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Impfstoffe gegen Superbugs

LONDON – Der Ausbruch des Zika-Virus hat wie Ebola davor wieder einmal gezeigt, wie gefährlich Infektionskrankheiten für die Gesundheit ganzer Länder sein können - und wie wichtig es ist, mit Impfungen gegen Epidemien zu kämpfen, die sich rasant ausbreiten. Es gibt tatsächlich bereits Bemühungen, Schutzimpfungen gegen beide Viren durchzuführen.

Aber Impfungen spielen auch eine wichtige Rolle beim Schutz gegen eine viel tödlichere und vorhersehbare Gefahr: arzneimittelesistente Erreger.

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Im Gegensatz zu den unvermittelt auftretenden und sich schnell verbreitenden Ausbrüchen wie der Zika-Epidemie ist die Antibiotikaresistenz wie ein Autounfall in Zeitlupe, der schon begonnen hat. Resistente Pathogene verursachen ungefähr 700.000 Todesfälle pro Jahr. Wenn wir die notwendigen Vorsichtsmaßnahmen nicht treffen, werden sie bis 2050 zehn Millionen Menschen töten.

Die Entwicklung neuer Antibiotika und die Einrichtung von Methoden, um die Lebensdauer von Medikamenten zu verlängern, helfen dabei, auch weiterhin wirksame Behandlungen anwenden zu können. Aber Impfungen sind eine einzigartige Gelegenheit, weil sie die Nutzung von Medikamenten einschränken. Weil die Anwendung (oder übermäßige Anwendung) von Antibiotika überhaupt erst zu der Medikamentenresistenz geführt hat, wird etwas von dem Druck auf die Forschung genommen, neue wirksame Medikamente zu entwickeln.

Leider ist die Bedeutung von Impfungen in diesem Bereich noch nicht ausreichend anerkannt. Also werden die Impfstoffe, die bei der Vermeidung antimikrobieller Resistenz verwendet werden können, nicht schnell genug entwickelt.

Die Entwicklung von Impfstoffen dauert lange, oft länger als zehn Jahre. Es ist ein sehr riskantes Unterfangen, der größte Teil der potenziellen Impfstoffe erreicht nie den Markt. Daraus folgt, dass viele Impfstoffe nicht vertrieben werden, auch wenn sie für die Gesellschaft nützlich wären.

Ganz konkret gibt es für keine der drei Resistenzbedrohungen, die die US-amerikanischen Zentren für Krankheitskontrolle und Prävention als „dringend” bezeichnen, Impfstoffe: Clostridium difficile, carbapenemresistente Enterobakterien und die medikamentenresistenten Neisseria gonorrhoeae. Und es befinden sich auch nicht genügend potenzielle Kandidatenimpfstoffe in der Phase der klinischen Studien.

Problematisch ist auch die Entwicklung von Impfstoffen gegen Tuberkulose oder - noch besorgniserregender - multiresistenter TB. Die Weltgesundheitsorganisation warnt bereits, das nachhaltige Entwicklungsziel, TB bis 2035 aus der Welt zu schaffen, könne nicht erreicht werden, wenn keine neuen Medikamente, besseren Diagnosen und besseren Impfstoffe entwickelt werden. Aber ein neuer Impfstoff ist noch lange nicht in Sicht, besonders angesichts der Tatsache, dass die Finanzierung von TB-Impfstoffforschung in den letzten Jahren zurückgegangen ist.

Noch nicht einmal bereits existierende Impfstoffe werden flächendeckend genug angewandt, um die Verwendung von und die Resistenz gegen Antibiotika zu bekämpfen. Jedes Jahr sterben mehr als 800.000 Kinder unter fünf Jahren an Infektionen, die durch das Bakterium Streptococcus pneumoniae hervorgerufen werden. Diese Todesfälle sind vollständig vermeidbar - durch eine Injektion, die es in vielen Teilen der Welt bereits gibt, einen kombinierten Pneumokokken-Impfstoff. Eine allgemeine Impfung würde Millionen von Menschenleben retten und 11,4 Millionen Anweindungstage von Antibiotika pro Jahr bei Kindern unter fünf Jahren verhindern. Auf ähnliche Weise könnte mit einer Rotavirusimpfung der Ausbruch von Durchfallerkrankungen verhindert werden, eine der Hauptursachen für Kindersterblichkeit in Entwicklungsländern und einer der Hauptgründe für die Verwendung von Antibiotika.

Impfstoffe spielen auch eine wichtige Rolle beim Schutz von Viehbestand und Fisch vor Infektionen und damit bei der Optimierung der Verwendung von Antibiotika in der Landwirtschaft - die zunehmend zu einer wichtigen Ursache für die wachsende Resistenz wird.

Die Maximierung des Impfstoffpotenzials zur Bekämpfung von Antibiotikaresistenzen erfordert daher eine breitere Anwendung existierender Impfstoffe für Mensch und Tier. Aber es geht auch um die Entwicklung neuer Impfstoffe, was kurzfristig durch einen 2-Milliarden-Dollar-Innovationsfonds für frühe Impfstoff-Forschung und andere mögliche Alternativen für Antibiotika ins Leben gerufen werden könnte.

Und in den Bereichen, in denen Forschung und Entwicklung keine attraktive Lösung ist, müssen Entwickler die Gelegenheit erhalten, für nützliche Produkte eine Rendite zu erhalten. Je nach den Merkmalen der einzelnen Produkte wären vorgezogene Marktverpflichtungen und Belohnungen für Markteintritte denkbar.

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Impfungen können potenziell einen enormen Einfluss auf die Medikamentenresistenz haben, wenn sie Teil einer allgemeinen Interventionsreihe zur Bekämpfung des Problems werden. Glücklicherweise wird das Bewusstsein diesbezüglich immer stärker.

Beim Weltwirtschaftsforum in Davos im vergangenen Monat haben sich 85 Unternehmen, einschließlich Impfstoffentwickler, große Pharmakonzerne, Diagnoseentwickler und Biotechfirmen verpflichtet, die Reduzierung von Medikamentenresistenz voranzutreiben. Und später in diesem Jahr wird das Thema auch bei der Weltgesundheitsversammlung, bei den G-7- und G-20-Gipfeln sowie bei der UN-Generalversammlung auf der Agenda stehen. Die Dynamik, die gerade im öffentlichen und privaten Sektor entsteht, sorgt für eine Gelegenheit, die wir nicht verpassen dürfen.