The Hwansong-15 missile which is capable of reaching all parts of the US KCNA/Getty Images

Einblicke in die nordkoreanische Bedrohung

PEKING – Nordkorea hat vor kurzem seine ballistische Rakete vom Typ Hwasong-15 getestet, die während ihres 53-minütigen Fluges eine Höhe von 4.475 Kilometern erreichte. Auf einer flacheren Flugbahn wäre Kim Jong-uns Regime in der Lage, die Ostküste der Vereinigten Staaten zu erreichen. Obwohl noch nicht bewiesen ist, dass die Raketen in der Lage sind die Reibungshitze beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre zu überstehen, hat Nordkorea verkündet, dass das nukleare Raketenprogramm erfolgreich abgeschlossen und es nun eine Atommacht sei.

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Wie andere US-Präsidenten vor ihm, hat Donald Trump diese Situation für nicht hinnehmbar erklärt. Was nun?

Bevor wir uns der Politik zuwenden, ist es wichtig mit einigen Mythen aufzuräumen, die einer klaren Analyse im Wege stehen. Erstens mag Kim ein grausamer Diktator sein, aber er ist weder verrückt, noch lebensmüde. Bislang hat er die USA in diesem Spiel, in dem hoch gepokert wird, übertrumpft, aber er ist sich darüber im Klaren, dass ein nuklearer Schlagabtausch mit den USA das Ende des Regimes bedeutet, das er zu erhalten versucht.

Zweitens haben sich die USA durch Kims Übertreibungen, wie viel Macht ihm seine Raketentechnik verleiht, zu einem verbalen Schlagabtausch hinreißen lassen. Schließlich ist Nordkorea seit mehr als einem Jahrzehnt im Besitz von Atomwaffen, die auf anderem Wege in US-Häfen an der Ost- oder Westküste gelangen könnten, etwa im Laderaum eines Frachters.

Drittens verschaffen geografische Gegebenheiten Nordkorea in diesem Spiel mit dem Feuer Dominanz über eine lokale Eskalation des Konflikts. Mit tausenden von Artilleriegeschützen, die in einem Tunnelsystem in Grenznähe versteckt sind, kann Nordkorea drohen, Südkoreas nahegelegene Hauptstadt Seoul mit konventionellen Waffen ins Chaos zu stürzen. Das haben die USA 1994 herausgefunden – lange bevor Nordkorea im Besitz von Atomwaffen war – als sie einen Präventivschlag gegen die Nuklearanlagen in Yongbyon und damit die Wiederaufbereitung von Plutonium planten, nur um festzustellen, dass ihre Verbündeten in Südkorea (und Japan) vor der Gefahr konventioneller Vergeltungsschläge zurückscheuten.

Auf politischer Ebene hat China einen „Freeze for a Freeze“-Kompromiss vorgeschlagen, um die nuklearen Ambitionen des Nordens zu kontrollieren: Nordkorea würde alle Atom- und Raketentests aussetzen (was einfach zu überprüfen wäre). Damit würde Nordkorea zwar sein Status als Atommacht nicht wieder genommen, aber die Entwicklung seines Arsenals würde verlangsamt. Im Gegenzug würden die USA die jährlich stattfindenden gemeinsamen Militärmanöver mit Südkorea aussetzen. Die USA würden sich vorbehalten die Manöver wieder aufzunehmen, falls Nordkorea gegen das Testverbot verstößt oder Kernmaterial exportiert.

Einige halten das für einen guten Kompromiss, doch es kommt darauf an, wie man Kims Zielsetzungen beurteilt. Wenn es ihm ausschließlich um Sicherheit ginge, könnten wir ihn in Ruhe lassen, vielleicht einen Friedensvertrag unterzeichnen, die Sanktionen lockern und es ‒ wie in China ‒ dem Wirtschaftswachstum überlassen, im Lauf der Zeit eine Veränderung des Regimes zu bewirken.

Aber Nordkorea unter der Kim-Dynastie ist keine Macht, der es um den Status quo geht. Sie ist seit 1945 ein Kuriosum: eine kommunistische Erbdiktatur, deren Legitimität auf ihrer Behauptung beruht, oberster Verfechter des koreanischen Nationalismus zu sein. Bislang ist Nordkorea im wirtschaftlichen Wettbewerb mit dem Süden ins Hintertreffen geraten, hofft aber, dass sich dieses Verhältnis durch seinen Status als Atommacht verändern wird.

