21

Trumps aufziehender Handelskrieg

NEW HAVEN – Der designierte US-Präsident Donald Trump hat im Wahlkampf den Außenhandel in seiner vorgeblichen Verteidigung der unter Druck stehenden amerikanischen Mittelschicht als Blitzableiter benutzt. Dies ist keine ungewöhnliche Taktik für Kandidaten an beiden Enden des politischen Spektrums. Was ungewöhnlich ist, ist, dass Trump seinen handelsfeindlichen Ton seit seinem Wahlsieg nicht gemäßigt hat. Stattdessen hat er noch nachgelegt und eine Salve früher Warnschüsse abgefeuert, die sich in einen ausgewachsenen Handelskrieg verwandeln könnten – mit katastrophalen Folgen für die USA und die übrige Welt.

Man denke etwa an Trumps zentrale Personalentscheidungen. Der Industrielle und designierte Handelsminister Wilbur Ross hat lautstark seinen Wunsch geäußert, Amerikas „dumme“ Handelsabkommen zu kündigen. Peter Navarro, Wirtschaftsprofessor an der University of California in Irvine, wird Direktor des Nationalen Handelsrates – einer neu einzurichtenden politischen Koordinierungsstelle des Weißen Hauses, die dem Nationalen Sicherheitsrat und dem Nationalen Wirtschaftsrat gleichgestellt sein wird. Navarro ist einer der extremsten „China-Falken“ Amerikas. Die Titel seiner beiden zuletzt erschienenen Bücher – Death by China (2011) und Crouching Tiger: What China’s Militarism Means for the World (2015) – sprechen Bände über seine auf Niveau der Boulevardpresse angesiedelten Vorurteile.

Ross und Navarro waren zudem Co-Autoren eines auf Trumps Wahlkampfwebsite veröffentlichten Positionspapiers, das jeden Anschein von Glaubwürdigkeit strapaziert. Nun erhalten sie Gelegenheit, ihre Ideen in die Praxis umzusetzen. Und tatsächlich hat dieser Prozess bereits begonnen.

Trump hat deutlich gemacht, dass sich die USA unter ihm sofort aus der Transpazifischen Partnerschaft (TPP) zurückziehen werden; dies steht im Einklang mit Ross’ Kritik an Amerikas Handelsabkommen. Und seine kaltschnäuzige Bereitschaft, die 40 Jahre alte Ein-China-Politik in Frage zu stellen, indem er direkt mit der taiwanesischen Präsidentin Tsai Ing-wen telefonierte – von seinen anschließenden chinafeindlichen Twitter-Kommentaren gar nicht zu reden – lässt kaum Zweifel, dass seine Regierung Navarros Rezept folgen und Amerikas größten und mächtigsten Handelspartner unmittelbar ins Visier nehmen wird.

Natürlich könnte das selbsternannte Verhandlungsgenie Trump hier einfach den starken Mann geben, um China und der Welt zu zeigen, dass die USA nun bereit sind, im Bereich des Außenhandels aus einer Position der Stärke zu operieren. Ein kühnes Eröffnungsgambit, so wird argumentiert, klopfe den Gegner für ein verträglicheres Endspiel weich.

Doch während Trumps starke Worte bei den Wählern unzweifelhaft gut ankamen, halten sie der Realität in einem wichtigen Punkt nicht stand: Amerikas großes Handelsdefizit – eine sichtbare Manifestation seiner geringen Ersparnisse – stellen schon die Vorstellung wirtschaftlicher Stärke in Frage. Das hohe inländische Spardefizit der USA erklärt deren unersättlichen Hunger nach Ersparnisüberschüssen aus dem Ausland, der wiederum ein chronisches Leistungsbilanzdefizit und ein enormes Handelsdefizit erzeugt.

