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Frauen und Entwicklung

KOPENHAGEN – Ein Mädchen, das in Südasien oder in Subsahara-Afrika auf die Welt kommt, hat mit einer grausamen doppelten Bürde zu kämpfen. Erstens wächst sie in einer von Armut, Krankheit, Krieg oder Hungersnot geprägten Region auf und muss diesen Herausforderungen mit dem zusätzlichen Nachteil begegnen, weiblichen Geschlechts zu sein.

Obwohl man der Gender-Frage heute mehr Aufmerksamkeit schenkt, bestehen Ungleichheiten in jeder Kultur, in jedem Land und auf jedem Kontinent weiter. Eine neue Studie des Projekts „Kopenhagen Konsens” zeigt, dass die Beseitigung dieser Benachteiligungen eine Investition mit hoher Rendite ist. 

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Trotz des weltweiten Interesses an Bildung für alle, wird vielen Mädchen in armen Ländern eine grundlegende Schulbildung weiterhin vorenthalten. Von Beginn an haben sie mit Benachteiligungen zu kämpfen. 60 Prozent aller Kinder weltweit, die nicht Lesen und Schreiben können, sind Mädchen. Vor allem in Südasien und Subsahara-Afrika sind kulturelle Normen und wirtschaftliche Härten dafür verantwortlich, dass Eltern ihre Töchter nicht in die Schule schicken oder sie die Schule nicht so lange besuchen lassen wie ihre Söhne. Diese ungleichen Investitionen sind weder gerecht noch effizient.

Eine naheliegende Lösung ist der Bau von mehr Schulen in Ländern, wo Mädchen und Jungen getrennt voneinander unterrichtet werden müssen. In armen muslimischen Ländern wie Pakistan, Jemen und Marokko ist getrennter Unterricht obligat, aber in vielen ländlichen Gegenden kann man sich nur eine öffentliche Schule leisten, die üblicherweise den Jungen vorbehalten ist. Theoretisch könnte man mit dem Bau von Schulen für Mädchen die Bildungskluft in diesen Regionen zur Hälfte schließen.

Anderswo ist weniger mangelndes Angebot das Problem. Stattdessen müssen politische Entscheidungsträger Wege finden, um für Eltern stärkere Anreize zu schaffen, ihre Töchter in die Schulen zu schicken. In Ländern, wo man die von den Familien zu tragenden Kosten für die Schulbildung der Mädchen durch kostenfreien Schulbesuch oder Stipendien für Mädchen gesenkt hat, verbesserte sich auch die Schulbesuchsrate von Mädchen.

Die Erfahrungen dieser wenigen Länder veranlassen uns, ein System vorzuschlagen, im Rahmen dessen Mütter Zahlungen erhalten, wenn sie zwischen der dritten und der neunten Schulstufe für den regelmäßigen Schulbesuch ihrer Töchter sorgen. Damit würde man die Schulbesuchsrate bei Mädchen erhöhen und gleichzeitig auch Mütter mit Geld ausstatten – ein wichtiger Aspekt, denn Studien belegen, dass dieses Geld in den Händen von Frauen eher zu positiven Entwicklungen in Ernährung und Gesundheit führen, als würde man dieses Geld Männern überlassen. Außerdem erfahren die Frauen dadurch in ihren Haushalten eine Stärkung ihrer Position. 

Die jährlichen Kosten pro Schülerin würden 32 Dollar betragen. Die Auszahlung dieser Summe an alle Mütter von dafür in Frage kommenden Töchtern würde in Subsahara-Afrika und Südasien pro Jahr 6 Milliarden Dollar kosten. Der Nutzen wäre durch höhere zukünftige Löhne und eine geringere Inanspruchnahme des öffentlichen Gesundheitswesens zwischen 3 und 26 Mal höher.

Für arme Frauen stellt die Schwangerschaft eine der gefährlichsten Phasen ihres Lebens dar: 99 Prozent jener  529.000 Frauen, die jährlich an Schwangerschaftskomplikationen sterben, leben in Entwicklungsländern. Massive Unterernährung und mangelnde Schwangerschaftsvorsorge stellen  für Mütter und Kinder ein schwerwiegendes Risiko dar. Würde man in Subsahara-Afrika und Südasien 3,9 Milliarden Dollar für Familienplanung und Gesundheitsinitiativen für Frauen wie Notfallverhütung bereitstellen, könnte man damit 1,4 Millionen Todesfälle bei Säuglingen und 142.000 schwangerschaftsbedingte Todesfälle bei Frauen verhindern. 

