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Für BIP-gebundene Staatsanleihen

LONDON – Es ist an der Zeit, dass Regierungen in der ganzen Welt ihre Schulden in einer neuen Form ausgeben, nämlich im Verhältnis zu den Ressourcen ihrer Länder. Anleihen, die an das Bruttoinlandprodukt gekoppelt sind, mit einer Anpassung nach oben und unten an das BIP des die Anleihen ausstellenden Landes, versprechen, viele grundlegende Probleme zu lösen, denen Regierungen gegenüberstehen, wenn die Volkswirtschaften ihrer Länder ins Stocken geraten. Und wenn BIP-gekoppelte Anleihen erst einmal von einer Reihe von Ländern ausgegeben wurden, werden die Investoren die Aussichten hoher Renditen anziehend finden, die winken, wenn einige dieser Länder wieder mehr wachsen.

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Dieses neue Schuldeninstrument ist besonders interessant aufgrund der monumentalen Größe. Die Ausgabe könnte klein beginnen, aber sie wird von Anfang an wichtig sein. Der kapitalisierte Wert des gesamten globalen BIP ist viel mehr wert als die Börsen der Welt und könnte heute bei Billiarden Dollar liegen.

Ein gerade vom Centre für Economic Research veröffentlichter Open-Source-Online-Ratgeber Sovereign GDP-Linked Bonds: Rationale and Designerklärt, wie die Regierungen dies bewerkstelligen können. Ich habe das Buch zusammen mit Jonathan D. Ostry vom Internationalen Währungsfonds und James Benford und Mark Joy von der Bank von England herausgegeben. Das Buch bezieht sich auf Arbeiten, die von dem chinesischen und deutschen Vorsitz des G20, zusammen mit 20 führenden Ökonomen, Rechtsanwälten und Investoren, in Auftrag gegeben wurden. Die Veröffentlichung wurde unterstützt von Andy Haldane, Exekutivdirektor für Finanzstabilität der Bank von England, und Maurice Obstfeld, Wirtschaftsberater und Forschungsdirektor beim IWF.

Ich spreche mich seit 25 Jahren für so etwas wie BIP-gekoppelte Anleihen aus. In meinem 1993 erschienenen Buch Macro Markets beschriebe ich die BIP der Welt als die „Mütter aller Märkte” und schrieb von einer Schuldenform, die ich „unbefristete Ansprüche” nannte. Aber ich habe weder einen Umsetzungsplan noch den Gedanken selber ausgearbeitet. Das tut Sovereign GDP-Linked Bonds.

Die grundlegende Idee ist einfach genug. Die Regierung gibt BIP-gekoppelte Anleihen aus, um Mittel aufzubringen, genauso wie Unternehmen Anteile ausgeben. Durch die Ausgabe dieser Anleihen verpflichten sich die Regierungen, im Verhältnis zu den Ressourcen, die sie haben, zu bezahlen, gemessen am BIP ihres Landes. Das Verhältnis von Preis und BIP von BIP-gekoppelten Anleihen verhält sich im Wesentlichen analog zum Verhältnis von Kurs zu Gewinn bei Aktien. Der Unterschied ist, dass das BIP als Größenordnung größer ist als Unternehmensgewinne, die an den Börsen dargestellt werden.

Sovereign GDP-Linked Bonds argumentiert, dass die Ausgabe von BIP-gekoppelten Anleihen in einigen Ländern einen steuerlichen Spielraum schaffen wird, ein Polster für Notsituationen. Wenn die Zahlungen der Staatsschulden in Devisen festgelegt werden, wie es heute typischerweise geschieht, bedeutet dies ein Problem für die Länder. In einer Finanzkrise werden sie überschuldet, können nichts mehr leihen und sind gezwungen, harte Maßnahmen zu ergreifen, die eine Erholung von der Krise verhindern. Anstatt williger Investoren übernehmen Steuerzahler letztendlich die Verantwortung für das Risiko.