Versuche, dieses makroökonomische Problem nach und nach durch bilaterale Verhandlungen zu lösen, können unmöglich Erfolg haben: Die USA wiesen 2015 Handelsdefizite gegenüber 101 Ländern auf. Eine bilaterale Lösung für ein multilaterales Problem kann es nicht geben. Die Vorstellung erinnert an die Geschichte von dem holländischen Jungen, der einen löchrigen Deich am Bersten hindert, indem er seinen Finger in ein Loch im Deich stopft. Solange man nicht die Quelle des Problems – einen Mangel an Ersparnissen, der sich angesichts der unvermeidlichen Ausweitung der Haushaltsdefizite des Bundes unter Trump noch vergrößern dürfte – in Angriff nimmt, werden sich Amerikas Leistungsbilanz- und Handelsdefizite nur weiter erhöhen. Druck auf China auszuüben würde nur dazu führen, das Ungleichgewicht beim Handel auf andere Länder zu verlagern, und zwar höchstwahrscheinlich hin zu Produzenten mit höheren Kosten, was für klamme amerikanische Familien einer Preiserhöhung auf ausländische Waren gleichkäme.

Doch damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Die Trump-Administration spielt mit scharfer Munition, was profunde globale Rückwirkungen impliziert. Dies zeigt sich nirgends deutlicher als bei der vermutlichen chinesischen Reaktion auf die Art und Weise, in der Amerika neuerdings die Muskeln spielen lässt. Das Trump-Team tut Chinas Reaktion auf seine Drohungen geringschätzig ab; es glaubt, dass die USA nichts zu verlieren und eine Menge zu gewinnen haben.

Nur leider trifft dies möglicherweise nicht zu. Ob es einem gefällt oder nicht: Amerika und China sind in einer kodependenten Wirtschaftsbeziehung gefangen. Zwar ist China von der US-Nachfrage nach seinen Exporten abhängig, doch die USA sind zugleich von China abhängig: Die Chinesen halten US-Schatzanleihen und andere auf US-Dollar lautende Vermögenswerte im Wert von über anderthalb Billionen Dollar. Zudem ist China Amerikas drittgrößter (nach Kanada und Mexiko) und zugleich wachstumsstärkster Exportmarkt, was für die wachstumsschwache US-Wirtschaft alles andere als unwichtig ist. Es ist töricht, zu glauben, dass Amerika in dieser bilateralen Wirtschaftsbeziehung alle Trümpfe in der Hand hält.

Eine Kodependenz ist eine sehr reaktive Verbindung. Wenn ein Partner die Grundsätze der Zusammenarbeit ändert, wird der andere das vermutlich auch tun. Wenn die USA auf China losgehen, wie Trump, Navarro und Ross das seit langem propagiert haben und nun zu tun scheinen, müssen sie auch mit den Folgen leben. An der Wirtschaftsfront bedeutet dies die Möglichkeit chinesischer Zölle auf US-Exporte nach China sowie potenzielle Konsequenzen für den chinesischen Kauf von US-Schatzanleihen. Und auch andere Länder, die durch globale Lieferketten eng an China gebunden sind, könnten durchaus Kompensationszölle verhängen.

Globale Handelskriege sind selten. Doch sie beginnen wie militärische Konflikte häufig mit nebensächlichen Geplänkeln oder Missverständnissen. Vor über 85 Jahren feuerten der US-Senator Reed Smoot und der Abgeordnete im Repräsentantenhaus Willis Hawley den ersten Schuss, indem sie das US-Zollgesetz von 1930 auf den Weg brachten. Dies führte zu einem katastrophalen globalen Handelskrieg, der nach Ansicht vieler eine schwere Rezession in die Große Depression verwandelte.

Es ist der Gipfel der Torheit, die Lehren der Geschichte zu ignorieren. Was die heutige, an einem Ersparnismangel leidende und zu Haushaltsdefiziten neigende US-Volkswirtschaft angeht, so wird es deutlich mehr erfordern als auf China einzuprügeln, um Amerika wieder groß zu machen. Den Handel zu einer wirtschaftlichen Massenvernichtungswaffe umzufunktionieren könnte sich als politische Fehlleistung von epischen Ausmaßen erweisen.

Aus dem Englischen von Jan Doolan