Wie Sung-Yoon Lee von der Tufts University unlängst gewarnt hat „stellt eine Bedrohung der USA eine unverzichtbare Möglichkeit für den Norden dar, Seoul zu isolieren und seiner Überlegenheit Geltung zu verschaffen. Auf diese Weise will Kim Jong-uns Regime sein langfristiges Überleben sichern“.

Wenn eine Schwächung der Beziehungen zwischen den USA und Südkorea für Kims Strategie von zentraler Bedeutung ist, spielt ihm Chinas „Freeze for Freeze“-Vorschlag in die Hände. Die Gefahr könnte eher noch wachsen, sollte sich Nordkorea ermutigt fühlen, erneut mit konventionellen Waffen Druck auf Südkorea auszuüben; wie 2010, als es eine südkoreanische Korvette versenkt ‒ 46 Matrosen kamen beim Untergang ums Leben ‒ und südkoreanische Inseln beschossen hat.

Die politischen Optionen der USA sind begrenzt. Eine ist der begrenzte Einsatz militärischer Mittel. Generalleutnant H. R. McMaster, Trumps Nationaler Sicherheitsberater, wurde mehrfach mit den Worten zitiert, ein Präventivkrieg könne notwendig sein, wenn die diplomatischen Bemühungen scheitern. Aber würde ein begrenzt angelegter Militärschlag in Form eines Angriffs auf die Führungsstrukturen oder einer Zerstörung der Raketen auch begrenzt bleiben? Wenn nicht, könnten zehntausende oder sogar noch viel mehr Menschen ums Leben kommen.

Sanktionen sind nach wie vor eine Option, haben aber bislang nicht genügend Druck aufgebaut, um das Kim-Regime zur Aufgabe seines entscheidenden strategischen Vorteils zu bewegen. Chinesische Diplomatie und Sanktionen sind ebenfalls entscheidend, aber bislang übt sich China in Zurückhaltung und exportiert weiter Nahrungsmittel und Treibstoff. China kann Kim nicht leiden, will aber kein Chaos – und keine Amerikaner – an seinen Grenzen.

Ein mögliches Paket könnte an die sogenannte GRIT-Methode aus dem Kalten Krieg zum schrittweisen Abbau internationaler Spannungen angelehnt sein: Die USA sichern China zu, dass sie begrenzte Ziele verfolgen und vereinbaren, ihr Vorgehen mit den Chinesen abzustimmen. Keine weiteren Märsche von Amerikanern zum Yalu-Grenzfluss, die 1950 der Startschuss für Chinas Intervention in den Koreakrieg waren. Im Gegenzug wird China wirtschaftlichen Druck ausüben und mit diplomatischen Mitteln die unmittelbare Bedrohung durch nordkoreanische Tests einfrieren, aber nicht darauf pochen, dass US-Truppen untätig bleiben.

Ob in Zukunft auf US-Manöver verzichtet werden kann, wäre vom Verhalten Nordkoreas gegenüber Südkorea abhängig. Die USA würden anbieten einen Friedensvertrag zu verhandeln, nachdem Nordkorea in eine Entspannungspolitik gegenüber Südkorea einwilligt. Die USA und China würden Nordkoreas de facto Status einer Atommacht akzeptieren, aber gemeinsam ihr langfristiges Ziel einer atomfreien koreanischen Halbinsel bekräftigen. Nordkorea willigt ein Tests und alle weiteren Exporte von nuklearem Material einzustellen. China droht mit Lebensmittel- und Treibstoffsanktionen, falls Nordkorea tricksen oder Vertragsbruch begehen sollte.

Die Chancen für ein derartiges Paket mit China im Zentrum stehen nicht besonders gut. Und wenn es scheitert, sollten die USA nicht in Panik geraten. Wenn sie eine weitaus stärkere Sowjetunion drei Jahrzehnte lang davon abhalten konnten, ein isoliertes West-Berlin zu erobern, können sie Nordkorea abschrecken. Die USA sollten ihre Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeit durch ihre Bündnisse mit Südkorea und Japan verstärken. Die Präsenz von annähernd 50.000 US-Soldaten in Japan und rund 28.000 in Korea sorgt für eine glaubhafte erweiterte Abschreckung. Kim kann keine Südkoreaner oder Japaner töten, ohne Amerikaner zu töten, und das würde, wie er sicherlich weiß, das Ende seines Regimes bedeuten.

Aus dem Englischen von Sandra Pontow.

http://prosyn.org/RyPxEnC/de;

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