NATALIA JIDOVANU/AFP/Getty Images

Die Mobilisierung privatwirtschaftlicher Mittel für nachhaltige Entwicklung

WASHINGTON, DC – In den letzten drei Jahren trafen die Vertreter Dutzender Länder jedes Jahr im Juli zusammen, um ihre jeweiligen nationalen Pläne zur Erreichung der Ziele für nachhaltige Entwicklung - der Sustainable Development Goals (SDGs) - vorzustellen. Im Rahmen des jüngsten hochrangigen politischen Forums der Vereinten Nationen präsentierten die Regierungen eindrucksvolle Fahrpläne – von denen fast keiner realistische Budgets oder Einnahmequellen aufwies.  

Schätzungen zufolge bewegt sich Investitionslücke im Bereich Entwicklung im Billionen-Dollar-Bereich, während die offizielle Entwicklungshilfe rund 140 Milliarden Dollar jährlich beträgt. Eine wirksame Methode zur Schließung dieser Finanzierungslücke besteht darin, substanzielle Investitionen aus dem Privatsektor zu mobilisieren.

Der Privatsektor spielt seit langem eine wichtige Rolle bei der Verringerung der Armut und der wirtschaftlichen Entwicklung - eine Rolle, die weit über bloße Finanzierungen hinausgeht. In den Entwicklungsländern schaffen Privatunternehmen 90 Prozent der Arbeitsplätze (die wirksamste Art, Menschen aus der Armut zu befreien) und sie sorgen für verbesserte Effizienz, technologische Anpassung und Innovation sowie für die Verteilung von Waren und Dienstleistungen.

Die privatwirtschaftliche Finanzierung der SDGs würde über etablierte institutionelle Investoren erfolgen, darunter Pensionsfonds, Staatsfonds und Versicherer, die zusammen Billionen Dollars an „geduldigem Kapital“ repräsentieren. Derzeit jedoch wenden institutionelle Anleger nur einen geringen Anteil ihrer Vermögenswerte für sozial verantwortungsbewusstes Impact Investing auf, während sie enorme Summen in eine relativ geringe Anzahl börsennotierter Unternehmen stecken.   

Der Schlüssel, wenn es darum geht die SDGs zu erreichen, besteht daher darin, börsennotierte Unternehmen – insbesondere die großen Firmen, denen der Großteil der institutionellen Investitionen zufließt – dazu zu bringen, bei ihren Entscheidungen die für die SDGs relevanten Kriterien für Umwelt, Soziales und Governance (ESG) zu berücksichtigen. Dieser Ansatz erkennt die Notwendigkeit einer langfristigen Perspektive bei der Umsetzung der Ziele für nachhaltige Entwicklung an, auch wenn wir kurzfristig auf deren Dringlichkeit reagieren.

Die gute Nachricht besteht darin, dass sich ESG-orientierte Investitionen bereits auf dem Vormarsch befinden, wobei die meisten der großen institutionellen Anleger ESG-Faktoren zumindest teilweise in ihre Anlagestrategien integrieren. Im Global Sustainable Investment Review des Jahres 2016 wird berichtet, dass weltweit Vermögenswerte im Ausmaß von 22,89 Billionen Dollar „im Einklang mit verantwortungsbewussten Investitionsstrategien professionell verwaltet wurden.“ Dieser Wert entspricht einem Anstieg von 25 Prozent gegenüber dem Jahr 2014. Auf Europa entfielen dabei 12 Billionen US-Dollar und auf die USA 8,7 Billionen US-Dollar, wobei die höchsten Wachstumsraten in Japan und Ozeanien zu verzeichnen waren.

