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Nicht nachhaltige Entwicklungsziele?

OXFORD – Von 2000 bis 2015 konzentrierte man sich mit den Millenniums-entwicklungszielen (MEZ) auf die weltweite Armut und verbesserte die Zukunftsaussichten der Menschen in manchen der ärmsten Länder der Welt. Die neuen globalen Zielsetzungen - bekannt als nachhaltige Entwicklungsziele (SDG) - sollen auf diesem Fortschritt aufbauen und nicht nur die Armut beseitigen, sondern auch eine Reihe anderer Herausforderungen in Angriff nehmen wie etwa die Verbesserung des Zugangs zu Bildung und den Umweltschutz. Doch diesmal ist man mit erheblichen Gegenwind konfrontiert.  

Die jüngsten geopolitischen Entwicklungen wie die Flüchtlingskrise im Nahen Osten komplizieren die Situation staatlicher Haushalte und mancher Regierungspläne. Rohstoffpreise sowie Investitionen in den Schwellenländern – Faktoren, die den Fortschritt der MEZ förderten – sind ebenfalls von einem Rückgang betroffen. Ohne mutige Innovationen wird sich die neue Entwicklungsagenda alles andere als nachhaltig gestalten.

 1972 Hoover Dam

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Derzeit werden die Hilfsbudgets der wichtigen Geberländer stillschweigend umgeschichtet. In den meisten Geberländern erfolgt diese Umleitung von Hilfsgeldern, um den Ansturm von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten, insbesondere aus Syrien, zu bewältigen. Überdies hat die Flüchtlingskrise auch innenpolitische Prioritäten verändert. In Schweden werden mittlerweile etwa 30 Prozent der Hilfsgelder für ankommende Flüchtlinge verwendet. In der Schweiz beträgt der entsprechende Wert 20 Prozent.

In den wichtigen Geberländern werden Hilfsgelder außerdem im Sicherheitsbereich eingesetzt, sie fließen in Anpassungs- und Linderungsmaßnahmen im Hinblick auf den Klimawandel oder sind für andere nationale Ziele vorgesehen. In Großbritannien beispielsweise erfolgte im Jahr 2015 im Rahmen einer neuen Hilfsstrategie eine Verlagerung in der Ressourcenallokation, wobei die Mittel jenen Prioritäten zugewiesen wurden, die deutlicher „im nationalen Interesse“ liegen.

Im Hinblick auf die Schwellenökonomien sieht es mit neuen Hilfsgeldern nicht mehr so vielsprechend aus wie noch vor fünf Jahren. Einer Schätzung zufolge stieg das chinesische Hilfsbudget von 630 Millionen Dollar im Jahr 2000 auf 14,4 Milliarden im Zeitraum von 2010 bis 2012. Doch der anhaltende wirtschaftliche Abschwung des Landes kündigt womöglich ein sich verlangsamendes Wachstum der Hilfsbudgets an. Und andere Schwellenökonomien werden diesen Rückgang wohl nicht wettmachen. Brasilien, das sich 2010 selbst als „aufstrebender Akteur im Bereich Entwicklungshilfe” pries, befindet sich ebenso wie Südafrika in einer wirtschaftlichen und politischen Krise.

Verschärft werden diese Herausforderungen für die Entwicklungsländer noch durch neue Finanzregulierungen in den Industrieländern, die den Zustrom an Investitionen und Finanzmitteln in die Entwicklungsländer behindern. Für eine weitere Schwächung der Einkommen der sich entwickelnden Volkswirtschaften sorgt ein weltweiter Rückgang der Nachfrage und ein Absturz der Rohstoffmärkte, der für die meisten Entwicklungsländer verheerende Wirkung hatte, wie Nobelpreisträger Angus Deatonzeigte. Und zu allem Überfluss schürt die in den  größten Volkswirtschaften angewandte expansive Geldpolitik auch die Instabilität. 

In diesem schwierigen Umfeld wird es monumentaler Anstrengungen bedürfen, die nachhaltigen Entwicklungsziele auch zu erreichen – was schon in guten Zeiten ein ehrgeiziges Unterfangen wäre. Um die Erfolgschancen zu maximieren ist es daher in erster Linie erforderlich, jeden Dollar für die Entwicklung so effizient wie möglich einzusetzen. Das bedeutet, die Art und Weise wie Hilfe geleistet wird, zu überdenken und einige unbequeme Fragen hinsichtlich des aufwändigen Netzes jener internationalen Agenturen zu stellen, die diese Hilfe leisten. Das bedeutet nicht zuletzt die Kosteneffektivität ihrer Aktivitäten zu hinterfragen.