Die Ausgabe von BIP-gekoppelten Anleihen ähnelt dem Abschluss einer Versicherung gegen wirtschaftliche Schwierigkeiten. Die Krisen, die vor zehn Jahren in Ländern wie Irland und Griechenland ausbrachen, wären nicht so schwer gewesen, wenn ihre Verschuldung an das Bruttoinlandsprodukt gekoppelt gewesen wäre. Und dasselbe gilt auch heute noch: Investoren in der ganzen Welt werden das Risiko weiterhin akzeptieren, angesichts der unbegrenzten Vorteile, in ganze Volkswirtschaften investieren zu können. Und sie können das non plus ultra der Diversifizierung erreichen, indem sie BIP-gekoppelte Anleihen aus der ganzen Welt halten.

Man könnte sich fragen, warum Länder kaum je BIP-gekoppelte Sicherheiten ausgegeben haben. Der Grund ist sehr einfach: Finanzinnovation ist schwierig. Finanzielle Interventionen sind so komplex wie technische Innovationen, und es müssen viele Details ausgearbeitet werden, bevor alles reibungslos funktioniert. Wir haben fast keine Beispiele für erfolgreiche BIP-gekoppelte Anleihen aus demselben Grund, warum wir bis in die späten 1980er keine Laptop-Computer gesehen haben. Innovation kostet Zeit und Energie.

Das neue Buch widmet sich dem Designproblem und beschreibt ein Term Sheet für die Verschuldung. Die Antworten fokussieren manchmal scheinbar kleine aber wichtige Fragen. Wie wird der Markt zum Beispiel mit den nachfolgenden Revisionen der angekündigten BIP-Statistiken umgehen? Was geschieht, wenn die Regierung aus irgendeinem Grund nicht rechtzeitig eine BIP-Zahl liefert? Was ist das Verhältnis von BIP-gekoppelten Anleihen zu anderen Staatsschulden in Bezug auf die Laufzeit? Wie müssen Umschuldungsklauseln aussehen und gelten sie auch für konventionelle Staatsschulden? Müssen BIP-gekoppelte Anleihen in der nationalen Währung oder in einer Reservewährung ausgestellt werden?

Es besteht die Sorge, dass Regierungen ihre BIP-Statistiken manipulieren könnten, so dass sie weniger bezahlen müssen. Aber das ist unwahrscheinlich, weil ein niedriges BIP als ein Zeichen des Versagens der jeweiligen Regierung gesehen werden kann. Wie Sovereign GDP-Linked Bonds ausführt, ist eine Inflations-indexierte Verschuldung sogar noch anfälliger gegenüber Regierungs-Mauscheleien, weil der monetäre Anreiz für die Regierung darin liegt, die Inflation nicht an die große Glocke zu hängen, was dasselbe ist wie den Schein zu wahren. Und dennoch ist Inflations-indizierte Verschuldung nicht durch Unehrlichkeit gekennzeichnet.

Die Weltwirtschaft verbessert sich, aber die Nachwirkungen der Finanzkrise haben einen Berg von Staatsverschuldung hinterlassen, was zur Folge hat, dass Regierungen weniger fähig sind, sich auf Steuerpolitik zu verlassen, um auf eine neue Krise zu reagieren. Es ist wichtig, die BIP-gekoppelte Verschuldung jetzt wie in dem Buch beschrieben zu etablieren, so dass die größten Risiken gemanagt werden können und politische Entscheidungsträger sich darauf konzentrieren können, die wirtschaftliche Stabilität aufrecht zu erhalten.

Ähnliche Schuldtitel wie BIP-gekoppelte Anleihen wurden bereits ausprobiert, aber erst, als es bereits zu spät war: als notwendiger Bestandteil von Umstrukturierungsprozessen nach einem Zahlungsausfall. Jetzt können Länder, die sich nicht in der Krise befinden, es ernsthaft ausprobieren. Der größte Schritt vorwärts wird gemacht sein, wenn entwickelte Länder BIP-gekoppelte Anleihen in normalen Zeiten ausgeben. Das wird dem Rest der Welt das Signal geben, auf das er gewartet hat.

Aus dem Englischen von Eva Göllner.

http://prosyn.org/Wh99Quk/de;

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