Die Bereitstellung reproduktiver Gesundheitsdienste für Frauen, die nicht für sich selbst aufkommen können, wäre ein Beitrag zur Vermeidung dieser Todesfälle. Allerdings dürfen solche Dienste nicht davor zurückschrecken, moderne Verhütungsmethoden zur Vermeidung ungewollter Schwangerschaften zu fördern und anzubieten. Beinahe 20 Prozent der Frauen in den Entwicklungsländern sagen, dass sie zwar keine weiteren Kinder haben möchten, aber auch keine Form der Verhütung oder Familienplanung anwenden. Möglicherweise deshalb, weil ihnen derartige reproduktive Gesundheitsdienste nicht zur Verfügung stehen. 

Bei Mädchen im Teenageralter sind frühe Heirat oder eine ungewollte Schwangerschaft typische Gründe, von der Schule abzugehen. Durch die Verschiebung von Eheschließung und Schwangerschaft auf einen späteren Zeitpunkt, könnten sie höhere Schulbildung und vielleicht auch größere Verdienstchancen sowie bessere Gesundheit, Bildung und Erfolg auf dem Arbeitsmarkt für ihre zukünftigen Kinder erlangen – Vorteile, die zehn Mal höher wären als die Kosten für die Bereitstellung reproduktiver Gesundheitsdienste.

Neben der Schulbildung gibt es auch andere Instrumente, die dabei helfen können, die Erwerbsfähigkeit von Frauen zu verbessern. Mikrofinanzierungsinstitutionen wie die Grameen Bank in Bangladesh spielen eine entscheidende Rolle, wenn es darum geht, selbstständig tätigen Frauen den Aufbau profitabler Unternehmen zu ermöglichen. Kleine Darlehen erlauben den Frauen, Kontrolle über vorhandene Bestände und Ressourcen im Haushalt ebenso zu erlangen wie mehr Autonomie und Entscheidungsfreiheit sowie einen verbesserten Zugang zur Mitbestimmung im öffentlichen Leben. Frauen kommen ihren Rückzahlungsverpflichtungen verlässlicher nach als Männer und geben ihre Einkünfte eher für die Gesundheit und Bildung ihrer Kinder aus.

Die politischen Entscheidungsträger sollten die Einführung von Mikrofinanzierungsprogrammen weiter erleichtern. Studien belegen, dass jeder Dollar eines Darlehens von einer Mikrofinanzierungsinstitution die Ausgaben eines Privathaushaltes im ersten Jahr um fast 10 Prozent erhöht und dass der Nutzen weitere 30 Jahre anhält.  Dieser Nutzen ist im Endeffekt geschätzte sechs Mal höher als die Kosten.

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Obwohl Frauen in fast allen Ländern das Wahlrecht haben, bestehen noch immer große geschlechtsbedingte Ungleichheiten hinsichtlich ihrer politischen Vertretung. Die Regierungen sollten auf lokaler Ebene Frauenquoten in Erwägung ziehen. Eine verbesserte politische Vertretung der Frauen mag nicht zwangsläufig zu einer stärkeren Betonung „weiblicher“ Prioritäten in der Politik führen, aber in Indien hat sich gezeigt, dass Gemeinderäte mit Frauenquoten in den Bereichen Trinkwasser, Durchimpfungsraten, Straßenbau und Korruption bessere Resultate aufweisen. Durch die Wahl von Frauen in politische Ämter entstehen vielleicht manche Nachteile, weil Frauen über weniger politische Erfahrung verfügen als Männer. Am Beispiel Indiens hat sich jedoch gezeigt, dass im Falle der Durchsetzung einer Frauenquote von 30 Prozent in lokalen Gremien innerhalb von 20 Jahren, der Nutzen mindestens doppelt so hoch ist, wie die dadurch entstehenden Kosten.    

Eine Frau zu sein, darf und sollte nicht eine der größten Herausforderungen im Leben sein.