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Antibiotika, die funktionieren

MEXIKO-STADT – Während des Zeitraums von der Entdeckung des Penicillins im Jahre 1928 bis zur Einführung der letzten wichtigen Gruppe von Antibiotika in den 1960er Jahren hat sich die Fähigkeit der Menschheit, pathogene Bakterien zu bekämpfen, grundlegend verändert. Doch im Laufe der Zeit hat sich die Anzahl der Antibiotika, auf die die Bakterien ansprechen, verringert, und einige Pathogene haben inzwischen Resistenzen gegenüber einigen oder allen bestehenden Medikamenten entwickelt. Infolgedessen werden einst behandelbare Infektionen inzwischen zunehmend wieder tödlich.

Schon jetzt führen Antibiotikaresistenzen zu schätzungsweise 700.000 Todesfällen pro Jahr, und die finanziellen Kosten dafür belaufen sich auf zweistellige Milliardenbeträge. Und je stärker Antibiotikaresistenzen unsere Fähigkeit zur Behandlung von Krebs, zur Durchführung von Organtransplantationen und zur Implantierung von Prothesen untergraben, desto stärker werden diese Zahlen steigen.

 1972 Hoover Dam

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Viele Faktoren tragen zur Zunahme der Antibiotikaresistenzen bei. Bakterien können sich rasch vermehren und mutieren, und sie können eine Art „genetisches Internet“ entwickeln, die es bestimmten pathogenen Bakterien ermöglicht, antibiotikaresistente Gene „herunterzuladen“. Zudem sind die meisten Antibiotika natürliche Produkte im Boden lebender Bakterien, bei denen Antibiotikaresistenzen auf natürliche Weise vorkommen können. Mit der massenhaften Einführung von vom Menschen produzierten Antibiotika wurden Bakterien mit derartigen Resistenzen zu den am stärksten verbreiteten Bakterien.

Heute setzen wir Menschen jährlich etwa 100.000 Tonnen Antibiotika frei. Wenn diese Antibiotika ordnungsgemäß verwendet würden und Leben retteten, könnte man vielleicht eine vernünftige Kosten-Nutzen-Analyse aufmachen. Doch rund 70% davon werden eingesetzt, um das Wachstum von Nutztieren geringfügig zu beschleunigen. Die übrigen 30% werden zwar zur Behandlung von Menschen verwendet, aber häufig  inkorrekt oder unnötig verschrieben. Und da ein wesentlicher Anteil der verwendeten Medikamente über das Abwasser und über Gülle in die Umwelt freigesetzt wird, werden die Bakterien im Boden, im Wasser und in Wildtieren ihnen ebenfalls ausgesetzt.

Wenn dieser Antibiotikamissbrauch nicht aufhört, werden wir bald keine Medikamente mehr zur Verfügung haben, um bakterielle Infektionen wirksam zu bekämpfen. Doch obwohl derzeit entsprechende Schritte ergriffen werden – auf einer hochrangigen UN-Tagung im letzten September wurden Vorschläge für einige internationale Maßnahmen vorgelegt –, reichen diese bei weitem nicht aus.

Was tatsächlich nötig ist, ist ein sofortiges weltweites Verbot der Nutzung von Antibiotika in der Landwirtschaft. Zudem müssen die Richtlinien für den klinischen Einsatz von Antibiotika, denen die medizinische Gemeinschaft derzeit so streng folgt wie den Regeln zur Auswahl einer Krawatte, überarbeitet und strikt durchgesetzt werden. Diese beiden Maßnahmen allein – die beide durch staatliche Regulierungsbehörden umgesetzt werden könnten – würden den Antibiotikaeinsatz um fast 80% verringern und so die Zunahme der Antibiotikaresistenzen erheblich verlangsamen.

Natürlich ist es nicht einfach, die Regierungen zur Umsetzung derartiger Maßnahmen zu bewegen, denn sie laufen mächtigen Wirtschaftsinteressen zuwider, am offensichtlichsten denen der Pharmaindustrie, die jährlich Antibiotika im Wert von 40 Milliarden US-Dollar absetzt. Während die großen Pharmakonzerne ein starkes Interesse am fortgesetzten Antibiotikamissbrauch haben, haben sie kaum Interesse an der Entwicklung neue Antibiotika, um medikamentenresistente Bakterien zu bekämpfen. Medikamente gegen chronische Erkrankungen und Krebs sind profitabler.