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Da institutionelle Anleger das Bewusstsein für ESG als Möglichkeit zur Risikominimierung und sogar als Quelle gewinnbringender Chancen betrachten, versuchen sie, diesen Ansatz in ihre Mainstream-Aktivitäten einzubinden. Das ist zwar ein gutes Zeichen im Hinblick auf die Ziele nachhaltiger Entwicklung, dennoch gilt es nach wie vor, bedeutende Herausforderungen zu überwinden, angefangen mit einem unzureichenden Verständnis des Zusammenhangs zwischen ESG-Standards und den SDGs.

Nur wenige Investoren und Unternehmen nutzen derzeit SDGs als Grundlage für nachhaltigkeitsorientierte Strategien. Doch die einzige Möglichkeit, den Shareholder Value zu steigern und dazu beizutragen, die SDGs zu erreichen besteht für Unternehmen und Anleger darin, im Vorfeld sicherzustellen, sich auf ESG-Standards zu konzentrieren, die sowohl materiell relevant für ihre Branche oder ihr Geschäft sind als auch nützlich im Sinne eines Fortschritts bei den SDGs.

In einer jüngst erschienen Publikation nehmen Gianni Betti, Costanza Consolandi und Robert G. Eccles eine Zuordnung der relevanten, vom Sustainability Accounting Standards Board (SASB)  identifizierten ESG-Themen in 79 Branchen aus 10 Sektoren zu den SDGs vor. Unternehmen, die diese Art der Zuordnung nutzen, erkennen welches SDG sie – bis hin zur Zielvorgabe – unterstützen, wenn sie die von ihnen gewählten ESG-Kriterien erfüllen.

Die Überprüfung der ESG-Performance der Unternehmen ermöglicht Anlegern zu erkennen, wie ihre Fonds zur Erreichung der SDGs beitragen. Auf Grundlage dieser Informationen können sie ihre Ressourcen entweder umschichten oder in Unternehmen investieren, die besser abschneiden.

Im Jahr 2016 erstellten Mozaffar Khan, George Serafeim und Aaron Yoon Listen von Unternehmen, die hinsichtlich materieller Fragen ihrer Branche gute oder schlechte Leistungen erbrachten. Die Unternehmen mit der höchsten annualisierten aktiven Rendite (Alpha) von 4,8 Prozent entwickelten sich in materiellen Fragen gut und wiesen schlechte Werte bei immateriellen Themen auf. Die Firmen mit dem niedrigsten Alpha von -2,2 Prozent schnitten in beiden Bereichen schlecht ab. Von entscheidender Bedeutung ist allerdings, dass sich die Diskrepanzen erst nach 7-8 Jahren zeigten.

Das zeigt, dass die verantwortlichen Führungskräfte ihre Aufmerksamkeit ausgewogen auf kurzfristige Leistung und langfristige Aussichten legen müssen. Dazu gehört das Verständnis, welche ESG-Themen in Zukunft von materieller Bedeutung für ihre Branche sein werden und welche Bestrebungen im Bereich der SDGs damit vorangetrieben werden.  

Die Anleger könnten eine langfristige Perspektive hinsichtlich der finanziellen Performance ihrer ESG-basierten Portfolios in Betracht ziehen. Um den Fortschritt zu überwachen und gegebenenfalls Anpassungen vorzunehmen, können sie regelmäßige Berichte über die Entwicklung hinsichtlich ESG sowie ihren Beitrag zu den relevanten Nachhaltigkeitszielen erwarten - so wie sie regelmäßige Berichte über die finanzielle Performance erhalten.

Privatunternehmen tragen bereits auf vielfältige Art zur Erreichung der SDGs bei, aber sie tun das auf Ad-hoc-Basis und in einer nicht ausreichend gekennzeichneten oder zielgerichteten Weise. Durch die Entwicklung intelligenter, umfassender und klar definierter Strategien können private Unternehmen nicht nur Anerkennung für ihre Bemühungen erhalten, sondern auch  Regierungen dabei helfen, realistische Budgets und Finanzierungspläne für die SDGs zu erstellen.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

http://prosyn.org/hOXwBSy/de;

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