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Die Palin-Farce

New York – Die Nominierung von Sarah Palin als John McCains Vizekandidatin hat die Vereinigten Staaten getroffen wie ein Gewittersturm. Für ihre Legionen von Lippenstift schwenkenden Fans auf der rechten Seite ist Palin eine bodenständige, gottesfürchtige „Hockey-Mom“, deren Elchjagd, evangelikaler Glaube und sogar chaotisches Familienleben eindeutig belegen, dass sie eine waschechte, typische Amerikanerin ist.

Für ihre ebenso überzeugten Kritiker von links – und zunehmend aus der Mitte – ist sie ein beängstigender Vorbote eines theokratischen Amerikas, eine Vollstreckerin der Staatssache im Mafiastil, die über die Verbindung der Anschläge vom 11. September zum Irak lügt, Barack Obama für seinen Widerstand gegen die Folter von Häftlingen verspottet und sich über Vorladungen hinwegsetzt. Man muss sich sie wie George W. Bush II vorstellen, aber in Designer-Pumps.

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Whither Turkey?

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Beide Gruppen reagieren auf authentische Zeichen. Ihre Anhänger werden von starken Symbolen angesprochen, ihre Gegner reagieren auf noch stärkere Tatsachen.

Es ist wichtig, Palins symbolische Anziehungskraft auf eine bestimmte Gruppe von Wählerinnen zu verstehen, und wir müssen die Wut und den Hunger respektieren, die dadurch ausgedrückt werden. Hinter dieser Anziehungskraft steht die Klassenfrage.

Die Talente arbeitender weißer Frauen in Amerika wurden ausgenutzt und unterbewertet, seit die Nation gegründet wurde. Während wohlhabende weiße Frauen oder Frauen aus anderen Verhältnissen, die es geschafft haben, eine erstklassige Ausbildung zu erhalten – die Hillary Clintons, Madeleine Albrights und Condoleezza Rices der amerikanischen Gesellschaft –, den Durchbruch durch die gläserne Decke vollbracht haben und selbst von der Frauenbewegung vergöttert werden, haben die weißen Frauen der Arbeiterklasse diesen Aufstieg mit verständlichem Unmut beobachtet.

Ihre wohlhabenderen Geschlechtsgenossinnen beschäftigen Frauen wie sie, um die Drecksarbeit zu machen, oder sie mussten mit stagnierenden Mindestlöhnen in typischen Frauenberufen oder im Servicesektorghetto des US-Arbeitsmarktes zurechtkommen. Für sie besteht die Decke über ihren Köpfen aus Beton und hängt viel tiefer über ihren Talenten und ihrer Mobilität. Vor allem wurden sie praktisch und symbolisch aus der politischen Diskussion in ihrem Land ausgeschlossen und werden regelmäßig von Politikern herablassend behandelt.

Auch Rasse ist ein Faktor. Obwohl Berichte auftauchen, nach denen Palin einer Gruppe von Afroamerikanern sagte, sie müsse keine Schwarzen einstellen, erleben weiße Frauen aus der Arbeiterklasse ihre eigenen Erfahrungen oft als Feindseligkeit unter den Rassen. Sie nehmen eine Unterschicht wahr, von der sie glauben, sie erhalte staatliche Zuwendungen, die man ihnen verweigere, und eine blühende Wirtschaft in den Entwicklungsländern, die gut bezahlte Arbeitsplätze in der Produktion abschöpft.

So wird Sarah Palin, sobald sie ins mediale Rampenlicht geleitet wird, zur symbolischen Rachefantasie vieler dieser unterdrückten, erschöpften Fabrikarbeiterinnen und Sekretärinnen. Dass eine weiße Frau aus der Arbeiterklasse ausgewählt wird, um einen „Herzschlag“ entfernt vom US-Präsidenten zu arbeiten, findet bei ihnen großen Anklang. Man denke nur an die Anziehungskraft von Filmen wie Thelma ampamp; Louise oder Working Girl – Die Waffen der Frauen, in dem die Hauptfigur eine schneidige, ausgenutzte Sekretärin ist, die, obwohl ihre versnobte Chefin –Absolventin einer Eliteuniversität – auf ihr herumtrampelt, am Ende doch noch den Traumjob, Traumtypen und das Chefbüro bekommt.