Daher bemühen sich die Pharmakonzerne um „Anreize“ für die Erforschung und Entwicklung neuer Antibiotika, zum Beispiel längere Patentlaufzeiten oder Steuererleichterungen. Die Alternative bestünde darin, astronomische Preise für neue Medikamente zu verlangen. Doch der Nutzen derartiger Anreize für die Pharmaunternehmen würde die Kosten der tatsächlich durchgeführten Forschungs- und Entwicklungsmaßnahmen deutlich überschreiten; es handelt sich dabei um Instrumente, um öffentliche Gelder in private Hände zu verschieben – und zwar genau jene Hände, die das Problem überhaupt erst verursacht haben.

Über all dieses Zuckerbrot hinaus sollte die Gesellschaft auch überlegen, ein paar Peitschen einzusetzen. Ich schlage eine Initiative vor, die Pharmaunternehmen anhand ihres Beitrags zur Lösung des Problems der Antibiotikaresistenzen zu bewerteten, wobei diejenigen, die keinen Beitrag leisten, durch Umsatzreduzierungen bestraft werden sollten. Ich nenne dieses Konzept NANBU (No Antibiotics, No Business, oder auf Deutsch: Keine Antibiotika, kein Geschäft).

NANBU würde den Unternehmen mit stringenten Forschungsprogrammen oder in der Entwicklung befindlichen neuen Antibiotika Punkte gewähren. Unternehmen, die keine Antibiotika für landwirtschaftliche Zwecke herstellen oder vertreiben oder sich weigern, Werbung für den Einsatz von Antibiotika bei Erkrankungen zu machen, bei denen derartige Medikamente unnötig sind, würden ebenfalls Punkte erhalten. Wer ein gegenteiliges Verhalten an den Tag legt, indem er Antibiotika als „Wachstumsförderer“ in der Nutztierhaltung vertreibt oder Ärzte aktiv ermuntert, die Medikamente zu verschreiben, würde Punkte verlieren.

Anfangs hätten praktisch alle Arzneimittelunternehmen negative Werte. Doch im Laufe der Zeit könnte man die Bewertungen anpassen, und zwar jeweils im Einklang mit den wissenschaftlich begründeten Ratschlägen einer Gruppe unabhängiger Experten. Die Bewertungen könnten dann als Leitfaden für Entscheidungen über den Arzneimittelkauf verwendet werden.

Für viele Arten einschlägiger Medikamente gibt es mehrere Alternativen mit ähnlichem Wirksamkeits- und Sicherheitsprofil, die von unterschiedlichen Unternehmen hergestellt werden. Daher könnten Ärzte überwiegend Medikamente der hoch bewerteten Unternehmen verschreiben und Medikamente von Unternehmen mit niedrigen Bewertungen meiden. Die Patienten könnten derartige Entscheidungen unterstützen und sich entsprechend verhalten, wenn sie rezeptfreie Arzneimittel kaufen. Im Laufe der Zeit könnten Antibiotika so wieder rentabler werden, weil engagierte Unternehmen mehr von ihren sonstigen Medikamenten verkaufen würden, und die Notwendigkeit kostspieliger Anreize würde abnehmen.

Der Schlüssel zum Erfolg von NANBU besteht darin, für ein allgemeines Verständnis der von Antibiotikaresistenzen ausgehenden Bedrohung zu sorgen und deutlich zu machen, was passieren muss, um dieser zu begegnen. Dies würde Patienten und Ärzten einen Anstoß geben, die NANBU-Bewertungen bei ihren Arzneimittelentscheidungen zu berücksichtigen und ihre Regierungen unter Druck zu setzen, noch stärkere Maßnahmen zu ergreifen. Der Einsatz einer öffentlichen Sensibilisierungskampagne zur Verstärkung des Drucks auf die Regierungen zur Verfolgung notwendiger, aber schwieriger Maßnahmen hat schon früher funktioniert – etwa bei der Förderung der Nachhaltigkeit im Bereich der Wälder und des Fischfangs.

Die öffentliche Sensibilisierung gehörte zu den bei der UN-Tagung herausgestellten Prioritäten. Um diese globale Anstrengung umzusetzen bedarf es allerdings einer neuen globalen Institution, die der Aufgabe wirklich gewachsen ist. Als internationale NGO wäre NANBU in der Lage, mit dem transnationalen Charakter der meisten Arzneimittelkonzerne zurechtzukommen, und wäre zugleich vor Lobbyismus oder politischem Druck auf nationaler Ebene geschützt.

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Antibiotikaresistente Bakterien stellen eine globale Bedrohung dar; daher ist ihnen durch nationale Maßnahmen allein nicht beizukommen. Die Welt muss gemeinsam denken und handeln, um die enormen Erfolge im Bereich der Gesundheit und des menschlichen Wohlbefindens zu erhalten, die uns die Antibiotika ermöglicht haben.

Aus dem Englischen von Jan Doolan