Man denke an das Welternährungsprogramm (WEP), das im Juli 2015 ankündigte, man hätte keine andere Wahl als die Hilfe für syrische Flüchtlinge in Jordanien und im Libanon zu reduzieren – ein Schritt, der 440.000 Flüchtlinge in Gefahr brachte, ohne Nahrungsversorgung dazustehen und sie zu noch waghalsigeren Überquerungen des Mittelmeeres anspornte. Diese Entscheidung des WEP ist teilweise Ausdruck unzureichender Zuflüsse an Hilfsmitteln, könnte aber genauso gut in den Kosten begründet sein, die die Aktivitäten des WEP selbst verursachen. In einem OECD-Bericht über das WEP verweist man auf die „hohen Logistik-Kosten“ sowie auch auf „Fragen hinsichtlich internationaler Ausschreibungen“  als Faktoren, die die Effizienz beeinträchtigen.

Obwohl niemand einen direkten Vergleich des Preis-Leistungs-Verhältnisses zwischen WEP und anderen Anbietern in diesem Bereich anstellte, arbeiten manche andere Organisation durchaus höchst effizient. BRAC, eine als „größte NGO der Welt“ bekannte  Entwicklungsorganisation aus Bangladesch ist offenbar in der Lage, zu einem Bruchteil der Kosten, wie sie in westlich dominierten internationalen Organisationen entstehen, Hilfe anzubieten. 

Wie das britische Entwicklungshilfeministerium Department for International Development im Rahmen seiner Argumentation für eine strategische Partnerschaft mit dieser Organisation feststellte, agiert BRAC innovativ, um den spezifischen Bedürfnissen der Armen wirksamer entsprechen zu können. So leistete man beispielsweise Pionierarbeit beim Einsatz der Mobilfunk-Technologie im Gesundheitswesen und engagierte sich für die Auszahlung von Bargeld (oder die Bereitstellung von einkommenschaffenden Vermögenswerten) an Menschen in extremer Armut.

Bargeldtransfers sind dabei eine interessante Sache. Die Idee, den Bedürftigsten Geld zu geben, ist naheliegend und überzeugend. Doch lange Zeit stand ihr die viktorianische Überzeugung im Weg, Arme gehen zu sorglos mit Geld um und verschwenden es für Alkohol, Tabak und Glücksspiel.

Doch in Mexiko passierte das nicht, als man armen Familien Geld zukommen ließ. Vielmehr waren ihre Kinder am Ende ebenso wohlgenährt und gesund wie diejenigen, denen man im Rahmen eines Ernährungsprogramms half, dessen Verwaltungskosten um 20 Prozent höher lagen. Ähnliche Ergebnisse zeigten sich in Ecuador, Indien und Uganda sowie bei internationalen humanitären Hilfsprogrammen. Und aus einer Studie in Simbabwe geht hervor, dass Arme ihre finanziellen Zuwendungen für den Kauf von Waren und Dienstleistungen in ihrer Umgebung verwenden und damit auch für höhere Einkommen anderer sorgen.

Natürlich können nicht alle Hilfsleistungen durch Geldtransfers ersetzt werden. Aber in manchen Fällen bietet dieser Ansatz die Möglichkeit enormer Effizienzgewinne im Vergleich zu Hilfe, die über komplexe und kostenintensive Institutionen geleistet wird. Man stelle sich vor, wie es wäre, die Kosten für die Ausarbeitung aufwändiger Programme, Bedingungen, Überwachungssysteme und Ausbildungspläne für die Armen zu beseitigen. Man denke an ein WEP, das sich nicht mehr mit der Logistik, Beschaffung, Lagerung und Verteilung von 3,2 Millionen Tonnen Nahrungsmitteln beschäftigt und 120 Tage braucht, um Lebensmittel zu organisieren und sie in die Empfängerländer zu transportieren. Das WEP berichtet, dass man vermehrt auf Geldtransfers und Gutscheine setzt. Vielleicht sollte man Organisation drängen, hinsichtlich ihrer anderen Aktivitäten eine Rechtfertigung abzugeben und die Verwaltungskosten der Geldtransfers mit den entsprechenden Kosten bei BRAC vergleichen.

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In einem schwierigen wirtschaftlichen und geopolitischen Umfeld werden die nachhaltigen Entwicklungsziele nur dann zu erreichen sein, wenn wir aus jedem Dollar für multilaterale Entwicklungshilfe das meiste herausholen. Und das könnte bedeuten, den Bedürftigen viele weitere Dollars direkt zukommen zu lassen. 

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier