der Umsetzung dieser Projekte wurden dann an die Verbraucher weitergegeben.

Im Gegensatz dazu verfügen die Verbraucher auf den heutigen Energiemärkten über mehr Kontrolle. Man denke daran, wie einfach es ist, auf Hausdächern Sonnenkollektoren zu installieren; das lässt sich in einem Tag bewerkstelligen. Millionen kleiner Maschinen – Photovoltaik-Zellen, Windkraftanlagen, Batterien und intelligente Geräte – stehen heute hinter der Energietransformation. Jedes neue Gerät in diesem aufgeteilten System ist kostengünstig und macht sich rasch bezahlt, so dass Experimente erschwinglich sind und die Technologie rasch verbessert werden kann. Deshalb haben wir es mit einem riesigen Feld an globalen Wettbewerbern zu tun, die rascher Innovationen und neue Geschäftsmodelle anbieten, welche wiederum dazu beitragen, Skaleneffekte zu erzielen. 

Die Hardware der Revolution im Bereich saubere Energie hat mehr mit Mobiltelefonen und Laptops gemeinsam als mit Bergwerken und Raffinerien. Weil diese Hardware auf sehr großen Märkten mit skalierbaren Produktionsketten und sich weiter verfeinernden Technologien verkauft werden kann, geht der Übergang zu sauberer Energie schneller vonstatten als von vielen Experten vorausgesehen.

Dennoch wird auch eine noch raschere Umstellung auf „grünere“ Energie nicht reichen, um die weltweite Durchschnittstemperatur auf 2 Grad über dem vorindustriellen Niveau zu halten. Um das zu erreichen, müssen der Atmosphäre mehr Treibhausgase entzogen werden.

Glücklicherweise ist auch das möglich. Durch die Umsetzung von Strategien zur Kohlenstoffreduktion in Landwirtschaft und Landschaftspflege können mehr Treibhausgase in Wäldern und Böden gebunden werden. Doch obwohl es dazu bereits Methoden gibt, wird unter anderen die vermehrte Nutzung der Direktsaat, der Prinzipien der Permakultur und besseres Management von Feuchtgebieten sowie der Einsatz der Koppelwirtschaft erforderlich sein, um erfolgreich zu sein.   

Die Macht der Märkte, radikale Änderungen in den Bereichen Energie und Landnutzung herbeizuführen, ist durchaus groß, aber wie uns die Hurrikansaison 2017 in Erinnerung rufen sollte, erfordert die Klima-Notlage energische und dringliche Maßnahmen. Für eine Veränderung der Art und Weise, wie Menschen Energie gewinnen und verbrauchen und wie sie Land nutzen, wird es starke Anreize und politische Rahmenwerke brauchen, in denen der Kurs zum Erfolg festgelegt wird. 

Aber es besteht kein Grund zur Verzweiflung: wir haben noch Zeit, unser Klima zu retten. Der Übergang hat gerade erst begonnen – und er wird rascher über die Bühne gehen als von den meisten Menschen erwartet.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

http://prosyn.org/bk8XW4V/de;

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