Fast jede Frau, die nicht aus privilegierten Verhältnissen stammt, zu Hause kleine Kinder hat und keine Kannibalin oder Satanistin ist, würde bei Frauen im Allgemeinen anfänglichen Beifall ernten, und gewiss bei einer Gruppe, die so lange zum Schweigen verdammt und trivialisiert wurde. Wenn man immer nur Kaffee gekocht hat, ist es schön, sich vorzustellen, die freie Welt anzuführen.

Nichtsdestoweniger zeigen Palins sinkende Umfrageergebnisse, dass diese Frauen, obwohl sie die symbolische Bestätigung großartig finden, nicht dumm sind. Sie bemerken langsam, dass Palin wie ein Model bei einer Automesse herausgeführt wird, um Staatsoberhäuptern vorgestellt zu werden, als wären sie örtliche Autohändler, und dass die Medien zwar Bilder machen, aber keine Fragen stellen dürfen („Das bin ich mit Henry Kissinger!“). Sie bemerken auch, dass die Wirtschaft zusammenbricht, während sich die Lage im Irak nur deshalb beruhigt, weil die USA Aufständischen und Al-Kaida-Sympathisanten pro Person Geld in Höhe einer monatlichen Autorate bezahlt, damit sie ihre Soldaten nicht töten.

Darüber hinaus sieht Palins politische Rolle umso bedrohlicher aus, je mehr sie Form annimmt. Das Problem ist nicht nur, dass sie im McCain-Wahlkampf mit Veteranen der Bush-Cheney-Kabale umgeben wurde (Karl Roves Gefolgsmannen und Mitarbeiter schreiben nun ihre Reden und stimmen jede ihrer Bewegungen ab). Es ist auch, dass sie daran glaubt, Gott habe ihr Legislativprogramm in Alaska festgelegt, und dass sie, wenn es um Auslandsreisen geht, kaum über den Discovery Channel hinausgekommen ist.

Das große, unausgesprochene Problem, das im Raum steht, ist unterdessen die Tatsache, dass Dermatologen bestätigen, dass die Krebsart, für die McCain behandelt wurde, für einen Menschen seines Alters eine statistische Überlebensrate von zwei bis vier Jahren habe. Während sich die beunruhigende Aussicht auf eine lange Präsidentschaft Palins langsam breitmacht, macht sie auf weiße Frauen aus der Arbeiterklasse nun keinen so guten Eindruck mehr.

Was sollten wir also aus dieser kurzen Palin-Blase lernen?

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Indem sie zum Poster-Girl für eine Fortführung der Regierung Bush unter neuem Namen wurde, zeigt sich, dass Palin viel mit strahlenden „Faux-Populistinnen“ wie Eva Peron oder der Parteivorsitzenden der einwanderungsfeindlichen Dänischen Volkspartei Pia Kjærsgaard gemein hat. Was wir beim nächsten Mal und bei allen weiteren Malen daraus lernen sollten, ist, dass bei den Frauen, die unser Essen zubereiten, unsere Internetbestellungen bearbeiten und unsere Krankenhäuser putzen, große Führer und große Träume übersehen werden.

Das, was diese Frauen zu sagen haben, verdient Unterstützung – nicht ein angsteinflößender Strohmann, der eine weitere achtjährige (oder längere) Regentschaft der Verbrecher bringt, die Amerikas Staatskasse geplündert, seine Wirtschaft zugrunde gerichtet und 4000 tapfere junge Männer und Frauen in den Tod geschickt haben, indem sie sie in einen Krieg entsendeten, der auf Lügen beruhte.