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Absage an die Medizintechnologie

Wie es sich für jeden Patienten empfiehlt, verfasste DeBakey eine Patientenverfügung: Darin legte er – noch bei guter Gesundheit – fest, welche medizinische Betreuung er wünscht, wenn er im Krankheitsfall nicht mehr in der Lage sein sollte, dies zu kommunizieren. Im Speziellen sprach er sich in dieser Verfügung gegen große Operationen aus.

Ein Kardinalprinzip in der modernen Medizinethik lautet, dass Patienten das Recht haben, derartige Entscheidungen zu treffen und Ärzte verpflichtet sind, diesen Wünschen Folge zu leisten. Diesem Patientenwillen nicht zu entsprechen, wenn dieser seine Fähigkeit der Entscheidungsfindung eingebüßt hat – wie es geschah, als DeBakeys Ehefrau angeblich mitten in der Nacht in eine Sitzung des Ethikkomitees hineinplatzte und die unverzügliche Operation ihres Gatten verlangte - dieses Ignorieren des Patientenwunsches also, steht im Widerspruch zu dem in den letzten 20 Jahren hart erkämpften Respekt vor der Autonomie des Patienten.

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Ein Schwerpunkt bei den Diskussionen rund um diesen Fall war, ob man sich über die Wünsche eines Patienten hinwegsetzen darf, wenn Angehörige dies verlangen. Nicht angesprochen wurde in dieser Diskussion, ob es überhaupt angemessen ist, invasive, gefährliche und kostspielige Operationen an 97-jährigen Patienten vorzunehmen – auch wenn diese das selbst so wollen.

Während seiner Operation musste DeBakey an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen werden. Es erfolgte die Eröffnung der Aorta, jener Arterie, in der das Blut vom Herzen zu den wichtigsten Organen des menschlichen Körpers transportiert wird. Der beschädigte Teil der Aorta wurde entfernt und durch ein Kunststofftransplantat ersetzt.

Das damit verbundene Risiko war hoch: In einer Gruppe älterer Patienten – der älteste darunter war 77 - bei denen diese Operationsmethode angewandt wurde, starben 18 % noch während ihres Spitalsaufenthaltes. Außerdem bedeutet die Tatsache, dass man die Operation überlebt, nicht automatisch, dass man innerhalb von ein paar Wochen wieder gesund ist. Vielmehr sind damit verschiedenste Komplikationen, beträchtliches Leiden und ein ausgedehnter Spitalsaufenthalt verbunden, während dessen man an Maschinen angeschlossen ist. Das hat auch DeBakey mitgemacht und seine Ärzte haben diese Entwicklung durchaus erwartet.

DeBakey verbrachte drei Monate im Krankenhaus. Die meiste Zeit war er nicht in der Lage zu sprechen oder zu essen, von Aufstehen, Lesen oder Interaktionen mit anderen Menschen ganz zu schweigen. Er war an ein Beatmungsgerät und an eine weitere Maschinen angeschlossen, die Ausscheidungsfunktionen des Körpers übernahmen. Außerdem wurde er durch eine Magensonde künstlich ernährt. Die Kosten seines Spitalsaufenthaltes werden auf über eine Million Dollar geschätzt.

Obwohl DeBakey sich freut, am Leben zu sein, stellt sich die Frage, wie viele Menschen wir einer derart belastenden Behandlung unterziehen sollen, um ihnen ihr Leben um ein paar Wochen oder Monate zu verlängern. Ist es vernünftig, 99 oder vielleicht 999 Patienten tage- oder monatelang leiden zu lassen, nur damit sie anschließend an postoperativen Komplikationen sterben und einer unter ihnen diese Prozedur vielleicht überlebt?

Die Zahl der potenziell lebensverlängernden Technologien, die uns die moderne Medizin bietet, steigt ständig. Ein implantierbarer Kardioverter-Defibrillator kann den normalen Herzrhythmus bei Patienten mit lebensbedrohlichen Rhythmusstörungen nach einem Herzanfall wieder herstellen. Der Linksherzersatz ist ein Gerät, das die Funktion der linken Herzkammer bei Patienten übernimmt, die an Herzinsuffizienz zu sterben drohen. Hoch entwickelte Biopharmazeutika – Medikamente, die bei Patienten mit extrem fortgeschrittenen Tumorerkrankungen eingesetzt werden – sind ebenfalls stark auf dem Vormarsch.

Mit manchen dieser Therapien kann man Menschen in ihrer besten Zeit zusätzliche Lebensmonate oder –jahre verschaffen. Aber welchen Sinn hat deren Einsatz bei den ältesten der Alten, vor allem wenn diese Therapien invasiver Natur und kostspielig sind?

Wenn die Baby-Boom-Generation in den 2010er Jahren das 65. Lebensjahr erreicht, wird ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung der Vereinigten Staaten 13 % betragen. Um das Jahr 2050 werden 21 % der Amerikaner über 65 sein und 5 % über 85. Die Ausgaben der staatlichen Krankenversicherung Medicare – Mittel, die für ältere Menschen ausgegeben werden – sollen von momentan 2,6 % des BIP auf 9,2 % im Jahr 2050 ansteigen. Neue Technologien sind dabei für über 50 % der Kostensteigerungen verantwortlich. Wenn wir auch noch Ressourcen für andere öffentliche Dienste aufbringen wollen – beispielsweise Bildung, Nationalparks und Autobahnen, von der medizinischen Versorgung der Kinder und Armen ganz zu schweigen – müssen wir bei den neuen Technologien auf die Bremse steigen.

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In reichen Ländern heißt das nicht, medizinische Versorgung allein auf Grundlage des Alters zur Verfügung zu stellen. Sehr wohl jedoch sollte man belastende und kostspielige Behandlungen mit einer minimalen Aussicht auf Erfolg, die erst im allerletzten Lebensabschnitt eines Patienten zum Einsatz kommt, begrenzen. Wir müssen vielmehr unsere Sterblichkeit akzeptieren und uns - sowohl aus praktischen als auch aus politischen Erwägungen - auf die Verbesserung der Lebensqualität alter Menschen konzentrieren.

Dazu gehört liebevolle Pflege in Altenheimen, koordiniertes Management chronischer Krankheiten sowie angemessene Schmerzbehandlung im Angesicht des Todes und nicht der Einsatz von immer mehr Technologie, um dem Leben noch ein paar Momente abzutrotzen. Überdies gehört dazu eine systematische Abwägung der Kosten und der Lebenserwartung bei Entscheidungen hinsichtlich der Kostenvergütung im Bereich hochtechnisierter medizinischer Versorgung.